Der Weg ist das Ziel

Bei Einsätzen müssen Rettungssanitäter schnell vor Ort sein - und Entscheidungen treffen.

„Wir sind hier kein Pflästerlidienst, sondern für richtige Notfälle da“, sagt Rettungssanitäter Matthias Boller. Der Zweiunddreißigjährige arbeitet für die Regio 144 AG, ein Rettungsdienst im Zürcher Oberland. Er läuft in T-Shirt, Jeans und mit Cap über den Platz vor der Einsatzzentrale in Rüti. Im Dienst trägt er Uniform.

 

„Leider beobachten wir, dass Bagatelleinsätze tendenziell häufiger werden.“ Den Grund dafür sehe er in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft. „Wenn man ein Problem hat, bestellt man sich jemanden, und der erledigt das dann für einen. Die Eigenverantwortung ist weniger da.“ Rettungssanitäter sollen Menschen mit akuten medizinischen Problemen helfen. Wichtig ist die Ausrüstung. Sie wird bei jedem Dienstantritt kontrolliert. Normalerweise fahren sie zu zweit. „Wenn man an einen Einsatz mit mehreren Verletzten kommt, behandelt man erst mal keinen von denen. Erst einmal wird gesichtet, geordnet und organisiert. Man verschafft sich einen Überblick. Wie viele sind verletzt? Wie schwer sind diese verletzt?“ Nachdem man die Zentrale aktiviert hat, beginnt die Pre-Triage. Jedem wird ein Armband mit QR-Code für die Personalisierung und eine Patientenkarte zugeteilt. Die Patienten werden in Kategorien eingeteilt. Wichtige Anhaltspunkte sind das Vorhandensein von Atem, Puls und Blutungen sowie die Fähigkeit, Kommandos zu befolgen oder zu geben. Die Kategorien reichen von Weiß „unverletzt“ über Grün „leicht verletzt“, Gelb „schwer verletzt“ und Rot „vital bedroht“ bis Schwarz „leider schon verstorben“. Oben auf der Patientenkarte werden Namen und erste Befunde notiert. Die untere Hälfte besteht aus vorperforierten Farbstreifen, die von oben nach unten von Schwarz bis Weiß geordnet sind. Bei der Pre-Triage werden nun von unten Streifen abgerissen, bis der Streifen der zugeteilten Verletzungsstufe zuunterst ist. „Falsche Einstufung gibt es nicht. Es kann aber sein, dass es sich verändert. Jemand, der eine innere Blutung hat, hat am Anfang nur schwache Schmerzen und kann noch selber gehen. Plötzlich werden die Schmerzen stärker. Der Patient hat statt Stufe Gelb plötzlich Stufe Rot. Dann kann man einfach noch einen Abschnitt von der Patientenkarte abreißen.“ Nach der Pre-Triage beginnt die Behandlung. Zuerst werden alle vital Bedrohten der Stufe Rot versorgt. Da kann es vorkommen, dass eine Reanimation durchgeführt werden muss, weil plötzlich lebenswichtige Funktionen wie Puls oder Atem ausfallen. Ist die Kapazität vorhanden, werden auch Personen der Stufe Schwarz reanimiert. Anschließend werden die Schwerverletzten der Stufe Gelb behandelt. Die Leichtverletzten werden zu einem späteren Zeitpunkt oder erst im Spital untersucht. Bei den mit Schwarz Markierten muss ein Arzt den Tod bestätigen. Rettungssanitäter sind oft mit dem Tod konfrontiert. Eine schwierige Situation für Boller war ganz am Anfang seiner Karriere, ein Frontalunfall von zwei jungen Männern mit Todesfolge für beide. Aber man härte mit der Zeit ab.

 

Man müsse auch mal nachts, an Wochenenden und Feiertagen arbeiten. Zudem gebe es oft Überzeit. Es komme vor, dass man eine halbe Stunde vor Schicht-ende zu einem Einsatz gerufen wird. Für seine Verlobte sei das belastend und bringe oft den Terminkalender durcheinander. Die Schichtarbeit habe aber auch Vorteile, weil man mal an Arbeitstagen etwas unternehmen kann. Es sei sehr schön, wenn man später erfährt, dass es einem Patienten wieder gut geht. So wurde einmal ein Junge angefahren und lebensbedrohlich verletzt. Ein Jahr später konnte er die Reha verlassen und hat sich beim Rettungspersonal bedankt. „Was ich sehr schätze, ist, dass man sich voll und ganz auf eine Person konzentrieren kann. Man versucht, dieser Person gerecht zu werden. Ganz selten muss man leider auch gegen den Willen eines Patienten entscheiden. Weil dieser sich nicht behandeln lassen oder mitkommen möchte. Das ist dann nicht so toll. Wichtig ist einfach, dass man flexibel und stressresistent ist.“

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.12.2025, Nr. 301, S. 26 - Sara Dittli, Kantonschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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