Beim Funk geht's rund

Die deutsche Stimme von Radio Slovenia Stadtsiegerin im Vorlesewettbewerb ausländischer Schüler wurde die blonde Jugoslawin Tatjana Dolanc.“ So steht es auf einem zerfransten Zeitungsausschnitt vom 30. März 1976 aus einer lokalen Frankfurter Zeitung. ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt sechs Teenager in einer Bibliothek. ein Mädchen mit hellem Haar blickt fröhlich in die Kamera. Jugoslawien gibt es schon lange nicht mehr. Und das Mädchen ist heute slowenische Staatsbürgerin und 61 Jahre alt. Dolanc fällt mit ihrem blonden Haar und ihrem einnehmenden Lachen noch immer in je der Gruppe auf. Ihre Stimme ist seit Jahr zehnten sogar weit über ihren Wohnort hinaus zu hören: es ist die deutsche Stimme von Radio Slovenia International. „Start der Fußball-EM 2024: Slowenien erstmals seit 24 Jahren wieder dabei. Guten tag, mein Name ist Tatjana Dolanc.“ So begrüßte die Journalistin am 14. Juni ihre Hörer. Ihre Radiokarriere war nicht vorhersehbar. „Ich war acht Jahre alt, als ich mit Mutter und Stiefvater nach Frankfurt kam. Beide hatten dort Arbeit gefunden.“ Sie selbst habe gerade einmal „Guten tag!“, „Auf Wiedersehen!“ und „Guten Appetit!“ sagen können. „Aber ich hatte ein sehr gutes Gedächtnis, Sprachen lernen fiel mir leicht.“ Nach der Frankfurter Vorlesemeisterschaft habe sie sogar noch die hessenweite gewonnen. „Die Menschen in Deutschland mochten uns Slowenen sehr, wollten wissen, was wir in Jugoslawien für Klamotten anzogen. Und natürlich, warum ich blond bin.“ 1981 kehrte sie als 18-Jährige mit der Familie nach Slowenien zurück, „weil mein jüngster Bruder geboren wurde, und die eltern wollten, dass er in Maribor auf wächst“. Das habe wieder Um- und einge wöhnung bedeutet, „denn in Deutschland war das Leben damals, besonders in den Städten, lebendiger und progressiver als bei uns“. Dolanc legte die Prüfung in einer kaufmännischen Berufsschule in Maribor ab und bearbeitete i n der exportabteilung einer Automobilfirma die deutschsprachi ge Korrespondenz. „1986 erhielt ich plötz lich einen Anruf von Radio SI.“ eine Ver wandte produzierte dort ein Programm über Slowenen im Ausland und hatte unsere Geschichte vorgestellt. Der Chef redakteur bot mir einen Job an. Auf mei nen Hinweis, dass ich keine erfahrung mit Radioarbeit hatte, sagte er nur, das könne ich lernen. Das einzige, was zähle, sei, dass ich Deutsch könne.“ Daraus sind nun 38 Jahre Radioarbeit geworden. Radio Slovenia International wurde 1985 gegründet. es sendet von seinen Stu dios in Maribor in deutscher, englischer und slowenischer Sprache. Radio SI gehört zum öffentlich-rechtlichen Sender RtV Slovenija und ist teil des european Radio Network, für das es zehnminütige Berichte aus Slowenien produziert. Die Atmosphä re in den Mariborer Studios ist entspannt. Nur wenn über einem rot „ON AIR“ leuch tet, herrscht drum herum Stille. Das Ra dio-SI-team wird geleitet von Darko Pukl. er freut sich, dass man im ersten Quartal 2024 42.000 Hörer täglich hatte. „Sie sind mehrheitlich zwischen 30 und 50 Jahre, und fast 70 Prozent haben einen Hoch schulabschluss.“ Die meisten seien Slowe nen, „wegen der Musik und weil sie ihr Deutsch und englisch trainieren möch ten“. Aber der Sender richtet sich auch a n ein internationales Publikum. Besonders gefragt sind die Verkehrsberichte und Wettervorhersagen, vor allem in den Som mermonaten. D as team mit 17 Festange stellten hat auch beliebte Serien im Pro gramm. Dazu gehört „How to become a Slovene“ mit humorvollen Reflexionen über slowenische Kultur, Sprache und Ge wohnheiten, die der deutsche Leiter der englischsprachigen Abteilung, Michael Manske, produziert. Oder die Reihe „Da ve’s challenge: Let’s learn Slovene“ mit dem Iren Dave Ryan und Reportagen des engländers Chris Wherry. D olanc leitet die deutschsprachige Abteilung und liefert Beiträge zur Serie „Im Fokus“ mit aktuel len themen aus Politik, Kultur und Sport. „Wir sind schon lange nicht mehr nur im Land bekannt. Während der Flutkatastro phe im August 2023 wurde ich von der Deutschen Welle um ein Interview gebe ten, um live über den Stand der Dinge zu berichten.“ Seit den G ründerjahren des Senders hat sich viel verändert. „Damals war Deutsch Fremdsprache Nummer eins. Heute wird mehr in englisch produziert und gesendet. es ist mehr und mehr eine Herausforderung, verifizierte Quellen zu finden und zu nutzen, ohne Konnotatio nen mit einer Präferenz für Partikularinte ressen, Länder, Politiker, Parteien, Grup pierungen.“ Aber das sei teilweise ja schon immer so gewesen. „Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit.“ 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Februar 2025, Nr. 28, S. 26 - Tin Šoškič, Doroteja Drevenšek, Ela Falež, Ema Holešek, Discimus Lab, Videm pri Ptuju

zurück