Eine Auszubildende erzählt über das Leben nach ihrem Schulabbruch
Das dumpfe Tippen auf einer leicht vergilbten Tastatur dringt durch das großräumige Büro. In ihm befinden sich Schreibtische, Drehstühle, Monitore und eine lange Fensterfront. Anna Keil (Name geändert) bewegt routiniert den Cursor über den Bildschirm. Ihr Kopf und mit ihm der Zopf, der ihre lockigen, roten Haare zusammenhält, wippen zum Rhythmus der Popmusik, die aus einem Radio ertönt.
Etwa ein Jahr vor ihrem Abitur brach die 19-Jährige ihre gymnasiale Ausbildung an der Marienschule Fulda in der 12. Jahrgangsstufe ab. Nun macht sie eine dreijährige Ausbildung bei der Deutschen Rentenversicherung in Künzell. "Ich wusste, so kann es nicht weitergehen", sagt Anna. Seit dem Beginn ihrer Schullaufbahn kämpft sie mit dem Druck, perfekte Leistungen erbringen zu müssen, und damit, dem Bild einer Einserschülerin zu entsprechen. Diese Erwartungen von außen verinnerlichte sie so sehr, dass ihre eigenen Gedanken zum größten Druckmittel wurden. Besonders der Eintritt in die Oberstufe sorgte dann für einen mentalen Zusammenbruch. "Alle Emotionen sind einfach rausgekommen. Ich habe stundenlang geheult." Der anhaltende Druck und eine schlechte Klausur ließen sie daran zweifeln, wie sie am nächsten Tag weitermachen könne.
Wenige Zeit später fiel dann ihre endgültige Entscheidung zum Schulabbruch. "Die Angst bestand nicht vor dem Abbruch selbst, sondern vor dem Gedanken, wieder zurück in die Schule gehen zu müssen", sagt sie ruhig und blickt zu Boden. Nach jahrelanger Belastung entwickelte Anna eine Depression, die zwei Jahre vor ihrem Schulabbruch diagnostiziert wurde. "Die ständigen Klausuren haben mir immer mehr Energie ausgesaugt", meint sie und betont, dass sie sich oft Vorwürfe wegen ihrer hohen Maßstäbe gemacht habe. Sie erkennt sich kaum wieder, wenn ihre Eltern Geschichten aus ihren Kindertagen erzählen, in denen sie ein sehr fröhliches und offenes Mädchen ist. Während ihrer Schulzeit schottet sich Anna von der Außenwelt ab und entflieht in die kleine Welt ihres Kinderzimmers. Und was sagten ihre Eltern zum Schulabbruch? "Natürlich haben sie sich Sorgen über meine Zukunft gemacht, aber sie waren auch erleichtert."
Obwohl alle in ihrer näheren Familie, darunter auch ihr drei Jahre älterer Bruder, Abitur gemacht haben, unterstützen ihre Eltern sie in ihrer Entscheidung. Auch ihre Schulfreunde sehen es positiv. Annas ehemalige Lehrkräfte hätten eher kritisch auf ihren Schulabbruch geblickt. "Man hat gemerkt, dass sie es nicht von mir erwartet hätten." Oft musste sie sich anhören, dass sie doch eine gute Schülerin sei und man an sie geglaubt habe. Ihre Noten sind zum Zeitpunkt ihres Abbruchs überwiegend sehr gut. Für sie sei es nicht leicht gewesen, mit all den Fragen und Erwartungen klarzukommen. Wo die eigenen Eltern Verständnis zeigten, waren Eltern von Freundinnen und Freunden entsetzt. Sie verstanden die Situation der Jugendlichen nicht. "Sie sind davon ausgegangen, dass Abi und Uni der beste Weg ist." Konkrete Pläne hatte Anna zum Zeitpunkt des Abbruchs nicht. Das spielte in ihrem Kopf eine weniger große Rolle. "Ich hatte 1000 Möglichkeiten." Für sie war der Schulabbruch weniger mit Ängsten verbunden als für ihre Eltern und alle anderen. Anna sprang ins kalte Wasser, dafür aber mit einem Gefühl von Freiheit. "Ich bin rumgehüpft", sagt sie mit einem lauten Lachen. Im Inneren der damals noch 18-Jährigen fand ein Wandel der Emotionen statt. Sie empfand erstmals wieder Freude. "Ich konnte mich nach langer Zeit wiedererkennen." Sie stellt aber auch klar, dass sie ihre Depression nicht einfach so vergessen könne und sie immer noch ein Teil von ihr sei.
Den Schulabbruch sieht sie als Weg aus ihrem Gefängnis. Ihr ist aber bewusst, dass ihre neu gewonnene Freiheit auch eine neu gewonnene Verantwortung bedeutet. "Es gibt keine Lehrer mehr, die dir sagen, was du tun sollst." Anna weiß, dass sie sich selbst um ihre Zukunft kümmern muss. Sie absolviert diverse Praktika und entscheidet sich für eine Ausbildung bei der Rentenversicherung. Im Vorstellungsgespräch erfuhr sie zum ersten Mal Lob für ihre Entscheidung, sich nach ihrem Schulabbruch durch Praktika zu orientieren.
Den derzeitigen Teil ihrer Ausbildung absolviert Anna in Frankfurt bei der Ausbildungsstelle der Deutschen Rentenversicherung Hessen. Seit einigen Monaten fährt sie jeden Morgen um 5.07 Uhr von Fulda nach Frankfurt, wo sie nach etwa eineinhalb Stunden Anreise ihren Arbeitsalltag beginnt. Ihre Aufgaben umfassen die Bearbeitung von Reha-Anträgen, die Zusammenfassung mehrseitiger Dokumente und natürlich auch das Schreiben von Klausuren im Rahmen ihrer Ausbildung. Das sei jetzt aber ein großer Unterschied, meint Anna. Sie sei jetzt mehr auf sich allein gestellt. Sie verstehe die Kritik, die jungen Menschen mit Schulabbruch von der Gesellschaft entgegengebracht wird. "Ich wünsche mir aber, dass die Leute einfach offener sind." Heutzutage gebe es so viele verschiedene Optionen und nicht nur den einen richtigen Weg.