In Schöneberg trägt ein Achtzigjähriger tonnenweise Kronkorken zusammen und spendet das mit dem Altmetall gesammelte Geld an eine Organisation, die Hunde als Lebensbegleiter für Kriegsversehrte ausbildet.
Was wie Müll aussieht, ist tatsächlich ein winziges Stück Hoffnung. "Seit meine Frau mir vor Jahren von einer Mutter und Tochter erzählte, die Kronkorken für die Finanzierung von Therapiehunden sammelten, sehe ich diese mit ganz anderen Augen", erzählt der 80 Jahre alte ehemalige Vertreter für Krawatten Horst W., der seinen ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er trägt einen blauen Wollpullover, an der linken Brust ein Kronkorkenbutton. Hier in seiner Wohnung sieht man ihn das erste Mal ohne seine bunt gestreifte Strickmütze, unter der er sonst geschickt seine grauen Haare versteckt. Horst erzählt, wie er mittlerweile fast täglich stundenlang durch den Berliner Bezirk Schöneberg zieht und von Stammkneipen über Restaurants bis hin zu Kinos und Kiosken alle Geschäfte abklappert, die für ihn Kronkorken sammeln. Zurück kommt er meist mit zwei zehn Kilogramm schweren Ikea-Tüten.
"Entstanden ist das Ganze durch den ehemaligen Bundeswehrsoldaten Alexander Schmidt." Der Deutsche Bundeswehr Verband berichtet auf seiner Website über Schmidt: "Als Sanitätssoldat fuhr er 1996 während des Kosovokriegs im Panzerkonvoi durchs ehemalige Jugoslawien. Die psychischen Folgen des Einsatzes ignorierte er, nahm stattdessen an weiteren Auslandseinsätzen teil, mit dramatischen Folgen." Schmidt erlitt immer schlimmere Depressionen und Flashbacks. Erst seine Frau habe ihn 2013 dazu bewegen können, sich therapeutische Hilfe zu holen. Später bekam er einen speziell ausgebildeten Begleithund an seine Seite, Labradormischling Krümel, der auf kleinste Anzeichen achtet, ob es seinem Herrchen schlecht geht, und ihn bei Panikattacken durch gezieltes "Anstupsen" mit der Schnauze ins Hier und Jetzt zurückholt.
"Aktion Pfötchen" nennt sich die Organisation, die Schmidt 2019 gründete, für Kameradinnen und Kameraden, die ebenfalls Traumata erlitten haben. Die Hunde helfen Menschen mit einer einsatzbedingten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), Struktur und Sicherheit im Alltag zu bekommen. "So eine Ausbildung kann bis zu 25.000 Euro kosten, pro Hund", meint Horst. Und sie werde weder von der Krankenkasse noch von der Bundeswehr übernommen.
Horst erzählt von einem Ingenieur, der einen speziellen Stock entwickelt hat, an dessen Ende ein Magnet mit einer Öse befestigt ist, um sich das Aufsammeln zu erleichtern. Horst hat von seiner Frau solch ein Werkzeug geschenkt bekommen. Heute sammelt er aber nur noch selten per Hand. "Ein Tag hat ja auch nur 24 Stunden." Inzwischen hat er zahlreiche Helfer, die direkt an der Kronkorken-Quelle sitzen, die nun für ihn sammeln. "Ganze 90 Anlaufstellen habe ich jetzt." Die kleinen silbernen Schätze lagert er im Keller, nicht mehr in seiner Wohnung, um dem Alkoholgeruch zu entgehen. Sobald sich 22 befüllte Taschen angehäuft haben, ruft er seinen Freund an, der die 220 Kilogramm Weißblech zur Bundeswehr bringt. Dort wird das Altmetall in Geld umgewandelt und an "Aktion Pfötchen" weitergegeben. Recyclinginitiativen kaufen das Blech und lassen es zu neuen Produkten verarbeiten. Wichtig ist Horst die Balance zwischen seinen Hobbys und dem Sammeln. "Das gelingt mal mehr, mal weniger, aber der Kronkorken beherrscht mich nicht." Er zeigt auf Bücher, die er an den Tagen liest, an denen er lieber zu Hause bleibt. Finanziell lohne sich das Sammeln kaum. Für einen einzelnen Kronkorken bekommt man nur 0,03 Cent, je nach Tagespreis. So ergibt eine Tonne Kronkorken am Ende nur 100 bis 190 Euro. Auf der Website "Aktion Pfötchen" schreibt Schmidt: "Der eine oder andere vermag nun zu sagen, dass so ein Kronkorken nicht viel wiegt. Ich sage: Eine Schneeflocke wiegt auch nicht viel, dennoch brechen unter Last tausender Schneeflocken ganze Äste oder Bäume!" Horst berichtet, dass er jährlich bis zu drei Tonnen zusammenträgt. Doch genügt dies nur, um einen winzigen Bruchteil eines Therapiehundes zu finanzieren. Würde er allein sammeln, bräuchte er mehr als 40 Jahre für einen Hund. "Ich mache etwas Gutes für die Gesellschaft, mach noch ein bisschen sauber, und das hilft ja. Kein Mensch, der ehrenamtlich tätig ist, macht das nur für den anderen, der macht das immer auch für sich selbst."
Begeistert erzählt er von den Menschen, die ihm auf seinen Routen begegnen. Sich selbst nennt Horst einen "Geschichtenerzähler". Dabei ahmt er die Personen nach. "Was machst du denn da?", erzählt er von einem Betrunkenen, der offensichtlich neugierig ist, was jemand mit zehn Kilogramm Müll anstellen möchte. Es ist der Austausch mit den Menschen, der den Kronkorkensammler noch glücklicher macht als das Ehrenamt selbst. "Der entscheidende Punkt ist, die Person schaut mir in die Augen, sie hört nicht durch mich hindurch, sie hört mir zu, und das geht mir ins Herz." Horst tippt sich auf seine linke Brust. Diese Begegnungen seien sein persönlicher "Schlüssel zur Zufriedenheit". Ihm gehe es nicht um öffentliche Anerkennung. Er möchte lieber anonym bleiben. Über die Zeit hat er eine Faszination für die Deckel entwickelt. Jeder einzelne sei wie ein kleines Gemälde. In einer Schachtel hat er seine schönsten Schätze sortiert, einige zum Thema Meer, andere mit Tiersymbolen. Er bittet Freunde, ihm besondere Kronkorken aus dem Urlaub mitzubringen. Seine Frau bastelt daraus Anstecker. Jeden Tag trägt Horst auf seinem Sammelweg seinen Favoriten: einen Kolibri vor rotem Hintergrund.