Da brat mir einer 'nen Storch

1950 war der Weißstorch in der Schweiz ausgestorben. Heute gibt es wieder mehr als 1000 Brutpaare. Was ist passiert?

Anfangs waren wir skeptisch", erinnert sich Max Zumbühl. "Aber wir waren überzeugt: Das war keine Kampagne, das war eine Lebensaufgabe." Der siebenundachtzigjährige ehemalige Maschinen-Ingenieur aus Hombrechtikon im Zürcher Oberland war über 50 Jahre lang Storchenhelfer und wurde zu einer prägenden Figur eines der erfolgreichsten Artenschutzprojekte der Schweiz. In seinem Haus lagern viele Mappen und Ordner voll mit Dokumenten und Statistiken.

 

"Das Wiederansiedlungsprojekt wurde von Max Bloesch ins Leben gerufen", erzählt Zumbühl. "Bereits 1948 hat er mit ersten Versuchen begonnen, den Weißstorch in der Schweiz wieder heimisch zu machen." Damals war dieser so gut wie verschwunden. Die Gesellschaft Storch Schweiz berichtet, dass um 1900 rund 140 Nester bekannt waren, in denen regelmäßig gebrütet wurde. Der Bestand ging bis 1949 auf ein einziges Paar zurück, "und 1950 blieb auch dieser letzte Horst verwaist". Die Gründe waren vielfältig. "In erster Linie waren die Witterung, Nässe und Kälte im Frühling mitverantwortlich, zudem wurden immer mehr Flüsse und Bäche verbaut, Feuchtgebiete trockengelegt, und die Mechanisierung der Landwirtschaft schuf eine immer eintönigere Landschaft."

 

1955 flog Bloesch nach Algerien, um 36 Jungstörche mitzubringen. Beim ersten Versuch wurden die Jungen in der Schweiz aufgezogen und dann freigelassen - in der Hoffnung, dass sie im nachfolgenden Jahr zurückkehren. "Doch das taten sie nicht oder nur vereinzelt", berichtet Zumbühl. Ab 1959 flog Bloesch noch dreimal nach Algerien. Insgesamt brachte er 292 Störche von dort in die Schweiz.

 

Beim zweiten Versuch wurden die Störche jahrelang in der Station behalten, damit sie sich vermehren. "Erst als die Population eine gewisse Größe erreicht hatte, wurden sie freigelassen", berichtet Zumbühl. Störche in Europa nehmen normalerweise einen von zwei Zugwegen, um in den Süden zu gelangen. Die Westroute führt über Gibraltar und die Ostroute über Istanbul nach Afrika. "Schweizer Störche fliegen eigentlich über die Westroute. Doch viele nahmen damals nicht den normalen Zugweg nach Westen, sondern flogen nach Süden, so wie es die algerischen Störche taten. Sie landeten in den Tälern der Alpen und schafften es nicht nach Gibraltar." Erst beim dritten Anlauf wurden die Störche so lange zurückgehalten, bis deutsche und holländische Störche über die Schweiz flogen. In der Hoffnung, dass die Schweizer Störche sich diesen anschließen und die "richtige" Route nach Afrika finden würden. Diese Umprogrammierung der Flugroute funktionierte nach einigen Jahren. "In der Wissenschaft spricht man heute von Prägung durch soziale Zugpartner: Störche lernen von anderen, wenn man sie lässt", betont er.

 

Zumbühl gehört dem Ornithologischen Verein Hombrechtikon an. 1987 gründete dieser die 22. Storchenstation der Schweiz am Lützelsee im Zürcher Oberland. "Das war ein Kraftakt. Wir haben Land von Bauern gekauft, Nester gebaut und einen Schichtbetrieb für die Pflege der Tiere organisiert. 356 Tage im Jahr, bei Wind und Wetter." Viele Freiwillige wurden mobilisiert. "Heute gibt es in der Schweiz über 1000 Brutpaare - so viele wie noch nie. Seit 2010 wächst die Population jährlich um etwa zehn Prozent." Die Störche brüten vom Bodensee bis zum Genfer See, besonders viele Paare gibt es rund um den Greifensee und im solothurnischen Altreu, dem Zentrum zur Wiederansiedlung.

 

Der Schutz bleibt eine Herausforderung. Stromleitungen, Verkehr, der Verlust von Feuchtgebieten und das Verschwinden der Insekten als Nahrungsgrundlage bedrohen die Tiere. Extreme Wetterlagen erschweren die Brutzeit. "Wenn es im Frühling tagelang regnet, verhungern die Jungtiere in den Nestern, weil die Eltern keine Nahrung finden. Oder sie erfrieren. Das gehört leider dazu." Der Klimawandel verändert das Zugverhalten. "Immer mehr Störche bleiben im Winter in der Schweiz oder in Südfrankreich und Spanien, statt wie früher nach Afrika zu ziehen." Der Grund dafür seien die milderen Winter und das reichhaltige Nahrungsangebot.

 

Ein zentrales Element des Schutzprogramms sei die Beringung der Jungvögel. "Ein kleiner Aluminiumring mit individuellem Code ermöglicht es uns, Reiserouten, Paarverhalten und Alter der Störche zu dokumentieren." Man wisse heute, dass Störche meist paartreu seien und oft zum selben Nest zurückkehren. "Aber sie können auch flexibel sein. Nicht viel anders als wir Menschen." Zumbühl lächelt. "Manchmal sind die Jungen auch beim Beringen abgehauen. Störche können bis zu einer Woche ohne Futter überleben. Deshalb sollten sie nicht zusätzlich gefüttert werden. Das wäre ein Eingriff in die Natur." Wichtig sei die Zusammenarbeit zwischen Naturschutzorganisationen und Freiwilligen. "Das Netzwerk Storch Schweiz koordiniert die Aktivitäten und sorgt für den Austausch von Wissen und Erfahrung." Am Ufer des Lützelsees schaut er zu den Störchen, die nach Nahrung suchen. Sein von tiefen Lachfalten durchzogenes Gesicht verrät die vielen Jahre, die er draußen verbracht hat. "In wetterfester Jacke und Hut hebt er eine Feder auf. "So eine Feder ist für mich wie ein kleines Wunder. Sie erinnert mich daran, wie zerbrechlich und doch widerstandsfähig das Leben ist. Man muss Geduld haben mit der Natur. Sie folgt ihrem eigenen Rhythmus, und wir können viel von ihr lernen, wenn wir genau hinschauen. Für ihn beginnt Umweltschutz im Garten. "Man sollte aufhören, überall Gifte zu streuen oder jede Wiese wie einen Golfplatz zu behandeln. Wenn wir die Insekten verlieren, verlieren wir alles. Man sollte wieder Ehrfurcht vor der Natur und dem Leben empfinden. Auch vor den Mücken im Sommer, . . . auch wenn sie lästig sind."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 22.12.2025, Nr. 297, S. 26 - Marco Pfyffer, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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