Jan Wissgott legt nicht nur als Pilot weite Strecken zurück. Auch seine Ausbildung war ein langer Weg.
Starting engine one, starting engine two, engines stable." Die Startbahn des Willy-Brandt-Flughafens Berlin-Brandenburg erstreckt sich bis zum Horizont. Das leise Surren der Elektronik durchbricht die Stille zwischen den Funksprüchen zum Bodenpersonal. Die zunehmende Vibration der Triebwerke, die den baldigen Start ankündigt, ist im Cockpit ebenso spürbar wie die Verantwortung für mehrere Hundert Menschenleben.
Das ist der Arbeitsplatz von Jan Wissgott, ein Mann Mitte 30 mit dunklem Haar und einer Haltung, die Sicherheit und Gelassenheit ausstrahlt. Und jahrelange Erfahrung. Doch bis hierhin war es ein weiter Weg, geprägt von einer intensiven Ausbildung, schlaflosen Nächten und der unbeirrbaren Entschlossenheit, das Cockpit eines Verkehrsflugzeugs zu erreichen.
"Mein Vater ist auch Pilot, und schon als Kind wollte ich wissen, wie es überhaupt möglich ist, dass so ein 80-Tonnen-Vogel abhebt", erinnert sich der Berliner. Doch der Traum, den Himmel zu erobern, erfordert mehr als nur Neugierde. "Der Einstieg ist mit Abstand das Schwierigste und das am meisten Unterschätzte." Nur wer sich durch einen harten Eignungsprozess kämpfe, mit umfangreichen psychologischen und medizinischen Tests, habe überhaupt die Chance, diesen Beruf zu erlernen. Anschließend beginnt die Ausbildung mit einer zweimonatigen "kleinen" Theorie für die PPL, die Private Pilot License. Diese bildet die Grundlage für weitere Berechtigungen und Lizenzen. Schließlich folgt der ersehnte Moment: das erste Mal im Cockpit. "Das erste Mal eine Cessna zu steuern, war einfach unbeschreiblich." Wissgotts Augen leuchten. Kleinflugzeuge dienen den Auszubildenden als Trainingsplattform, bevor es in die großen Maschinen geht. Darauf folgt ein Jahr intensiver Unterricht für die ATPL, die Airline Transport Pilot License. "Das erste Jahr besteht fast ausschließlich aus Theorie." Aerodynamik, Meteorologie, Flugrecht oder Navigation. "Du musst fleißig sein, ständig üben und bereit sein, immer weiter zu lernen." Man brauche ein gutes Verständnis für Mathematik und Physik. Es gehe darum, die Mechanismen zu begreifen, die dafür sorgen, dass ein mehrere Tonnen schweres Flugzeug sicher abhebt und landet. Doch bevor die Erlaubnis zum eigenständigen Abheben gegeben werden darf, stehen stundenlange Schulungen im Simulator auf einem speziellen Flugzeugtypen an. Wissgott ist Airbus-Pilot und Experte für den A320. Das sogenannte "Type Rating", die Musterberechtigung, dauert in der Regel drei bis vier Monate. "Im Simulator wirst du auf alles vorbereitet, von technischen Störungen, wie beispielsweise einem Turbinenausfall, bis hin zu extremen Wetterlagen wie Turbulenzen und Gewitter." Jeder Handgriff muss sitzen, jeder Gedanke schnell und präzise sein. In der Luft gibt es keinen Platz für Unachtsamkeiten.
Nach dem erfolgreichen Checkflug im Simulator folgt das aufregende "Touch and Go"-Training. "Das ist das erste Mal, dass du im richtigen Flugzeug sitzt. Dabei darfst du zehn Mal starten und landen." Es wird eine Platzrunde geflogen und sofort wieder durchgestartet, kaum dass die Räder den Boden berührt haben. "Das Erlebnis wird dir für immer im Gedächtnis bleiben." Wissgotts Ausbildung, die er in der Flugschule von Air Berlin absolvierte, dauerte zweieinhalb Jahre und forderte einen hohen finanziellen Eigenaufwand, ein Aspekt, der oft unterschätzt werde. "Die Ausbildung in der Flugschule kann schon mal bis zu 120.000 Euro kosten." Nicht jeder hat das Glück, dass die Firma, für die später geflogen wird, die Ausbildungskosten übernimmt. Wer sich selbst finanzieren muss, steht vor einer gewaltigen Hürde. Wissgott hatte Glück: "Meine Firma hat einen großen Teil der Kosten getragen und mir angeboten, mich nach der Ausbildung direkt zu übernehmen. Aber nicht alle angehenden Piloten haben diese Möglichkeit." Der Berufseinstieg sei ein weiterer steiniger Weg. "Bevor du dich überhaupt bei einer Fluggesellschaft bewerben kannst, musst du mindestens 500 Flugstunden vorweisen." Diese müssen auf einem Flugzeug mit mindestens 20 Tonnen Startgewicht absolviert werden. Doch mit jeder Stunde kommt das Ziel näher. Es ist ein langwieriger Prozess, der Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Perspektivisch muss jeder angehende Pilot berücksichtigen, dass der Beruf wenig Stabilität bietet, auch wenn die derzeitigen Aussichten bei der Zunahme des Luftverkehrs sehr gut seien. "Corona hat gezeigt, wie schnell man auf der Straße stehen kann", sagt Wissgott und denkt an die vielen Kollegen, die während der Pandemie arbeitslos wurden. Auch die Flexibilität, die den Beruf anfangs so attraktiv macht, kann mit der Zeit zur Belastung werden. "Am Anfang fand ich es genial, ständig unterwegs zu sein und die Welt zu sehen. Heute in Berlin, morgen in Málaga, übermorgen auf Teneriffa. Mittlerweile habe ich eine Familie, und da betrachtet man die Sachen dann anders. Zum Glück kann ich aber jeden Abend bei ihnen zu Hause sein, da ich derzeit auf europäischen Mittelstrecken eingesetzt werde."
"Theoretisch kann jeder, der die körperlichen Anforderungen erfüllt, Pilot werden." Die Realität sei aber, dass nur wenige die Disziplin und das Durchhaltevermögen mitbringen, die nötig seien. "Außerdem musst du kommunikativ sein, aber auch lernen, kurz, knackig und präzise zu reden. Es gibt keine Zeit für Missverständnisse." Der Beruf fordert mentale Stärke. "Im Cockpit musst du ein Ruhepol sein, egal wie stressig es wird."