Der Sommer war sehr groß

In Zürich findet an jedem dritten Montag im April das Sechseläuten statt. Der Zunftumzug vertreibt nicht nur den Winter.

An diesem Montag, dem dritten im April, liegt ein besonderer Klang über Zürich. An allen Ecken hört man die Sechseläutenmusik, ein Marsch im fröhlichen Takt. Aus den Essensständen links und rechts vom Limmatquai duften Crêpes und Bratwürste. Die Straßen sind voller Menschen. Und die schmalen Holzbänke, die sich wie zwei Schienen durch die Innenstadt schlängeln, sind restlos besetzt. "Für uns Zunftleute ist der Umzug das Highlight des Tages", meint Kaspar Zoelly, der elegant gekleidet an seinem Gartentisch sitzt. Der 63-Jährige ist in der Finanzbranche tätig. Er hat kurze, graue Haare und ein schmales Gesicht. Seit 1989 ist er in der Gesellschaft zur Constaffel, einer der 26 Zürcher Zünfte. Sie wurde im 14. Jahrhundert gegründet und war eine der politisch einflussreichsten Zünfte der Stadt. Die Constaffel stellte 22 der insgesamt 66 Bürgermeister zwischen 1336 und 1798.

 

"Eine Familientradition. Es war von Anfang an klar, dass ich mitmache", antwortet Zoelly auf die Frage, weshalb er in der Zunft sei. Die Zünfte wurden als reine Männergesellschaften gegründet. Heutzutage wird diese Regel aber nicht mehr immer eingehalten. Seit 1989 gibt es auch die "Gesellschaft zu Fraumünster", die sich als Vertreterin der Frauen betrachtet. Sie wird zwar formell anerkannt, gehört aber nicht zu den 26 historischen Zünften. "Mein Urgroßvater war der Erste in meiner Familie, der wegen seines hohen militärischen Rangs aufgenommen wurde." Die Zürcher Zünfte entstanden einst aus Zusammenschlüssen der einzelnen Handwerksberufe der Stadt. "Das Spezielle an der Constaffel ist, dass man schon sehr früh in der Geschichte ein für Zünfte untypisches, heterogenes Gemisch von Mitgliedern erkennen konnte. In der Constaffel kamen nicht wie etwa in der Widder-Zunft nur die Metzger und Viehtreiber zusammen. Bei uns waren es vielmehr alle, die einen Beruf ausübten, der nicht wirklich in einer anderen Zunft vertreten war. Zum Beispiel Edelleute, Ritter, Großhändler, Mitglieder der Stadtverwaltung, aber auch Henker, Zuhälter und ab dem späten 19. Jahrhundert Banker und Anwälte."

 

Fern hört man den nahenden Umzug. Die Zuschauer blicken auf die Brücke, über die gleich die erste Zunft marschieren wird. Endlich ist ein blaues Banner mit einem gelben Symbol zu sehen, das einem Brot ähnelt. "Die Reihenfolge der Zünfte während des Marsches wird jedes Jahr ausgelost. Ein wenig Abwechslung schadet nicht." Dieses Jahr ist die Zunft zum Weggen vorn. Angeführt wird sie vom Bannerherren, der stolz die Flagge präsentiert. Links und rechts von ihm die Bannerwache. Mit ernster Miene stolzieren sie im Gleichschritt an den applaudierenden Menschen vorbei. Keine zehn Meter hinter der Bannergruppe marschiert das Zunftspiel. Zuvorderst der Dirigent, der einen ein Meter langen, blau-weiß gestreiften Stock wild durch die Luft wirbelt. Trotz des ohrenbetäubenden Lärms der Pauken und Trommeln sind die klackernden Hufe der Reitergruppe nicht zu überhören. Mehrere Dutzend Reiter, immer zu fünft nebeneinander, folgen der Musik auf Schritt und Tritt. Hinter ihnen rollt der Umzugswagen der Zunft. Darauf sitzt die ältere Garde und winkt. Außerdem stehen ein paar junge Burschen auf dem Wagen und werfen den Zuschauern kleine Brötchen zu. Den Umzug gibt es in seiner heutigen Form seit etwa 130 Jahren. Dessen Ursprünge reichen viel weiter zurück. Das Brauchtum gründet in einem Beschluss des Zürcher Rats aus dem Jahr 1525: Die Feierabendglocke, die während der Wintermonate um fünf zu hören war, sollte ab dem ersten Montag nach der Tagundnachtgleiche eine Stunde später, also um sechs, läuten.

 

Das Sechseläuten bestehe für die Zunftleute nicht nur aus dem Umzug. "Zuerst versammeln sich alle Zünfte in ihrem Zunfthaus und empfangen dort ihre Gäste", sagt Zoelly. Die Gäste der Constaffel waren dieses Mal ein Ständerat des Kantons Luzern, die Rektoren der Universität und der ETH sowie der Staatssekretär für Sicherheitspolitik. Dann gebe es das große Mittagessen. Da halte der Constaffel-Herr eine Rede. "Er übernimmt die Rolle des Vereinspräsidenten. Auch die Gäste müssen eine Rede halten." Die Reden sollten einen "gewissen Drive" haben. "Historische Abhandlungen mag niemand." Sticheleien seien erwünscht. "Das Ziel ist es die Leute zu unterhalten." Dann machen sich die Zünfte für den Umzug bereit.

 

Zu dessen Abschluss versammeln sich alle auf dem Sechseläutenplatz vor dem Opernhaus. Dort thront der Böögg, eine aus Stroh, Holz und mit Sprengkörpern gefüllte Figur, die einem Schneemann ähnelt. Unter ihm türmen sich, zehn Meter geschichtet, Holzscheite und Stroh. Um punkt 18 Uhr beginnen die Reitergruppen um ihn zu galoppieren und zielen mit langen Fackeln auf das Stroh. Nach wenigen Minuten winden sich die Flammen um die Figur, deren zuvor so strahlend weiße Beine werden schwarz. Alle warten gespannt auf einen lauten Knall. Es heißt, je länger es dauere, bis der Kopf explodiert, desto kühler und verregneter werde der Sommer. Nach 26 Minuten und 30 Sekunden ist es so weit: Mit ohrenbetäubendem Knall reißt es den Kopf in Fetzen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 22.09.2025, Nr. 220, S. 26 - Enea Urben, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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