Ein Tänzer plant eine Karriere an der Oper und entscheidet sich anders
Betrachtet man David Victor Bota, käme einem Ballett nicht in den Sinn. Der Fünfundzwanzigjährige ist sehr muskulös und kräftig. Das war anders zu der Zeit, als er tanzte. Bota begann mit Ballett, als er 14 war. "Die meisten meiner Kameraden hatten bereits im Kindergarten begonnen." Trotzdem ist er weit gekommen. Mit 16 tanzte er an der Rumänischen Nationaloper in Timisoara. "Ich hatte unglaublich lange Tage damals. Ich besuchte das Liceul de arta 'Ion Vidu'. Dort war vieles auf Schüler wie uns ausgerichtet." Vor dem Unterricht hatte er Proben an der Ion Vidu, danach Proben an der Oper. "Daneben gab es den normalen Schulunterricht und die Hausaufgaben. Eigentlich gab es nichts anderes in meinem Leben."
Die Ion Vidu ist eine besondere Schule. Musik und Tanz stehen im Mittelpunkt. Sie wurde 1906 gegründet. Bekannt ist der Mihai-Perian-Konzertsaal mit mehr als 400 Sitzplätzen. "Außerdem hat er die beste Akustik in Südosteuropa. So heißt es noch", sagt Bota. "Um in der 9. Klasse ins Gymnasium aufgenommen zu werden, musste ich viele Prüfungen machen." In Musik, Schauspiel und Tanzchoreographie. "Natürlich gab es auch die üblichen Prüfungen in rumänischer Sprache, Literatur und Mathematik." In Rumänien sei es ungewöhnlich, als Junge Ballett zu tanzen. "Viele in unserem Land haben stereotype Vorstellungen von Jungen, die Ballett machen. Ich bekam schon mit, dass mich einige als seltsam beurteilt haben." Das sei ein Frauensport, hieß es, nichts für einen "normalen" Jungen. "In der Schule spielte das natürlich keine Rolle, aber außerhalb schon. Wichtig war das für mich nicht, ich hatte meine Freunde an der Schule."
Ballett war lange Zeit Botas Leben. "Während ich tanzte, fühlte ich mich frei, als ob all meine Sorgen verschwunden wären. Das Adrenalin, das ich spürte, ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen." Er nahm an Wettbewerben teil und gewann Preise. "Ich bin viel herumgereist." Bota war auch in München und Wien. "Es war aufregend und anstrengend. Ich dachte damals, das ist es. Das will ich machen." Sein Lieblingsstück wurde "Schwanensee", das er am Ende der 12. Klasse bei der Abschlussvorstellung tanzte. Vor allem tanzte er an der Oper Timisoara. "Ich habe viele Erinnerungen an sie, die meisten davon sind angenehm, aber nicht alle. Es war auch sehr anstrengend. Damals war die Oper die Welt für mich."
Irgendwann begannen Botas Gedanken an die Zukunft realistischer zu werden. "Das eigentliche Problem besteht darin, dass die Kunst in unserem Land nicht so ernst genommen wird wie in anderen Ländern. Man kann seine Karriere nicht auf Kunst aufbauen. Sie wird eher als Hobby denn als ernsthafter Job angesehen. Die Gehälter sind sehr niedrig." Ursprünglich hatte er sich das anders vorgestellt. "Meine ganze Schulzeit hindurch wollte ich in Wien Ballett studieren. Dann wurde mir aber mehr und mehr klar, was das bedeuten würde. Man opfert sein ganzes Leben dem Ballett, und dann schafft man es nicht mehr. Man ist dann aber noch jung. Vielleicht gerade 30. Dann muss man Ballettlehrer werden oder eine neue Karriere bei null anfangen. Das wollte ich nicht."
Er weiß nicht mehr, wann genau seine Zweifel begannen. "An der Schule war alles so klar. Aber dann hat die Realität bei mir angeklopft. Ich habe sie reingelassen und Angst bekommen. Ich wollte auf einmal nicht mehr alles für eine Sache opfern, die sowieso nicht von Dauer sein konnte. Viele Kinder geben nach dem Schulabschluss das Ballett auf." Zunächst wählte er einen Kompromiss. Er beschloss, an der Polytechnischen Universität Timisoara an der Fakultät für Elektronik, Telekommunikation und Informationstechnologie zu studieren. Nebenher wollte er weiter tanzen, aber: "Nach dem ersten Studienjahr habe ich mit dem Ballett aufgehört. Mir wurde klar, dass ich nicht beides schaffen kann." Bota wurde Ingenieur. "Seit drei Jahren habe ich einen festen Arbeitsplatz bei einer Firma." Leicht sei ihm seine Entscheidung nicht gefallen. Druck von anderen habe es nicht gegeben.
"Mir gefällt, was ich jetzt bin." Eine Zeit lang war er regelrecht davon besessen, ins Fitnessstudio zu gehen. "Ich wollte so viele Muskeln wie möglich aufbauen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass das als Balletttänzer nicht ging. Als Tänzer hat man Muskeln, natürlich. Aber man muss dünn sein, sehr dünn." Es vergeht kein Tag, an dem er nicht trainiert. Jetzt im Fitnessstudio. Die Oper hat er nicht mehr betreten. "Ich wollte die Vergangenheit hinter mir lassen. Vielleicht weil ich sonst nostalgisch geworden wäre, gerade bei einer Aufführung. Vielleicht würde ich meine Entscheidung auch bereuen."