Der Glaube versetzt nicht nur Berge

Ein amerikanischer Pastor fand den Weg nach Deutschland, weil er seiner Berufung folgte.

Ein kühler Nachmittag in Görlitz. Familie Henderson wohnt im Erdgeschoss. An der Tür empfängt ein Mann mit schneeweißem Bart und freundlichen, braunen Augen hinter einer randlosen Brille. Die Wohnung von Steve und Robin Henderson wirkt überraschend vertraut. Klischees über eine typisch amerikanische Einrichtung, Sternenbanner, vielleicht sogar eine Konföderiertenflagge, erfüllen sich nicht. Die Waschmaschine steht im Bad, und auf die Annahme, sie könnte in der Küche stehen, reagiert Steve mit einem Lachen: "Schmutzige Socken neben dem Herd? Auf keinen Fall." Im Wohnzimmer zeigt sich dennoch ein kleines Fünkchen Amitum: Das Sofa steht mit dem Rücken zur Tür mitten im Raum - ein Anblick, der an amerikanische Sitcoms erinnert.

 

In diesem Moment wird klar, dass diese Wohnung weder einem Deutschen noch einem Amerikaner gehört. Sie ist die Manifestation eines Spagats, der Robins und Steves Leben bestimmt. Die persönliche Gratwanderung der Lebensgeschichte eines Mannes, der vor über zwei Jahrzehnten mit seiner Frau und fünf Töchtern von Cincinnati nach München auswanderte. Sein Sprung über den Atlantik, ohne je zuvor einen Fuß auf europäischen Boden gesetzt zu haben, wirkt wagemutig. Die Reise beginnt am 2. September 1954. An diesem Tag wird Steve Henderson in Kentucky geboren. Er wächst in Cincinnati auf, mitten in einer Gemeinschaft, die stark von kirchlicher Tradition geprägt ist.

 

Sein Urgroßvater war Pastor und Jurist der Hatfields, die bekannt sind durch eine berühmte Fehde mit der Familie McCoy im 19. Jahrhundert. Steve betont immer wieder den Unterschied zwischen Tradition und echtem Glauben. Er wächst mit dem regelmäßigen Kirchenbesuch in einer, wie er es nennt, "gospel free zone" auf. In dieser Kirche habe nicht das Evangelium, sondern Moralismus im Vordergrund gestanden. Erst mit 17 Jahren habe er vom Evangelium erfahren. Es war die Zeit des "Jesus movements", einer Erweckungsbewegung in den Siebzigerjahren, die in den USA von jungen Menschen für junge Menschen verbreitet wurde. Vor allem an den Universitäten fand sie großen Anklang, so erreichte das Evangelium auch Steve, der mittlerweile studierte: Jesus Christus als der Sohn des lebendigen Gottes, der auf diese Welt gekommen ist, um die Sünden der Menschen, die an ihn glauben, zu tragen, erklärt Steve. Ab diesem Moment ändert sich sein Leben radikal. Steve beginnt, in seiner Freizeit neben seinem Studium der Kunstgeschichte am Dallas Theological Seminary Theologie zu studieren. 1980 besteht er alle Prüfungen für den Doktortitel im Fachbereich Altes Testament und semitische Sprachen. Er beendet jedoch nie die Dissertationsphase. Obwohl er von der guten Botschaft, wie er sie nennt, tief berührt ist, schien der Gedanke, Pastor zu werden, zunächst nicht verlockend.

 

Er habe nicht das Klischee eines typischen Pastors erfüllen wollen, der bei jedem Thanksgiving das Tischgebet sprechen muss, allein wegen seiner Funktion als Pastor. Doch heute ist er davon überzeugt, dass die letztendliche Entscheidung, Pastor zu werden, keine rationale war, sondern der Ruf Gottes. Steve bezeichnet seine christliche Ausrichtung als protestantisch und sieht seine persönlichen Überzeugungen in der Mitte der reformatorischen Tradition von Luther, Calvin, Zwingli und Knox. Mit 22 Jahren wächst in ihm der Wunsch, als Missionar nach Deutschland zu gehen. "Normalerweise wurden Missionare immer nach Asien oder Afrika gesendet. Aber als ich rausfand, dass es Missionare gibt, die nach Deutschland geschickt werden, dachte ich: Das kann ich auch machen." Seine Gedanken wurzelten in seinem Glauben und Vertrauen auf einen göttlichen Plan für sein Leben, der sich über Kontinente und Sprachgrenzen hinwegsetzt. Seine Verbindung zur deutschen Kultur begann früh. Steves Grundschullehrerin war Deutsche. In seiner Highschool hatte er Deutschunterricht. Sechs Jahre später heiratet er seine Frau und arbeitet entgegen seinen ursprünglichen Wünschen als Pastor in Houston.

 

Erst in den Neunzigerjahren sieht Steve die Möglichkeit, seine Sprachkenntnisse zu nutzen: als Missionar in einer deutschen Gemeinde. 1992 gibt es den ersten Kontakt zur Munich International Community Church (MICC), einer interkonfessionellen, unabhängig evangelikalen Gemeinde, die sich aber gegen ihn entscheidet. Auch 1997 scheitert seine Bewerbung bei einer Kirche in Wien. Rückblickend ist Steve dankbar für die "verschlossene Tür". Denn 1999 ergibt sich eine neue Möglichkeit bei der MICC. Sie ist auf der Suche nach einem Pastor, erneut meldet sich Steve bei ihnen. Diesmal mit Erfolg. Wenige Monate später verlässt er mit seiner Frau und seinen Töchtern, davon drei im Teenager- und zwei im Grundschulalter, die USA und zieht nach Deutschland.

 

Damals bestand die Gemeinde aus 15 Nationen. Als er 20 Jahre später in den Ruhestand und dann nach Görlitz geht, sind es über 40. Steve erzählt von der Problematik, eine Gemeinde mit so vielen unterschiedlichen Kulturen zu leiten. Sei es Musik, Gemeinschaft, Predigten oder Hauskreise - in allen Bereichen gebe es unendlich viele Vorstellungen darüber, wie etwas sein sollte. Dennoch betont er: Egal, wie unterschiedlich die Kulturen, Nationalitäten und Meinungen auch sein mögen, "wir sind alle eins in Christus". Die gemeinsame Sprache Englisch und vor allem der Glaube an Jesus Christus sind der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich einigen kann. "Ich habe zu einer drehenden Tür gepredigt", beschreibt er die ständige Bewegung in der Gemeinde. Das durchschnittliche Mitglied blieb zwei Jahre in der Gemeinde, bevor es München verließ. "Menschen kommen aus drei Gründen nach München: Business, Bildung oder Fluchthintergründe", erklärt er. Das erschwerte die Bildung einer stabilen Gemeinschaft. Als Pastor in München hat er in 25 Jahren mehr als 10.000 Menschen kommen und gehen gesehen. "Wenn jemand wirklich wahre Diversität sehen und erleben will, muss er in eine internationale Gemeinde gehen." Lächelnd erzählt er von einer Trauung zwischen einer Inderin und einem Ukrainer, die er vollziehen durfte. "Sie legen ihre Kultur ab, wenn sie hierher kommen, weil das, was sie verbindet, der Glaube ist."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.03.2025, S. 26 - Emma Böhler, Augustum-Annen-Gymnasium, Görlitz

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