Thomas Melchior war wettsüchtig, verlor viel Geld und landete im Gefängnis. Heute ist er in den Stadien präsent und kämpft gegen Sportwetten.
Ein Mann, ein Pappschild und das falsche Trikot. Wenn Fußballfans Thomas Melchior vor dem Stadion sehen, wissen viele Bescheid. "Wette verloren" ist in schwarzen Buchstaben auf dem an einem abgesägten Besenstiel montierten weißen Karton zu lesen. Stets im Trikot des Erzfeindes sticht er vor den Spielstätten heraus und erfreut sich dank sozialer Medien bundesweiter Bekanntheit. "Mir war klar, dass es nur darüber geht", erklärt der Sechsundvierzigjährige seine Idee. Er möchte "in die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Kinder und Jugendlichen reinkommen. Die Leute sollen fragen: Welche Wette hat der verloren?" Er käme mit ihnen dann ins Gespräch und sage: "Ich habe nicht nur eine Wette verloren, sondern mehrere Zehntausend."
Als Melchior am 22. November 2005 das Champions-League-Spiel des FC Bayern München gegen SK Rapid Wien in seiner Wohnung nur wenige Kilometer vom Stadion entfernt verfolgt, ahnt er noch nicht, dass dieser Abend eine Zäsur in seinem Leben bedeutet. Zur Pause führen die Bayern mit 1:0. Dann passiert es: Werbung. Und sie verführt ihn. Ein Wettanbieter gewinnt den 1,80 Meter großen Bankkaufmann als Kunden. Er setzt zehn Euro darauf, dass die Bayern mit mindestens zwei Toren Unterschied gewinnen. Das Endergebnis: 4:0. Die Bilanz: Aus zehn Euro werden elf. "Ich habe sofort angefangen zu rechnen: 10 Prozent Rendite in 45 Minuten, das ist super, weil ich meinen Kunden während meiner Arbeit nur drei bis fünf Prozent pro Jahr verkauft habe."
20 Jahre später sitzt Melchior in einem kleinen Café in der Magdeburger Innenstadt. Er trägt ein weißes T-Shirt und graue Jeans. Seine kurzen, dunkelblonden Haare sind modisch nach oben gestylt. "Das hat für mich in dem Moment richtig viel Sinn ergeben", sagt er. "Im Nachhinein natürlich nicht mehr, weswegen ich die Leute jetzt davor warnen möchte." Auf Instagram heißt sein Kanal "Sportwettensheriff". Dort hat er 45.000 Follower.
Bis zur ersten Wette stand der gebürtige Görlitzer mit beiden Beinen im Leben. 1997 macht er Abitur, 1998 beginnt er ein Jura-Studium, das er zwei Jahre später abbricht. Darauf beschließt er, bei der Stadtsparkasse München eine Ausbildung zum Bankkaufmann zu machen. "Weil München schon immer einen Reiz auf mich ausgeübt hat", erklärt er und fährt sich durch seinen kurzgetrimmten Kinnbart. Nur einen Tag nach dem ersten Gewinn platziert der sich selbst als "sparsamen Menschen" bezeichnende Melchior 600 Euro in 44 unterschiedlichen Wetten. "Es war ein Kribbeln da, das ich so noch nicht kannte. In dem Moment, wo die Wette beendet war, egal ob gewonnen oder verloren, habe ich sofort wieder einen neuen Reiz gebraucht und musste die nächste Wette platzieren." Je größer der Einsatz und die Anzahl der Wetten, desto größer auch sein Kribbeln und seine Risikobereitschaft. Dem einen Euro Gewinn vom Vortag stehen keine 24 Stunden später 200 Euro Verlust gegenüber. "Mit der ersten Wette hat ein Schalter im Kopf klick gemacht, und der hat sich erst mit meiner Festnahme angefangen umzustellen." Aber bis zu diesem 18. Januar 2019 fließt nicht nur viel Wasser die Isar hinunter, sondern auch viel Geld in die Kassen der Sportwettenanbieter. Sein Weihnachtsgeld 2005 in Höhe von 2000 Euro verzockt der ehemalige Zehnkämpfer sofort. "Ich habe den Bezug zum Geld völlig verloren. Früher hätte ich ewig darüber nachgedacht, ob ich es ausgebe, und plötzlich habe ich am Tag mehrere Tausend Euro in Sportwetten investiert. Lügen kamen als Nächstes hinzu. Lügen insofern, wie es mir wirklich geht." Nach einem Jahr hat Melchior sein Erspartes verspielt und beginnt, die Familie und später andere Leute nach Geld zu fragen. "Als dann keines mehr kam, habe ich es mir einfach genommen oder anderweitig besorgt." Im Januar 2007 kündigt ihm die Münchener Stadtsparkasse. Er zieht nach Dresden, wo er aber keine dauerhafte Anstellung findet. "Meine finanziellen Verhältnisse waren nicht mehr geordnet, dementsprechend war meine Arbeitsleistung schlecht. Zudem wurden mir zwei Wohnungen zwangsgeräumt." Zu diesem Zeitpunkt sei ihm klar gewesen, dass er die Schulden nicht mehr loswerden würde. Sein Umfeld sei nach und nach weggebrochen, seine Familie habe sich von ihm abgewandt. "Ich habe diesen Berg an Problemen gesehen und wusste nicht, wie ich der ganzen Sache Herr werden sollte." Die Perspektivlosigkeit verleitet ihn zu wahnsinnigen Wetten. Beim U-19-Länderspiel Deutschland gegen Griechenland 2007 setzt er 9000 Euro darauf, dass Deutschland das Spiel nicht verliert. Und es kommt, wie es kommen musste: Die Junioren Griechenlands erzielen in der Nachspielzeit das Tor zum 3:2-Endstand.
Seine Sucht bringt ihn ab 2009 immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz. Auf Geldstrafen folgen Bewährungsstrafen, es folgt der Stellungsbefehl zum Haftantritt im Juli 2018 wegen Betrugs, Unterschlagung und Diebstahl. Melchior sagt: "Ich hatte Angst davor, die Haft anzutreten." Deshalb sei er umgezogen, ohne sich zu melden. Der Verzweiflungsgrad sei sehr hoch gewesen, auch Suizidgedanken habe er gehabt. Seine letzte Straftat ist der Betrug durch mehrere Umtauschversuche an einem Dresdner Elektrowarenhändler. "Als der Ladendetektiv die Polizei gerufen hat, bin ich ganz ruhig geblieben, weil ich gemerkt habe, dass es vorbei ist."
Eingesperrt gefühlt habe er sich in der JVA Dresden nie. In Handschellen sei sogar, zum ersten Mal seit Beginn der Wettsucht, das Gefühl von Freiheit in ihm aufgekommen. Während seiner Haftzeit erlangt er seine Produktivität zurück, arbeitet in der Bäckerei und wird Sprecher der Gefangenen. "Ich wusste, dass das ein ganz wichtiger Schritt ist, um in die Gesellschaft zurückzufinden." Ihm sei es wichtig, dass er anderen weggenommenes Geld auch wieder zurückzahlen könne. Und obwohl er kurz nach der Entlassung rückfällig wird, kehrt er im Februar 2023 Sportwetten endgültig den Rücken zu.
Heute wohnt Melchior mit seiner Lebensgefährtin in Magdeburg. Die wisse genau über seine Vergangenheit Bescheid und sei ein toller Rückhalt. Mit seinem großen Schuldenberg konfrontiert, entwickelt er ein Gefühl dafür, wie er diesen abbauen und auf das Thema Spielsucht aufmerksam machen kann. Für Aufsehen in der Fußballwelt sorgt er damit seit September 2025.
In Hannover ist er als ein Blau-Gelber unter Tausenden Roten der Stein des Anstoßes, auf Schalke als Schwarz-Gelber im Meer der Blau-Weißen. Ihn unterstützt ein kleines Team, das ihn mit Handykameras filmt. Die Vorbereitung ist einfach, aber die Umsetzung kostet Nerven. Als er jetzt an diesem kalten Novembernachmittag vor der Magdeburger Avnet Arena steht, ist seine Aktion hier schon einige Wochen her. "Ungewohnt hier im neutralen Outfit zu sein", stellt er lachend fest. Das gelbe Dynamo-Dresden-Trikot hätte er am 24. September 2025, dem sechsten Spieltag der Zweitliga-Saison, zwar dabeigehabt. Ihm sei aber schnell klar geworden, dass er das nicht direkt vor dem Stadion tragen könne. "Wenn hier alles voller blau gekleideter Fans ist und du der einzige Gelbe bist, dann hast du zwar die volle Aufmerksamkeit, aber leider oftmals auch den vollen Hass." Als er im Trikot von Eintracht Frankfurt vor dem Darmstädter Böllenfalltor steht, schlägt ihm ein Anhänger der "Lilien" eine Zahnkrone aus dem Mund. Der Verein habe ihm die Schuld an diesem Vorfall gegeben, er hätte mit einer solchen Gewalthandlung rechnen müssen. Was Melchior noch viel schlimmer findet: "Sie machen ihre eigenen Fans süchtig nach Sportwetten und kriegen dafür von NEO.bet als Sponsor mindestens eine sechsstellige Summe im Jahr. Darmstadt gibt eine unglückliche Figur ab, die aber stellvertretend dafür ist, was im Fußball schiefläuft. Alle Vereine sind abhängig von der Glücksspielindustrie oder haben Angst vor DFB und DFL." Die beiden Dachorganisationen haben nämlich ebenfalls Wettanbieter als Werbepartner. "Und den Preis zahlen die Fans, manche sogar mit ihrer gesamten Existenz."
Melchior möchte beweisen, dass es trotz seiner Geschichte möglich ist, wieder ein normales Leben zu führen. Exemplarisch dafür steht neben seinen Vorträgen über die Abhängigkeit das unlängst erschienene Buch "Im Kampf gegen Spielsucht und Wettmafia". Mit diesem möchte er ein positives Signal an alle den Sportwetten verfallenen Menschen senden und seine Schulden zurückzahlen. "Ich halte Vorträge in Vereinen, Schulen, das habe ich früher schon gemacht, bin schon selbständig damit, Autor bin ich jetzt noch nebenbei und seit einigen Wochen auch Influencer. Ich habe drei Standbeine." Momentan ist er dankbar für jeden einzelnen Tag. "Ich habe aufgehört, das Glück im Glücksspiel zu suchen. Und dann hat das Glück angefangen, mich zu suchen."