Bei Schwerelos ist schwer was los

Der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg spricht über eine Ausstellung des Konzeptkünstlers Leandro Erlich

Ein ganzes Haus, samt Wurzeln, aus dem Boden gerissen, schwebt in der Luft. Nur knapp über den Köpfen der Besucher. Durch einen Blick in die hell erleuchteten Fenster erkennt man, dass sich "der Zustand der Schwerelosigkeit hier fortsetzt und bewirkt, dass das ganze Mobiliar durch die Gegend fliegt", erklärt Andreas Beitin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. Die Ausstellung "Schwerelos" des argentinischen Konzeptkünstlers Leandro Erlich, unter der Leitung der Kuratoren Beitin und Dino Steinhof, ist noch bis zum 13. Juli zu sehen. Das Haus und weitere Großinstallationen wurden in Italien vorgefertigt und dann mit sechs Lastzügen nach Wolfsburg transportiert, wo sie von 25 Handwerkern in fünf Wochen zusammengebaut wurden.

 

Ihren Ursprung findet die Ausstellung in dem Objekt "Pulled by the Roots". Als Beitin vor zehn Jahren noch im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe arbeitete, feierte die Stadt ihr dreihundertjähriges Jubiläum. "Das Problem war nur, dass die ganze Stadt eine einzige Baustelle war." Die Straßenbahnen wurden in eine U-Bahn transformiert und das Stadtbild zeichneten Schuttberge und Kräne. Das ZKM sollte eine Ausstellung für den öffentlichen Raum konzipieren. Zu den Künstlern zählte auch Erlich. Er entwickelte das Konzept, dass an einem weiteren Baukran ein Altstadthaus aus der Gründerzeit Karlsruhes hängen sollte. "Das fanden wir eine tolle Idee." Das Haus wurde in Originalgröße rekonstruiert, es war das meistfotografierte Objekt. "Ich war ganz verwundert, dass die Menschen mich immer fragten, warum das Haus denn Wurzeln habe, und weniger überrascht waren, dass ein Kran ein ganzes Haus in die Luft heben kann", berichtet der Siebenundfünfzigjährige. Das 6,85 Meter hohe Haus in Wolfsburg ist eine überarbeitete Variante des Karlsruher Hauses, das damals nach der Ausstellung entsorgt wurde. Von außen wirkt es wie ein gewöhnliches Einfamilienhaus mit rostroten Dachziegeln und grünen Fensterläden. Ein leicht zu übersehender Riss in der Hauswand auf der rechten Seite zeigt den Umriss Südamerikas, die Heimat des zweiundfünfzigjährigen Konzeptkünstlers.

 

Anderswo scheinen weiße, bauschige Wolken in gläsernen Vitrinen gefangen zu sein. Betrachtet man sie von der anderen Seite, erkennt man, dass es sich um mehrere Glasscheiben handelt, die so angemalt sind, dass sich die Illusion einer schwerelosen Wolke ergibt. Mit ein wenig Phantasie erkennt man einen Fisch, Pfeil, Vogel und auch hier den Umriss von Südamerika.

 

Erlich zielt auf die Interaktion. "Für ihn ist das Kunstwerk erst dann komplett, wenn die Menschen in der Rakete auf dem Glasboden stehen und anderen zuwinken oder Fotos voneinander machen", berichtet Beitin, während er in Jeans und Turnschuhen durch die Ausstellung geht. Zu ihr gehört auch das Thema Migration, das besonders 2015, in dem Jahr, in dem die Ausstellung in Karlsruhe entstand, an Bedeutung gewann. Zu dem Zeitpunkt gab es laut Beitin etwa 65 Millionen Flüchtlinge auf der Welt. Deren traumatisierende Erfahrung werde durch das gewaltige Haus zum Ausdruck gebracht. Auch die Flüchtlinge wurden "entwurzelt". Die Ausstellung erlaube sogar kleinen Kinder, sich mit diesem ernsten Thema spielerisch auseinanderzusetzen. "Das eine muss das andere nicht ausschließen."

 

Das Konzipieren von Ausstellungen "ist der Funfaktor bei meinem Job", sagt Beitin. Als Kurator sei er unter anderem dafür verantwortlich, die Position auszusuchen, die er gerade für Objekte wie "Pulled by the Roots" als passend empfindet.

 

Eine stählerne Treppe führt auf die Empore, wo gläserne Vitrinen stehen. Gleich zu Beginn sticht ein zehn Zentimeter kleiner goldglänzender Schmetterling ins Auge, der mit seinen menschlichen Ohren anstatt der gewohnten Flügel für Verwunderung sorgt. Eine Schnecke trägt ein Gehirn auf ihrem Rücken und streckt ihre fingerartigen Fühler aus. Ein Haus wächst aus einem Salatkopf. Das ist die Serie "Hybrid Nature", in der sich Erlich dem Verhältnis von Mensch und Natur widmet. Auch das persönliche Interesse des Kurators spiegelt sich darin wider. Ursprünglich absolvierte Beitin eine Lehre zum Gärtner und arbeitete als solcher sogar ein Jahr in Neuseeland. "Damals konnte ich mir nicht vorstellen, in einem Büro zu sitzen. Ich wollte gerne draußen arbeiten." Mit 26 Jahren habe er sich dann aber doch entschieden, Kunstgeschichte, Angewandte Kulturwissenschaften und Geschichte in Münster zu studieren.

 

Beitin will möglichst viele Menschen, für Kunst interessieren. So gibt es das von der Volkswagen Group geförderte Programm "Young and Free", das Personen bis 18 Jahren freien Eintritt bietet. Auch Schüler. "Ich bilde mir nicht ein, dass alle zu großartigen Museumsgängern werden", aber ihm sei es wichtig, dass junge Menschen die Faszination von Kunst entdecken. Die angehende Abiturientin Rachel Tomlin erklärt: "Ich finde die Werke sehr interessant, weil die Besucher wirklich integriert werden, um die Bedeutung herauszufinden." Außerdem haben Ausstellungen wie "Schwerelos" einen "extrem hohen Selfiefaktor, was heutzutage natürlich total wichtig ist", meint Beitin belustigt. Auf dem Boden unterhalb der dicken Wurzeln des Hauses sitzen Kinder auf großen anthrazitfarbenen Kissen. Sie betrachten eine fiktive Landschaft. Die Arbeit heißt "Soprattutto", zu Deutsch "über allem". Sie stellt eine Szenerie dar, "die auch hier in Niedersachsen sein könnte. Sie stellt im Grunde die ganze Welt auf den Kopf", erläutert Beitin. Während eine große silberne Rakete auf die Erde zuzufliegen scheint, hat ein Mond "seine Umlaufbahn verlassen und ist in der Halle gelandet. Die Grundidee ist, alles einem Perspektivwechsel zu unterziehen." Die zwölf Meter hohe aschgraue Halbkugel "Moon" kann man über eine Rampe betreten und im Innern durch eine Projektion in das Universum mit seinen bunten Farben und leuchtenden Sternen blicken. Ein verspiegelter Fußboden verstärkt die Illusion von Unendlichkeit und Schwerelosigkeit.

 

Der Mond sei auch eine Metapher für eine gewisse Dystopie, meint Beitin. "Menschen wie Elon Musk erwägen, Kolonien auf dem Mars zu errichten, falls die Erde irgendwann nicht mehr bewohnbar ist. Ich persönlich würde immer sagen, man sollte das Geld anstatt in diese abenteuerliche Marsmission lieber in den Erhalt unserer Erde stecken. Im Zweifel ist es hier angenehmer als auf dem Mond."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.05.2025, S. 26 - Charlotte Weise, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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