Der Richter ist im Bilde

In der Schweiz gibt es nur eine gute Handvoll Gerichtszeichner. Erika Bardakci-Egli gehört dazu.

Mein erster Tag als Gerichtszeichnerin? Nervös, unvorbereitet, und plötzlich wusste jeder, wie der Angeklagte aussah, nur ich nicht." Es war der Prozess gegen Peter Hans Kneubühl, einen der bekanntesten Verbrecher der Schweiz, der Erika Bardakci-Egli am 7. Januar 2013 ins Regionalgericht in Biel brachte. Schnell sagte sie zu, als eine Journalistin vom SRF sie fragte, ob sie sie begleiten wolle. Der Grafiker, dessen Stelle sie bei der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft übernommen hatte, war nebenbei auch Gerichtszeichner. "So wurde die Journalistin auf mich aufmerksam." Damals nahm sie das Ganze auf die leichte Schulter. "Das kann doch nicht so schwer sein, man muss ja nur zeichnen." Und das gehöre zur Ausbildung einer Grafikerin. Außerdem habe sie Kurse zum Akt-, Porträt- und Gegenstandszeichnen besucht. Und: "Wer würde schon wissen, wie der Täter aussieht?" Doch dann erfuhr sie, dass der Angeklagte kurz zuvor ein Interview aus der Untersuchungshaft gegeben hatte und sein Gesicht überall in den Nachrichten auftauchte. "Plötzlich konnte ich nicht mehr irgendetwas zeichnen, man musste die Person auch erkennen."


Es war Bardakci-Eglis erster Fall. "Ich war vorher noch nie bei einem Prozess." Vieles hat sich inzwischen verändert, nicht jedoch, wofür man Gerichtszeichner braucht. "Du bist für die Zuschauer eine Art Auge, denn es dürfen keine Fotos oder Videos im Gericht gemacht werden. Deshalb ist das Wichtigste, dass das Bild der Wirklichkeit entspricht. Auch dass man einen Eindruck von der Stimmung bekommt." Besonders schwer wird es, wenn sie einen schlechten Tag hat. "Man kann die Situation ja nicht nachstellen." Zudem bleibt das Bild nicht stehen, die Personen bewegen sich, verändern ihre Sitzposition oder Gestik.


In ihrer Freizeit steigt die 55 Jahre alte Bernerin gerne aufs Rad. Manchmal begleiten ihre drei Kinder sie. Die Liebe zur Bewegung spiegelt sich in ihrer Arbeit wider. Der Gerichtssaal im Amtshaus 1 in Solothurn mit seinen hohen, verzierten Säulen erinnert an das Zeitalter des Barocks. Gleichwohl strahlt er durch seine schneeweißen Steinwände eine moderne Klarheit aus. Der Boden und die Möbel aus hellem Holz schimmern im Sonnenlicht, das durch die bogenförmigen Fenster fällt. Die schwarzen Ledersitze strahlen Eleganz aus, die Zuschauersitze auf der Empore sind gepolstert. "Es ist meistens sehr emotionslos", bemerkt Bardakci-Egli. Jede Person ist in ihre Aufgabe vertieft. Einige würden zeichnen, andere schreiben, manche säßen einfach still da und würden das Geschehen beobachten. "Die einzigen Emotionen, die man manchmal spürt, sind die des Angeklagten oder des Opfers." Wut habe sie noch nie erlebt. "Wenn Emotionen vorhanden sind, ist es oft Trauer, und dann weinen sie." Bardakci-Egli nimmt es mitunter mit, wenn sie im Gerichtssaal sitzt und zeichnet. "Manchmal folgen schlaflose Nächte. Besonders wenn es um Kinder geht." Jedes Mal sei es anders. "Man hat andere Leute, Räumlichkeiten und Lichtverhältnisse." Der Stress beim Zeichnen lässt sich nicht vermeiden. Besonders unter Druck steht sie bei der Urteilsverkündung. "Die dauert manchmal bloß eine halbe Stunde." Dort fertigt sie oft nur eine Zeichnung an, ansonsten sind es zwei bis drei.


Ihre silbergrauen Haare sind zu einem Knoten gebunden, sie trägt eine schwarze Brille. Bardakci-Egli hat eine schnelle Strichführung auf dem iPad. Bis vor drei Jahren hat sie noch auf Papier gezeichnet, jetzt sei alles digital. "Wobei es eigentlich keinen Unterschied macht - ist sowieso alles von Hand gezeichnet." Der große Vorteil des Digitalen sei, dass sie die fertige Arbeit nicht mehr einscannen müsse und nur noch Tablet und Stift mit ins Gericht nehme. Anfangs ist kaum etwas zu erkennen, doch nach und nach entstehen auf einem mittelgrauen Hintergrund durch helle und dunkle Schattierungen Höhen und Tiefen. Alle Formen sind nur angedeutet, und die Details bleiben verschwommen, sodass das Motiv eher als vage Kontur erkennbar ist.


Zuerst entstehen die Umrisse des Angeklagten. Er muss von hinten gezeichnet werden, so die Vorgaben vom SRF. "Er ist noch nicht verurteilt, und seine Persönlichkeit soll geschützt werden." Sobald er aufs Blatt gebracht ist, entsteht grob der Verteidiger. Danach wechselt sie zum Gerichtspräsidenten, der das Urteil verkündet. Erst dann fügt sie Details und Farbe hinzu. "Ich zeichne so schnell wie möglich und lade es bei unserem Tool, wo alle Files abgegeben werden, ab, auch wenn es nicht perfekt ist." Später überarbeitet sie ihren Entwurf. "Da ich auch Grafikerin bin, kann ich eine gestalterische Dimension hinzufügen." Diese sorgt für Unschärfe und Abstraktion, wodurch das Bild interessanter wird. So kann sie realistisch und kreativ zugleich zeichnen. Dazu hat es Tiefenschärfe. Es entsteht der Eindruck, als würde man mit einer Kamerafahrt durch das Bild geführt werden.


Die etwa sieben aktiven Gerichtszeichner in der Schweiz zeichnen in Fällen von nationaler Wichtigkeit. "Meist bei Mord oder Totschlag. Das sind auch meine meistgezeichneten Verbrechen." Besonders der Vierfachmord von Rupperswil im Dezember 2015 ist ihr in Erinnerung geblieben. "Es ist unfassbar, dass jemand vier Leute umbringen kann." Sie spricht über Thomas N., der einen 13-Jährigen bedroht und dessen Mutter zwingt, ihren älteren Sohn und dessen Freundin zu fesseln. Thomas N. erpresst Geld, missbraucht den 13-Jährigen sexuell und filmt es. Der 33-Jährige schneidet anschließend allen die Kehle durch und legt einen Brand. Er wurde vor dem Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.


Manchmal schaut Bardakci-Egli im Vorfeld darauf, was die Presse über ihren bevorstehenden Fall schreibt. "Ehrlich gesagt, möchte ich die Details oft nicht so genau wissen." Auch sei sie sich nicht immer sicher, ob der Angeklagte wirklich der Täter ist. "Deshalb bin ich froh, dass ich nicht Richterin bin." Beim Zeichnen hält sie sich strikt an das, was sie sieht. "Das ist meine Aufgabe. Die Leute können nicht immer ins Gericht, und die Leser oder Zuschauer wollen die Wirklichkeit sehen, nicht etwas Phantasiertes." Sie lässt hin und wieder unwichtige Personen weg, aber das ist das Einzige, was von der Realität abweicht.


Wenn sie im gleichen Raum mit dem Angeklagten sitzt, "kommen viele Emotionen hoch, die ganze Bandbreite, von Unbehagen bis Angst". Auch Erheiterung könne vorkommen. "Einmal hat jemand in seiner vorherigen Verhandlung das Gericht angegriffen." Er biss die Richterin und musste deshalb erneut erscheinen. "Der Prozess fing zu spät an, und niemand wusste genau, warum. Irgendwann kam dann heraus, dass der Angeklagte mit einer Machete vor dem Gericht erschien."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.03.2025, S. 26 - Nalani Weber, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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