Das Mathebuch macht heilfroh

Spitalschulen ebnen Kindern trotz Krankheit den Weg zurück in den Alltag

Unsere Kinder hier sind nicht nur Patienten, sondern auch Schülerinnen und Schüler, die uns Tag für Tag mehr ans Herz wachsen. Trotz ihrer Krankheit oder eines schweren Unfalls haben sie dasselbe Recht auf Bildung wie jedes andere Kind", betont Barbara Trechslin, eine sportliche Frau mit kurzen Haaren und einer warmen Ausstrahlung. Sieben Jahre lang war sie Lehrerin und Schulleiterin an der Spitalschule für Patientinnen und Patienten im Kinderspital Zürich, bevor sie 2014 auch die Schulleitung in der Psychosomatisch-Psychiatrischen Therapiestation übernahm und nicht mehr unterrichtet. 

 

Die rund 30 Spitalschulen unterschiedlicher Größe bilden eine eigene Gruppe in der Schweizer Bildungslandschaft und sind im Volksschulgesetz als eigenständiges Bildungsangebot verankert. Früher haben sie den Sonderschulen angehört. Dort hätten sie aber nie richtig reingepasst, meint Trechslin. Der Unterricht finde in Schulzimmern statt, die in das Spitalgebäude integriert sind. Rund 80 Prozent der Kinder werden aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands direkt am Bett unterrichtet, die übrigen arbeiten in einem Gruppenraum. Am Morgen besuchen die mobilen Kinder eine Stunde lang den Werkunterricht. Nach neun Uhr beginnt die erste Lektion. Die Lehrer gehen mit fahrbaren Unterrichtswagen direkt ins Krankenzimmer. Jeden Monat habe man etwa 60 zu unterrichtende Kinder. "Die Schulzeiten werden kommuniziert und sind in einem multidisziplinären Tool eingetragen." Am Nachmittag erwarten jeweils eine Lehrperson und eine Praktikantin vier bis sechs Kinder verschiedenen Alters in einem Gruppenraum, erzählt Trechslin und zeigt Fotos der Zimmer. Der Eingang ist liebevoll mit Malereien geschmückt. In der Mitte des Raums stehen Stühle und ein großes Pult, auf dem die Lehrmittel bereitliegen. In den Ecken sind Regale, gefüllt mit Spielsachen und Bastelmaterialien. 

 

Der Schulalltag ist von Schicksalen geprägt mit viel Leid und Herausforderungen. An Krebs erkrankte Kinder, solche, die an den Folgen von schweren Unfällen wie etwa einem Schädel-Hirn-Trauma leiden, oder Kinder mit schwerwiegenden Infektionen machen einen Großteil aus. Die Lerninhalte werden behutsam an den psychischen und physischen Zustand der Kinder angepasst. 

 

"Die Bindung zwischen Lehrperson und Schüler ist enorm wichtig. Wir arbeiten mit dem Bezugslehrpersonenprinzip. Es ist oft die gleiche Lehrperson, die einen bestimmten Schüler unterrichtet, Kontakt mit der Herkunftsschule hat und die erste Ansprechperson für die Eltern ist." Dies fordere, dass die Lehrpersonen alle Lerninhalte auf allen Schulstufen unterrichten können. "Es kann also sein, dass in einer Lektion eine Maturaarbeit begleitet wird und in der darauffolgenden im Kindergarten ausgeholfen oder das Einmaleins geübt wird." Die Lehrpersonen können auch kreativ sein und den Kindern Schnee oder Sand in einem Becken ans Bett bringen, um ein Stück Normalität in den Spitalalltag zu bringen. "Es ist schwierig und wird auch immer schwieriger, solche Lehrpersonen zu finden, die auf allen Gebieten unterrichten können. Sie werden überprüft und sind über längere Zeitspannen in einer Testphase. Oft nehme ich aber lieber diejenigen, die eine spezielle Bindung zu Kindern haben."

 

Trechslin zeigt ein Bild vom Werkraum und meint, es sei der schönste Raum im ganzen Kinderspital, auch weil es der einzige Raum sei, in dem es überhaupt nicht nach Spital rieche. 

 

Ein zentraler Bestandteil ist die Vorbereitung auf die Rückkehr in die Herkunftsschule. "Wir stehen in engem Kontakt mit den Herkunftsschulen der Kinder und übernehmen auch deren Lerninhalte. Natürlich ist es unmöglich, die ganzen Lerninhalte, mit teilweise gerade mal einer Stunde am Tag, aufzuarbeiten. Wir gehen auf die Stärken der Kinder ein und auf das, was sie vielleicht auch gerne machen." Auf ihrem Laptop zeigt sie eine komplexe Tabelle, in der die Lehrer täglich Protokoll führen, um die Fortschritte der Kinder zu dokumentieren und an die Lehrperson der Herkunftsschule weiterzuleiten. Die Medizin, die Pflege und die Systeme außerhalb des Kinderspitals sind heutzutage so gut, dass man die Kinder viel früher nach Hause schicken kann als früher. Viele Kinder kommen immer wieder zurück, wegen der jährlichen Kontrollen.

 

Viele Lehrmittel werden von der regulären Schule an die Schule im Kinderspital weitergegeben. Die älteren Kinder nehmen ihren eigenen Laptop oder ein Tablet mit und sind gut mit der Herkunftsschule vernetzt. Das vereinfacht den Austausch von Lerninhalten. Trechslin sagt: "Ich habe ein krebskrankes Kind unterrichtet und war erstaunt, wie sehr es sich freute, das bekannte, gewohnte Mathematikbuch zu sehen. Auch wenn das Kind Mathematik hasste."

 

Die Absprachen mit den Herkunftsschulen würden sich sehr unterschiedlich gestalten. "Manchen muss man dann erst einmal erklären, dass der Gesundheitszustand des Kindes vor einer Schulnote steht." Die Spitalschulen sichern den Zugang zur Bildung in schweren Zeiten. "Schritt für Schritt helfen wir ihnen, Vertrauen zu fassen und die Stärke zu finden, ihren Alltag und die Schulklasse wieder mit Freude betreten zu können."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.06.2025, S. 30 - Matteo Widmer, Kantonsschule Uetikon am See

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