Das Orchester spielt Müll

Im Staatstheater Braunschweig führt der Komponist und Dirigent Gregor Mayrhofer sein "Recycling Concerto" auf.

In einem langen roten Kleid, die braunen Haare aus dem Gesicht gebunden, geht eine junge Frau über die Bühne des Staatstheaters Braunschweig. In ihren Händen hält sie haushaltsübliche Müllbeutel, die sie raschelnd in die Luft streckt. Sie läuft an adrett gekleideten Orchestermusikern vorbei, die bereits die ersten Akkorde spielen. Vereinzelt machen es ihr einige Musiker nach und heben ebenfalls raschelnd Papiertüten in die Luft. Die Frau bleibt am rechten Bühnenrand vor einem Marimbaphon stehen, neben dem Plastikflaschen und Wasserkanister an einer Metallvorrichtung befestigt sind. Hinter ihr hängen drei Reihen Weinflaschen an Seilen, mit unterschiedlichen Füllständen. Zu ihrer Rechten befindet sich ein Metallgitter, an dem eine Autofelge, Deckel, bunte Blumentöpfe, Kochtöpfe und ein Kehrblech angebracht sind. Die Perkussionistin Vivi Vassileva strahlt. Sie ist die Solistin des "Recycling Concerto" des jungen Münchner Komponisten Gregor Mayrhofer, der am Dirigentenpult steht.


Schon in seiner Kindheit in Wolfratshausen spielte die Musik eine große Rolle. Als Sohn eines Musikschulleiters und einer Musiklehrerin waren Klänge und Rhythmus so alltäglich wie die Luft zum Atmen. "Für uns war es ganz selbstverständlich, dass das ganze Haus voller Musikinstrumente war und immer musiziert wurde", schwärmt der Achtunddreißigjährige. Dabei waren die klassische Musik und die Volksmusik zentrale Elemente. Zuerst war da mit drei Jahren das Spielen auf dem Klavier, dann an der Geige, und später kamen noch die Orgel und die Klarinette hinzu. Schon in jungen Jahren fand Mayrhofer Freude am Improvisieren. "Mit 14 hat der Funke dann gezündet." Aus der kindlichen Neugier entwickelte sich "die Leidenschaft zum Jazz und schließlich der Weg zum Komponieren". Der Jazz spielt noch heute eine große Rolle in seinem Leben.

Mayrhofer musiziert nach wie vor mit seinem jüngeren Bruder Raphael in dem Jazzduo "Imbrothersation", das 2004 ins Leben gerufen wurde. Der Stil des Jazz fließt auch in seine Kompositionen ein. "Etwas ganz Freies reinzubringen, ist zwar ein großes Risiko, aber auch eine große Erfüllung, wenn es klappt." Genau da liege die Magie. "In den Momenten bin ich in einem Flow-Zustand, da kommen die Ideen so authentisch, wie sie nie mehr wiederkommen können." Während seines Studiums des Dirigierens an der Juilliard School in New York von 2015 bis 2017 bei dem amerikanischen Dirigenten Alan Gilbert fasziniert ihn die "Lockerheit und Coolness der Jazzmusik". Die Präzision am Rhythmus, bei dem der Künstler leicht nach vorne oder hinten verschoben spielt, bringe eine wahnsinnige Energie in die Musik.


Während des ersten Satzes "The happy tsunami of wealth" wirft Vassileva leere Kaffeekapseln auf das von ihr bespielte Marimbaphon. Der Satz endet mit dem Ausruf "What else?" aus den Reihen des Orchesters. Es stellt das unmittelbar bevorstehende Ende

der Welt dar, verursacht durch den Überkonsum der Menschen. Die 1994 in Hof geborene deutsch-bulgarische Schlagzeugerin hatte Mayrhofer schon länger darum gebeten, dass er ein Perkussionskonzert mit spannenden Rhythmen und viel Energie für sie komponiert.

Dabei stellte er sich die Frage, "was denn etwas Besonderes aus unserer Zeit wäre?" So setzte sich die Recyclingidee bei den beiden fest. "Das ist natürlich das Tolle, dass die Schlagzeuger so flexibel sind und auf jedem Gegenstand spielen können", sagt er.

Zusammen entwickelten sie diverse Instrumente aus Müll. Es entstand ein schlagzeugähnlicher Aufbau aus Blechen und Küchentöpfen, eine kuriose Art Marimbaphon aus aufgepumpten Plastikflaschen, die durch verschieden starke Luftbefüllung unterschiedliche Töne erzeugen. Mit Wasser gefüllte herunterhängende Glasflaschen sowie Korken und Espressokapseln, die im Laufe des Konzertes auf das Marimbaphon geworfen werden, erschaffen einen besonderen und fast schon irritierenden Klang.


Mayrhofer betont, dass er nicht unbedingt etwas ganz Neues komponieren wollte. "Es existiert eigentlich schon zu viel von allem." Deshalb dachte er sich: "Wir nehmen diese Anfangsmelodien, die angelehnt sind an die Werbejingles der größten Umweltverschmutzer." Der Musiker mit den grünen Augen mischt in bereits bestehende klassische Stücke Werbejingles von McDonald's, Nespresso, Coca-Cola und der Telekom als klangliche Symbole der Vermüllung ein. Seine Kollegin hatte die Idee, die ursprünglichen Orchesterinstrumente miteinzubeziehen, sodass ein Konzert mit der gewohnten Musik entsteht, das Stück für Stück durch die Klänge der recycelten Instrumente "vermüllt" wird.

Immer wieder taucht auch das Geraschel von Plastiktüten aus dem Orchester auf. "Jeder der Musiker soll ein bisschen beteiligt werden, denn es ist eben nicht nur ein Problem, was ein paar wenige betrifft."


Der zweite Satz "Meltdown - Meltup" ist geprägt von den Einspielern Vassilevas an dem Aufbau aus Müll. Während das Orchester immer dramatischer spielt, trommelt sie auf Blumentöpfen, erzeugt ratschende Geräusche mit einer Käsereibe und schlägt leicht gegen die Glasflaschen. Mit Töpfen erzeugt sie widerhallende hohe Töne. Der Kontrast zwischen Müllinstrumenten und dem traditionellen Orchester wächst. Die Geräusche werden schriller, das Orchester spielt lauter. Plötzlich ebben die Töne ab, das letzte Rascheln verstummt. Es bleibt eine angespannte Stille, ein Gefühl von Weltuntergang. Beim Komponieren probiert Mayrhofer alle Ideen direkt auf den passenden Instrumenten aus. Er hat sie nahezu alle bei sich zu Hause. So wurde das Orchester im Ganzen zu seinem Lieblingsinstrument. Die Bandbreite der Klangfarben mit der Individualität jedes Musikers bedeuten ihm viel. "Weil jeder Einzelne etwas ganz Eigenes mitbringt." In seiner Freizeit genießt der in Jeans und Turnschuhe gekleidete Komponist "die Stille der Natur, eine der schönsten Musiken, die es gibt". Manchmal höre er bewusst etwas ganz anderes als Klassik und beschreibt seinen Musikgeschmack von Metall über Rock und Pop bis Fusion und Big Band.


Das Konzert gelangt zum Solo "Plastic Bottle Cadenza". Allein mit ihren Fingern trommelt Vassileva auf einer aufgepumpten grünen 1,5-Liter-PET-Flasche und erzeugt so immer schneller werdende Klänge. Dabei lässt sie peu à peu Luft aus der Flasche, wodurch die

Töne tiefer werden. Mit kreisenden Bewegungen der Flasche durch die Luft scheint sie die Töne einzufangen, und ein hohes Hallen erklingt. Die Anstrengung kann man ihr ansehen.


Für Mayrhofer gibt es ein Leben abseits der Musik. Insbesondere die Philosophie und Psychologie interessieren ihn. "Die großen Fragen: Warum leben wir Menschen überhaupt? Warum sind wir so, wie wir sind?", findet er besonders spannend. Die Physik spielt für ihn ebenfalls eine wichtige Rolle. Und es freut ihn immer, wenn er Wege findet, diese Interessen mit in seine Musik einfließen lassen zu können. "Wäre ich nicht Musiker geworden, wäre ich wahrscheinlich Physiker." Harald Lesch sei einer der größten Helden für ihn. "Denn er schafft es, komplizierte physikalische und klimatische Themen so verständlich zu erklären, dass man sich direkt dafür begeistern kann und versteht, warum die Welt eigentlich so ist, wie sie ist.


Auch von Weitem spürt man Mayrhofers Ausstrahlung, wenn er am Dirigentenpult steht. Nach der Generalprobe erzählt er strahlend, wie schön es für einen Dirigenten sei, wenn man zusammen etwas versucht und alle Schwierigkeiten gemeinsam durchsteht. "Wenn es dann funktioniert, ist es das Erfüllendste." Am schönsten finde er aber, "wenn jemand nach Hause geht und das Gefühl hat, etwas verändern zu wollen". Sein "Recycling Concerto" sei mehr als nur eine musikalische Spielerei. "Es ist eine wichtige Botschaft, die Veränderungen anregt."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 24.11.2025, Nr. 273, S. 26 - Luzia Lilith Facca, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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