Bruno Aebli ist Lokomotivführer in der Schweiz. Seine größte Verspätung betrug 30 Minuten.
In einem naturnahen Garten in Tägerwilen im Kanton Thurgau tuckert eine kleine Lokomotive im Maßstab 1:45 auf Schienen durch dunkle Tunnel und über blumenhohe Brücken. Ab und zu fährt sie durch einen Miniaturbahnhof. Mittendrin steht Bruno Aebli. Er ist groß, trägt T-Shirt und verwaschene Jeans. Mit zwölf Jahren entdeckte er die Modelleisenbahn für sich. Seitdem ist das Hobby aus seinem Leben und aus seinem Garten nicht mehr wegzudenken. Überall sind winzige Schienen, hinter dem Gartenzwerg, auf dem Hochbeet und unter der Steintreppe. Zweimal die Stunde hört man nebst dem Surren der Modelleisenbahn auch das Rauschen des Zuges, der im nahen Bahnhof von Tägerwilen einfährt. Als Sohn eines Lokomotivführers, dessen Vater schon Lokomotivführer war, wurde die Faszination früh geweckt. "Wir sind damals mit der Familie sehr viel Zug gefahren. Manchmal durfte ich meinen Vater auch auf der Arbeit begleiten." Für den heute 48-Jährigen war schnell klar, dass er in dessen Fußstapfen treten wollte. Er präsentiert seinen ganzen Stolz: eine ausrangierte Zugschranke, die seine Einfahrt flankiert. Sie lässt sich per Fernsteuerung bedienen und fährt leicht quietschend hoch und runter. Sein achtjähriger Sohn Darius hat die Liebe zu Zügen geerbt. Die ältere Tochter Josephine kümmert sich hingegen lieber mit ihrer Mutter Gabi um die Hasen. Nach einer vierjährigen Lehre als Maschinenmechaniker begann Aebli eine Ausbildung als Zugführer bei den SBB, den Schweizerischen Bundesbahnen. Um Lokführer zu werden, braucht es eine abgeschlossene Lehre oder die Matura. Aeblis Arbeitstag startet mit dem Warten und Überprüfen der Arbeitsgeräte und der Übernahme des Zuges. "Einen Zug sicher vom Ausgangs- zum Zielbahnhof zu führen", ist seine Hauptaufgabe, dazu gehören weit mehr Verantwortlichkeiten, als nur "Gas zu geben und zu bremsen". Die Inbetriebnahme der Züge, das Prüfen der Sicherheitseinrichtungen, Rangiermanöver und das Remisieren der Züge am Tagesende, also das Abstellen, seien fundamentale Aufgaben eines Zugführers. Doch das Wichtigste sei, "die Fahrgäste sicher und angenehm ans Ziel zu bringen".
Die Fahrt kann zwischen 15 Minuten und 3,5 Stunden dauern. Spätestens nach 4,5 Stunden muss Aebli eine Pause einlegen. Ein Arbeitstag als Zugführer dauert zwischen sechs und zwölf Stunden. "Jeder Tag ist anders", schwärmt er. Ob verschiedene Triebfahrzeuge und -züge, schlechte Witterungsbedingungen oder die Herausforderung, die Pünktlichkeit trotz widriger Umstände einzuhalten, der Beruf hält Überraschungen bereit, auch schlechte. "Das schlimmste Erlebnis war für mich, als ein Zug vor mir eine Herde Rehe überfahren hatte. Ich musste als nachfolgender Zug im Schritttempo nachts durch dieses Waldstück fahren und schauen, was der Zug erwischt hatte. Ich wusste jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht, was passiert war."
Zu seinen Highlights zählen die Fahrten mit Extrazügen oder besonders schweren Personenzügen über den Gotthardpass, der über 2000 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Zugstrecke führt von Immensee im Kanton Schwyz nach Chiasso in Italien und ist 206 Kilometer lang. Sie wird seit 1909 von den SBB betrieben. Aeblis ungewöhnlichstes Erlebnis war ein Stromausfall in einem Tunnel, bei dem ihm tatsächlich im Dunkeln ein Passagier mit einer brennenden Kerze entgegenkam.
"Ich war schon immer fasziniert von der Eisenbahn. Das Beschleunigen von Hunderten von Tonnen in kürzester Zeit und wie zuverlässig dieses über 178 Jahre alte System noch immer funktioniert. Zum Teil mit modernster Technik und neuesten Zügen, aber auch mit über 60 Jahre alten Lokomotiven." Die erste ausschließlich auf Schweizer Boden gebaute Eisenbahnstrecke wurde 1847 zwischen Zürich und Baden eröffnet und hieß im Volksmund "Spanisch-Brötli-Bahn".
Was macht den Schweizer Zugverkehr so zuverlässig? "Es wird sehr viel Geld in die Infrastruktur investiert. Dadurch funktioniert das System sehr zuverlässig und ist nicht so störungsanfällig wie teilweise bei anderen Bahnen. Das verdanken wir auch der großen Zugdichte und der Verwaltung der Zugstrecken. So muss niemand lange auf den nächsten Zug warten. Die Pünktlichkeit der Schweizer Züge ist unser Markenzeichen. Meine größte Verspätung, welche während der Fahrt entstand, betrug 30 Minuten. Dies infolge einer technischen Störung, aufgrund derer ich nicht mehr weiterfahren konnte. Der Zug musste abgeschleppt werden. Das war kurz vor Wassen am Gotthard. Eine Lok von SBB Cargo schleppte mich dann nach Göschenen. Dort konnten die Passagiere in einen anderen Zug umsteigen."