Roman Bertoni liebt Veränderungen. Er tauschte das Formel-1-Auto gegen einen Traktor.
Einst saß Roman Bertoni an Maschinen, die Höchstgeschwindigkeiten erreichen. Doch heute ist alles anders: Mit Partnerin, Schwiegermutter und seinem sechsjährigen Sohn bewirtschaftet er den Demeter-Biohof Aegerten in der Zürcher Gemeinde Hombrechtikon. Der 43-Jährige hat dunkle, von Grau durchzogene Haare, die er meist unter einem Basecap trägt. Er lächelt, als ihm die Entschleunigung in seinem Leben in den Sinn kommt: von den Rennautos auf der Piste hin zu den Traktoren auf dem Feld.
Mit 16 begann er die Ausbildung zum Schreiner. Seine Lehrzeit sei nicht ganz reibungslos verlaufen, das Umfeld und das Verhältnis zum Chef waren herausfordernd. Einige Jahre arbeitete er als Schreiner, bevor er als Servicetechniker im Außendienst tätig wurde. "Dort lernte ich die Schweiz kennen, aber die langen Arbeitszeiten und die ständigen Überstunden machten mir zu schaffen. Als ich mit 18 die Autoprüfung machte, habe ich gleich den Motorradführerschein drangehängt - einfach so, aus Interesse. Über Freunde bin ich dann richtig in die Szene reingerutscht und habe gemerkt, wie sehr mich der Motorradsport fasziniert. Ich trainierte intensiv, machte die Rennlizenz und konnte sogar Sponsoren gewinnen. Zwischen 2005 und 2010 fuhr ich aktiv Supermoto-Rennen." So kam er in Kontakt mit der Formel-1-Welt.
"Es war eigentlich ein Zufall, der mich zu Sauber Motorsport gebracht hat. Während eines Trainings 2007 für den Motorradsport in Hinwil habe ich einen Sauber-Mitarbeiter kennengelernt. Wir haben uns angefreundet, über diesen Kontakt habe ich mich beim Rennstall als Komposit-Laminierer beworben. Ich bekam die Stelle und habe mich Schritt für Schritt nach oben gearbeitet, bis ins Chassis-Team, das für den Bau des Fahrer-Cockpits zuständig ist." Er stellte Bauteile aus Kohlefaser-Verbundwerkstoffen her - alles, was leicht und gleichzeitig extrem stabil sein muss. Seine Arbeit erforderte höchste Präzision. "Jeder Fehler hätte fatale Folgen haben können, denn die Sicherheit der Fahrer hing von der Qualität der Bauteile ab."
Eine klassische Ausbildung für diesen Beruf habe es in der Schweiz nicht gegeben. "In Deutschland konnte man zwar Leichtbaumonteur lernen, aber bei uns kamen viele aus ganz anderen Berufen: Bootsbauer, Zahntechniker oder Handwerker wie Schreiner, die Pläne lesen können und ein gutes Verständnis für Materialien haben."
In der Formel 1 würden von den Angestellten nicht nur 100 Prozent verlangt. "Du bist dich ständig am Raufarbeiten und Beweisen." Fehler sind tabu, und die Verantwortung ist enorm. "Man arbeitete eigentlich wie ein Chirurg, also mit Skalpell und Latexhandschuhen, denn alles muss sehr genau gemacht werden." Viele meinen, dass die Leute im Rennteam etwas von der Welt sehen, weil sie ständig den Rennen nachreisen. "Aber eigentlich sehen sie nur das Flugzeug, das Hotel und den Rennstall." Bertoni war selbst nie Teil des reisenden Teams. Er arbeitete durchgehend im Werk in Hinwil. Und er liebte seine Arbeit. "Sauber war wie eine Familie. Wir haben uns unterstützt und in den schwierigen Zeiten zusammengehalten. Das war das Besondere: das Gefühl, Teil eines eingespielten Teams zu sein, in dem jeder für den anderen da war."
Nach fast zehn Jahren, 2017, verließ Bertoni die Formel 1. "Die Formel 1 ist ein hartes Geschäft. Jedes Jahr steht infrage, ob das Team weiter existiert. Und ich wollte etwas, das mir mehr Sicherheit und Beständigkeit gibt." Er begann sein Haus umzubauen, das er heute mit seiner Familie bewohnt. Parallel arbeitete er fast fünf Jahre als Sportwart in der Zürcher Stadt Uster und absolvierte eine Ausbildung zum Bademeister. "Meine Leidenschaft für das Handwerk, das Gestalten und Verändern führte mich schließlich zum Biohof Aegerten." Dort konnte Bertoni sein Wissen über Maschinen, Technik und Natur vereinen.
Der Biohof habe ursprünglich den Eltern seiner Partnerin gehört, schließlich konnte er ihn mit seiner Familie übernehmen. "Es war nie mein Plan, aber es fühlte sich richtig an. Ich liebe es, die Maschinen zu fahren und an ihnen zu schrauben, aber auf dem Hof kommen noch viele andere Elemente hinzu: der Kontakt zur Natur, der Anbau von Getreide und die Verantwortung für die Tiere." Ziegen, Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen und Katzen finden hier ein Zuhause. "Ich mag es, wenn alle Teile gut miteinander funktionieren, so wie in einem Formel-1-Auto." Er ist stolz auf den nachhaltigen Getreideanbau. "Wir bauen Weizen, Urdinkel, Hafer und auch seltene Sorten an." Im hofeigenen Laden gibt es Eier, Mehl, Teigwaren und im Herbst Apfelsaft. Der Hof bietet das Projekt "Schule - Bauernhof" an, das Kindern einen Einblick in die Landwirtschaft ermöglicht. "Es ist uns wichtig, ihnen zu zeigen, wo ihre Lebensmittel herkommen."
Bertoni hat sich sein Wissen über die Landwirtschaft größtenteils selbst angeeignet - durch Ausprobieren. "Ich habe immer versucht, Lösungen zu finden, und das hat mich weit gebracht." Der frühe Tod seines Schwiegervaters habe ihn vor Herausforderungen gestellt. "Ich war plötzlich mehr oder weniger auf mich allein gestellt und musste alles selbst lernen. Ohne die Unterstützung meiner Familie hätte ich das nicht geschafft." Seine Partnerin hat sich in die administrativen Aufgaben eingearbeitet. Zwei Tage in der Woche arbeitet er für die Stiftung Balm in Rapperswil, die Menschen mit Beeinträchtigungen unterstützt. "Ich habe das Rennauto gegen den Traktor eingetauscht, aber der Grundgedanke bleibt der gleiche: Es geht darum, etwas zu schaffen, etwas zu bewegen."