Der portugiesische Architekt Camilo Rebelo liebt den Baustoff, aus dem er berühmte Gebäude errichtet hat
Zwischen grünen Bergen und Tälern des oberen Douro erblickt man, fast felsenartig, eine gewaltige graue Struktur voller kleiner senkrechter Risse. Sie befindet sich in Vila Nova de Foz Côa. Dort, wo sich in der Altsteinzeit die ersten Menschen trafen und einige der ältesten Ritzzeichnungen der Welt schufen. Die graue Struktur ist das Museu do Côa, ein Werk des Architekten Camilo Rebelo aus Porto. "Jedes Museum ist eine Geschichte", erklärt der Zweiundfünfzigjährige. Er baute es mit dem Architekten Tiago Pimentel, nachdem er 2004 die Ausschreibung gewann. Sie mussten auch entscheiden, wo genau das Museum stehen soll. "Wir dachten: Was ist hier besonders? Es sind die Gravuren auf den Schieferfelsen."
Also entwarfen sie ein felsenartiges Museum am Schnittpunkt zwischen dem Douro- und dem Côa-Tal. Als Material war Schiefer, das Gestein der Region, vorgesehen, doch angesichts der 6500 Quadratmeter großen Flachdachoberfläche war klar, dass dieser bei der Fläche unter Druck und Umwelteinflüssen Risse bilden würde und brechen könnte. Also ließ man das Schiefergestein mit Beton nachbilden. "Es sieht jetzt aus wie Schiefer, ist aber Beton." Um den felsenartigen Eindruck zu verstärken, reduzierte man den Einsatz von Türen. Man betritt das Museum durch einen riesigen senkrechten Riss in der Mitte. Da man auch Büros mit Fenstern schaffen musste, wurden die Flächen oberhalb der Fensterfronten als Strichcodes strukturiert. Auf der einen Seite ist als Barcode der Name des Museums zu lesen, "auf der anderen wird nicht deutlich, was da verschlüsselt wurde, da ist für zukünftige Archäologen noch was zu entdecken", lacht der grauhaarige Portugiese. Bei großen Projekten sei ihm "ein durchgängiger Maßstab" wichtig. Im Museu do Côa sind es 60 Zentimeter. Alle Möbel, Türen und Teile weisen das Ein- oder Mehrfache davon auf. Nach mehr als zwei Jahren Planung und zwei Jahren Bauzeit war es fertig. Rebelo war oft vor Ort. "Jede Woche zwei- bis dreimal. Eine dreistündige Fahrt von Porto. Manchmal waren es 45 Grad, und manchmal schneite es." Das Museum sollte auch "wie eine Bühne" wirken, da es weit und breit kein anderes Gebäude gibt. "Heute drehen dort Unternehmen wie Mercedes, Elle oder Wella Werbefilme", und "Somos Portugal", eine Sonntagsnachmittagssendung im Kanal TVI, ist regelmäßig Gast gewesen. Im Museum selbst befinden sich neben Repliken der paläolithischen Gravuren auch Kunstwerke von Ângelo de Sousa, etwa der Unendlichkeitsspiegel und andere große Spiegel, die überall verstreut sind. Sie "bringen lebendige Fläche, nehmen Gewicht aus den Innenräumen weg" und sollen die Ungewissheit der Archäologen darüber symbolisieren, warum die frühen Menschen Tiere in die Felswände geritzt haben.
In seiner Heimatstadt wurde Rebelo 2016 mit dem Bau des Porto-Museums beauftragt. Allerdings fand er die Idee schrecklich. "Man kann nicht eine ganze Region in einem Museum zusammenfassen." So baute man ein kleines Museum, das nur der Geschichte des Portweins und dem Fluss Douro gewidmet ist. In Analogie zur schwarzen Portweinflasche hebt es sich als "einziges schwarzes Haus an der gesamten Front der Ribeira do Porto" vom Rest der hellen und farbigen Häuser am Douroufer ab. Man bekam die Erlaubnis, gegen den Ensemble-Schutz der UNESCO zu verstoßen, die derart auffällige Häuser in der Altstadt von Porto verbietet. Im Keller des 500 Jahre alten Gebäudes befindet sich ein Weinarchiv zur Verkostung. "Weinkultur ist Trinken", sagt Rebelo. Auch an mögliche Überschwemmungen des Douro hat man gedacht. Das Wasser kann in das Museum ein- und wieder abfließen, ohne Schäden zu hinterlassen.
Rebelo ist seit 1999 auch als Lehrer tätig, sowohl an der Architekturhochschule FAUP in Porto, wo er studierte, als auch an der Universität Shanghai. Mit deren Studenten hat er 2022 den vor allem aus Holz bestehenden Aussichtsturm Element'U in der schönen Landschaft der Provinz Gansu errichtet. Der Architekt baut auch für Privatkunden. Bei "Promise" etwa handelt es sich um eine Luxusanlage in Monte Novo da Guarita Grândola auf einem 40 Hektar großen Grundstück. Es sei eine Herausforderung gewesen, die besten
Bauplätze auf einem so großen Gelände in der Einöde des Alentejo zu finden. "Einmal hat mir ein Hirte gesagt: Wo es Tiere gibt, ist der Boden gut. Also haben wir einfach Schafe losgelassen und geschaut, wo sie sich versammeln." Eine weitere Luxus-Privatvilla, Ktima, erstreckt sich über 1200 Quadratmeter mit neun Schlafzimmern, alle mit Blick auf das Mittelmeer, von den Hügeln der griechischen Insel Antiparos. "In Griechenland ist es immer so: abstrakt von oben, figurativ von unten." Vom Meer aus ist Ktima mit seinen weißen, geometrischen Strukturen ein Blickfang; vom Eingang aus sieht es aus wie ein normales griechisches Dorf. Das Projekt wurde in der Netflix-Sendung "Die außergewöhnlichsten Häuser der Welt" vorgestellt.
Auch einfache Räume werden zu Projekten. Ovo aus dem Jahr 2014 besteht aus einem 21 Quadratmeter großen unterirdischen Raum im Haus eines Kunstsammlers zwischen Chur und Davos. Dort sollte das Werk des portugiesischen Künstlers Rui Chafes einen passenden Ausstellungsort finden: nämlich ein großer, schwarz bemalter Stahlsamen, aus dem verschiedene Strahlen hervortreten, die von einem Draht an der Decke in einem kuppelförmigen Raum mit farbwechselnden LEDs gehalten werden. Der Kunde, Olivier Jacout, ist ein großer Zwiebel- und Knoblauchproduzent in Frankreich. Um den eiförmigen Raum zu bauen, wurde der verschalte Raum einfach mit Beton gefüllt. "Ovo ist wie ein Pudding, nur aus Beton", meint Rebelo. Insgesamt wurden fünf Lastwagen voll Material verwendet. Der Boden des Zimmers besteht aus drei Schichten extraweißem Marmor aus dem portugiesischen Estremoz.
"Wenn ich könnte, würde ich nur mit Beton bauen." Sein eigenes Wohnhaus in Porto hat Rebelo ebenfalls entworfen, das Projekt MIM, portugiesisch für "mich". Im Sommer 2024 ist er mit Frau und Tochter eingezogen. Das Haus hat einen in neun Quadrate unterteilten sudokuartigen Grundriss. Auf die Idee dazu kam er durch seine iranische Frau Mina, über die er von der altpersischen Zarathustra-Baukunst erfuhr. Selbst das Auto hat einen eigenen Raum im Sudokukonzept. "Es ist, als ob das Auto bei uns wohnt und sich in seinem Zimmer schlafen legt, wenn wir ins Bett gehen. Ich liebe es, meine Frau aber findet es schrecklich."