In einem Berliner Atelier für Geigenbau und Restaurierung wird Kostbares instand gesetzt
Eine blaue Metalltür und Stufen aus Beton in einem Hinterhof in Berlin-Charlottenburg. Ein Stockwerk weiter oben, hinter einer großen, alten Tür, tut sich eine fremde Welt auf: Dutzende Geigen, Bratschen und Celli hängen und stehen in einem hellen Raum. Ein schwerer Holzschreibtisch bildet die Theke, am Fenster stehen Werkbänke mit Pinseln, Stiften und Werkzeugen. Das Atelier für Geigenbau und Restaurierung, das vor 27 Jahren von Yves Gateau und Daniel Kogge gegründet wurde, ist eine versteckte Schatzkammer der Musik.
In einem Seitenzimmer voller Notenhefte, -ständer und Bögen sitzt Kogge in seiner grünen Schürze. "Eine tolle Kombination zwischen Handwerk und Kunst", sagt der 59-jährige Berliner. Er und sein Kollege Gateau legen den Schwerpunkt auf die Restaurierung, Reparatur und Klangeinstellung von Instrumenten. "Restaurierung, das sind Projekte, die locker mal ein, zwei Jahre dauern können", sagt der Geigenbauhandwerksmeister. Die Instrumente sind teilweise jahrzehnte- oder sogar jahrhundertealt. Vor einer Instandsetzung wird ein Kostenvoranschlag erstellt, denn wenn die Reparatur teurer ist als das Instrument, ist das "ein wirtschaftlicher Totalschaden". Doch wenn etwa ein Stradivari-Werk zur Reparatur erscheint, "ein wahres Kunstobjekt, eine Rarität", dann wird alles getan, um dieses Unikat wieder in den bestmöglichen Zustand zu versetzen. Von welchen international bekannten Solisten der Berliner schon Instrumente in den Händen hielt und welche Sammlungen und Stiftungen sie betreuen, könne er aus Datenschutzgründen nicht sagen. "Je wertvoller ein Instrument ist, desto komplizierter ist die Reparatur, um den Wert dieser Kunstwerke zu erhalten."
Die Instrumente sollen, so weit es geht, im Originalzustand belassen werden und ihre Reparateure um eine ganze Weile überleben. Kogge sagt, dass die Reparaturen nicht zu bemerken sein sollen. "Wenn du es siehst, dann ist irgendwas schiefgelaufen." Dabei ist die moderne Technik eine große Hilfe, auch wenn der Geigenbau ein "ultrakonservativer Berufsstand ist. Wenn man so will, hecheln wir einem Ideal hinterher, das schon 250 Jahre tot ist." Ein Beispiel für die Nutzung neuartiger Technologien sei die CNC-Fräse zur präzisen Bearbeitung von Materialien. Sie werde durch einen Computer gesteuert, der ihre Bewegungen exakt kontrolliert. So eine Fräse erlaube eine sehr materialschonende Arbeit und könne mithilfe von Scans, die vom Originalinstrument erstellt werden, Teile davon millimetergenau nachbauen. So werden unter anderem Einsätze für die fragilen Decken beschädigter Instrumente erstellt. Diese werden mithilfe der Fräse gefertigt und später in das Werkstück eingesetzt. Die Instrumente selbst kämen jedoch nie mit einer Fräse in Berührung. "Es muss jeder Schritt reversibel, also rückgängig zu machen sein. Alles, was ich mache, sodass zukünftige Generationen es auch mal anders machen können, wenn die Erkenntnis, die Technik oder was auch immer weiter ist." Und selbst wenn kleine Missgeschicke passieren, wie eine falsche Färbung der Retusche, die nachträglich über die bearbeiteten Stellen gelegt wird, "stellen sich diese schnell heraus und man kann dementsprechend schnell reagieren".
Die moderne Foto- und Speichertechnik erleichtere ihre Arbeit. Bilder von Instrumenten werden in riesigen Datenbanken gespeichert, die für Geigenbauateliers weltweit zugänglich sind. Sie können zum Abgleichen genutzt werden, falls eine Wertbescheinigung für ein Instrument in Auftrag gegeben wird. Diese Fototechnologien unterstützen die Geigenbauer auch in der Alters- und Herkunftsbestimmung. Vor allem die Jahresringe auf der Decke geben Auskunft. An der Decke lasse sich nicht nur das Alter des geschlagenen Baums bestimmen, sondern auch der Ort, an dem er gewachsen ist. Sie werde meistens aus Fichtenholz hergestellt. Es habe sich über die Jahrhunderte herausgestellt, "dass das unseren persönlichen Klangvorstellungen am besten entspricht. Ob es das Beste ist, wissen wir nicht, aber es gefällt uns Menschen schlichtweg am besten." Wichtig sei, dass die Bäume aus höheren Berglagen wie etwa aus den Alpen kommen. Dort wachsen sie langsamer und vor allem gleichmäßiger, da das Holz im Sommer keine Wachstumsschübe macht. Dies ist auch für die Optik wichtig, da das Holz dann eine gleichmäßigere Maserung hat, was einfach "schöner aussieht". Der Rest der Geige wird in der Regel aus Ahornholz gebaut. Bei Bratschen oder Celli wird auch oft Weide oder Pappel verbaut. Diese Hölzer haben eine gut sichtbare Maserung.
Für Kogge sind "die Instrumente eine spannende Kombination aus Antiquität und Alltagsgegenstand". Die künstlerische Vielfalt sei für ihn eine wichtige Komponente seiner Arbeit. Man könne nicht einfach nach einem vorgefertigten Schema arbeiten, sondern müsse immer selbst ein Auge darauf haben, ob die Formen verschiedener Teile des Instrumentes, wie beispielsweise die F-Löcher, in der Kombination mit dem Rest des Instrumentes zusammenpassen und harmonisch aussehen. Natürlich gibt es für alles Unmengen an Vorlagen und Messwerten, aber insgesamt "ist es ein bisschen wie beim Musizieren. Du hast das Notenblatt vor dir, und natürlich kannst du nach Note spielen, Punkt. Perfekt. Aber das Extra ist eben die Musikalität, die sich nicht aus den Noten selber widerspiegelt, sondern das machst du aus dem Material, was du da vorliegen hast."