Ayurveda ist kein heilloses Durcheinander

Rangevaya Sira Bhagyalakshmi behandelt ihre Patienten nach der traditionellen indischen Heilkunst und hat eine Praxis in Zürich.

An der Scheibe eines Mehrfamilienhauses in der Kreuzstrasse in Zürich hängt ein Schild: OM Ayurveda Center. Drinnen duftet es nach Balaswagandhadi Thailam, einem in der indischen Heilkunst oft verwendeten Öl. Die Praxis, eine ehemalige Wohnung, ist einfach eingerichtet. Im Besprechungszimmer sitzt man der Ayurveda-Ärztin gegenüber. Im Behandlungsraum steht ein Massagebett mit pinkfarbenen Leintüchern, und in der linken Ecke befindet sich eine Dampfkammer. An den Wänden hängen Bilder von Blumen.

 

"In Europa wird Ayurveda nicht als grundlegende Medizin angesehen", erklärt die Ayurveda-Ärztin Rangevaya Sira Bhagyalakshmi. Es herrschten falsche Vorstellungen, auch heile man im Ayurveda nicht "direkt", also wie in der europäischen Medizin, sondern eher mit Kräutern und dem, was die Natur hergibt. "Im Westen hat man das Gefühl, dass Ayurveda nur langsam heilt und dass es höchstens als zusätzliche Hilfe bei der westlichen Medizin dient. Jedoch hat man mit Ayurveda schon oft Hautkrankheiten sowie Arthritis und andere Krankheiten geheilt, bei denen die westliche Medizin nicht mehr weitergekommen ist, ohne dem Patienten eine lebenslange Dosis an Medikamenten zu verschreiben." Ayurveda bedeutet "Wissen vom Leben". Es gehe darum, die Krankheit vor allem daran zu hindern, sich weiter auszubreiten. Dazu dienten eine entsprechende Diät und Heilkräuter. "Ich kann etwa 80 Prozent meiner Patienten erfolgreich behandeln", sagt sie. "Bei zehn Prozent kann ich die Krankheit nicht völlig vertreiben, und den übrigen zehn Prozent sind meine Diät und Vorschriften zu hart, sie geben auf." Ob ein Patient heilbar sei, das komme auf verschiedene Aspekte an: das Alter und die Willenskraft. Auch sei die Anzahl involvierter Organe wichtig und wie lange die Krankheit schon aktiv sei. "Jeder Patient ist auf seine Art speziell, man kann nicht immer sofort sagen, ob ein Patient heilbar ist oder nicht." Und leider könne man nicht jede Krankheit oder Verletzung mit Ayurveda heilen. Tiefe Wunden und Tumore seien nicht gut behandelbar, diese benötigen eine Operation.

 

Bhagyalakshmi hat schwarze Haare und dunkelbraune Augen. Aufgewachsen ist sie im indischen Karnataka. "Als ich klein war, wollte ich in der Administration arbeiten und Menschen in Not helfen. Dann bekam mein Bruder schlimmes Asthma. Und als er endlich geheilt war, wusste ich, was ich wirklich wollte: in der Gesundheitsbranche arbeiten. Zudem war das auch der Wunsch meines Vaters, und ich wollte diese Zufriedenheit in seinen Augen sehen." Achteinhalb Jahre lang studierte Bhagyalakshmi Ayurveda am Govt Ayurveda Medical Center in Bellary. Dabei hat sie sich mit vielen Themen auseinandergesetzt: Anatomie, Physiologie, Pathologie, Toxikologie, Gynäkologie, Pädiatrie, Chirurgie, Sanskrit, Yoga, die Vedische Literatur und praktische Erfahrungen in ayurvedischen Methoden an Universitäten und Krankenhäusern. Zudem arbeitete sie mit vielen ayurvedischen Ärzten zusammen und präsentierte eigene wissenschaftliche Arbeiten. Heute ist sie auch eine zertifizierte Yogalehrerin.

 

Die 40-Jährige wohnt seit 2015 in Zürich. Als sie noch in Indien arbeitete, lernte sie einen indischen Mann kennen, der in der Schweiz als Medizintechniker arbeitete. Sie heirateten, zogen in die Schweiz und haben heute einen zehn- und einen sechsjährigen Sohn. "Ich erkläre meinen Patienten gerne, wie sich eine Krankheit überhaupt entwickelt, sodass sie darauf achten können und einen Grund für ihre Beschwerden finden."

 

Sie hat zwei Arten von Kunden. Die einen kommen, weil sie ein klares Problem haben, und die anderen, um ihre Gesundheit aufrechtzuerhalten und sich selbst etwas Gutes zu tun. Dazu zählen vor allem Frauen, da sich Bhagyalakshmi unter anderem auf Gynäkologie spezialisiert hat, insbesondere auf Krankheiten, die die Fruchtbarkeit der Frauen hemmen. Dabei untersucht sie die Ursprünge und Ursachen von Hormonungleichgewichten, die die Probleme hervorrufen. Zur Heilung verwende sie dann Essensplanänderungen, Herbalmedizin und Lebensstil-Anpassungen. Auf einer Liste markiert sie alle Lebensmittel, die man für eine gewisse Zeit nicht essen sollte. Zum Beispiel sagt sie, man dürfe zwei Wochen lang keinen Käse oder Rohkost essen. Dann erstellt sie einen Plan, wann man essen soll. Sie gibt Zeiten an, wann man die jeweilige Mahlzeit zu sich nehmen soll, vor allem sollte man zwischendurch keine Kleinigkeiten essen.

 

Viele Patienten kämen auch mit Verdauungsproblemen. "Wenn ein Patient mit Magenbeschwerden zu mir kommt, gehe ich häufig so vor: Zuerst optimiere ich den Essensplan, dann suche ich den Ursprung der Krankheit, und als Letztes behandle ich mit Herbalmedizin." Sie hat jede Menge Pulver, Pasten und Pillen auf pflanzlicher Basis, sorgfältig nach ayurvedischer Vorgabe produziert. Zum Beispiel verordnet sie dem Patienten ein Pulver, von dem er dann vier Wochen lang immer vor dem Essen eine Messerspitze einnehmen muss. "Eine Behandlung dauert je nach Motivation des Patienten und Fortschritt der Heilung ungefähr fünf Wochen." Da sie in ihrem Studium auch psychologische Fähigkeiten erworben hat, klärt sie ihre Patienten zudem mental auf. Jedes Jahr heile sie zwischen 350 und 400 Patienten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 10.11.2025, Nr. 261, S. 26 - Dorian Lenggenhager, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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