Alfred Moser führt das Brauchtum des Schnitzens im Appenzeller Land fort. Das duftende Arvenholz lässt sich nicht maschinell bearbeiten.
Scho als Chind han ich mer all es hauigs Sackmesser gwünscht, so dass i schnitze cha", erzählt Alfred Moser mit einem Lächeln. In jungen Jahren hat er den Grundstein für sein Hobby, die traditionelle Handschnitzerei, gelegt und es während seiner Berufsausübung als Wildhüter verfeinert: Der pensionierte Appenzeller trägt eine schwarze Brille, weißes Haar und eine blaue Schnitzschürze. Die Schnitzerei hat er sich selbst beigebracht. Er führt das Kunsthandwerk der Appenzeller und Toggenburger Senntumsschnitzerei fort, die sich im vergangenen Jahrhundert entwickelt hat. Moser ist einer von zwei professionellen Handschnitzern in Appenzell.
Das Haus mit seiner Werkstatt im Dorf Appenzell empfängt einen mit dem Duft von Arvenholz. Der 74-Jährige holt das zwischen 1500 Metern und der Waldgrenze wachsende Material eigenhändig im Engadin, Kanton Graubünden. "Es ist ein wunderbar schnitziges Holz, das aber nach rasierklingenscharfen Messern verlangt." Das alte Arvenholz und die daraus geschnitzten zierlichen Figuren sind Garantie für Handwerkskunst, denn das Material lässt sich nicht maschinell bearbeiten.
Das Handschnitzen begann Moser mit einem "hauigen" Messer. Er probierte, probierte und probierte nochmals. Damals konnte man sich keine Hilfe im Internet holen. Er kaufte sich scharfe Messer und eine gute Einrichtung, um die Messer zu schleifen. "Ohne scharfe Messer geht nichts. Das ist das A und O beim Handschnitzen. Es ist eine Übungssache, bei der man Willen und Geduld zeigen muss und nie mit sich selbst zufrieden sein darf." Außerdem braucht es gutes, schönes und trockenes Holz. Das Holzbrett ist je nach Figur zwischen drei und zehn Zentimeter dick. Es muss bis zu fünf Jahre trocknen, um Mosers Anforderungen zu genügen.
Seit seinem Ruhestand widmet er sich täglich mehrere Stunden dem Schnitzen. Es entstehen Alpaufzüge oder Ausschnitte, die das Appenzellerland und sein Brauchtum versinnbildlichen. Begonnen hat er mit Krippenfiguren. Auf Kundenanfrage entstanden später Kühe, Schafe und Ziegen, die durch ihre lebensnahen Züge beeindrucken. Die Kerben an der richtigen Stelle zu setzen, erfordert viel Erfahrung, Genauigkeit und Verständnis für die Tiere. Damit seine Werke richtig präsentiert werden, erstellt Moser auch gleich selbst die passenden Rahmen und Vitrinen. Wichtig ist ihm, das Holz natürlich zu belassen und nicht mit Farbe zu übermalen. Denn nur so wird sein Können sichtbar und durch die Einkerbungen an der "richtigen Stelle" das Tier zum Leben erweckt.
Bekannt wurde er mit einem kleinen Stand auf der dorfeigenen Viehschau. Er stellte seine Werke aus und schnitzte live vor Ort. Eine Fachjury in Appenzell Innerrhoden bewertete die Schnitzereien, die zu seinem eigenen Erstaunen sehr gut abschnitten. Nun empfängt er regelmäßig Kunden zur Auftragsbesprechung in seiner Werkstatt. Hauptsächlich schnitzt er Ausschnitte von malerischen Alpfahrten. Das aufwendigste Sujet ist der "Lediwagen mit dem Milchgeschirr". Das ist ein historisches Transportmittel, das von Pferden gezogen wird und oft für den Transport von Gütern wie Milch genutzt wurde. Für die Erstellung benötigt er rund zwei Wochen. An einer Kuh schnitzt er sechs bis sieben Stunden, bis er zufrieden ist. Sein Motto: "I nemm mer Ziit. D' Hoptsach ischt, wenns am Schluss Freud macht." Freude überkommt einen bereits in Mosers Treppenhaus, durch das man in seine lichtdurchflutete und sauber aufgeräumte Werkstatt gelangt. Überall duftet es nach Arvenholz, und an den Wänden befinden sich seine Figuren. Die manuelle Verarbeitung eines natürlichen Rohstoffs gefällt ihm. Arvenholz hat auch eine beruhigende Wirkung. Seine ätherischen Öle sollen eine reduzierte Herzfrequenz bewirken. "Die größte Herausforderung beim Handschnitzen besteht darin, dass man nichts mehr hinzufügen kann. Man kann nur noch wegnehmen", meint er.
Die Hauptkundschaft kommt aus der Nordostschweiz. Er verkauft aber in die ganze Schweiz und ins Ausland. Ein Stammkunde, der jedes Jahr neue Figuren möchte, kommt aus Deutschland. Sein entferntester Auftrag ging nach England. Die gebürtige Schweizerin holte den bestellten Alpaufzug persönlich ab. "Es ist schön, wenn ein Auftrag erfüllt ist. Aber manchmal schmerzt es auch, wenn der Kunde kommt, um seine Bestellung abzuholen." So habe er auch schon den Abholtermin hinausgezögert. Die Freude am Handschnitzen hat er an seine Enkel weitergegeben. Verschmitzt meint Moser: "Es fehlt no chli a Chraft und Usdur, aber da werd denn scho no cho im Alter."