Vor 45 Jahren strandete der Meeresbiologe Gerard Michael Weber in Portugal
Am Ende der Küstenpromenade des Fischerdorfes Aguda, im Süden von Porto, liegt die Estação Litoral da Aguda (ELA). Im Gebäude durchbricht nur das Plätschern des Meerwassers der 15 Aquarien die Ruhe des Fischereimuseums. Aber die ELA ist nicht nur ein Museum. Sie ist auch ein Ort, der Bildung und Forschung zur Meeresökologie beschäftigt. Ihr Direktor, Professor Gerard Michael Weber, von allen Mike genannt, gründete ELA im Jahr 1988.
"Als ich ein kleiner Junge war, gab's im deutschen Fernsehen eine Schwarz-Weiß-Serie, 'Abenteuer unter Wasser', über einen amerikanischen Taucher namens Mike Nelson", sagt Mike. Zu Weihnachten habe er eine Tauchermaske bekommen, die er sofort in der Badewanne ausprobierte. "Daraufhin haben mich alle Mike genannt." Von dem Moment an begann seine Leidenschaft für das Meer. Eigentlich komme er aus einer Arztfamilie in Kassel. Aber schon früh hatte er Interesse am Meer. "Ich habe, wo es nur möglich war, getaucht." Im Urlaub als Kind an der Nordsee und später auf eigenen Reisen, erzählt der heute 72 Jahre alte vollbärtige Deutsche.
1975 sei er in Friedrichskoog an der Nordsee auf einen alten Krabbenkutter gestoßen und habe ihn mit Freunden wieder instand gesetzt. Sie seien losgefahren und sind genau 1010 Meilen weit gekommen, bis nach Brest in der Bretagne. "Fast jede zehnte Meile enthielt ein Abenteuer. Seitdem habe ich großen Respekt vor dem Meer." Viele Abenteuer dieser Reise hat Mike in seinem Buch "Ursula", benannt nach diesem Kutter, festgehalten. "In Brest habe ich dann gesagt: 'So, jetzt machen wir Schluss mit der Reise, jetzt mache ich hier meine Diplomarbeit.'" Dann habe er in der Bucht von Brest "fleißig gebaggert" und die marine Molluskenfauna für sein Diplomstudium in Meeresbiologie am Institut für Meereskunde in Kiel untersucht. Eigentlich wollte Mike mit dem Kutter von der Bretagne aus bis nach Griechenland schippern. "Und Portugal liegt da ja auf dem Weg." Er bewarb sich um Stipendien und bekam eins von der Rotary Foundation für ein Jahr in Portugal. Als er dort ankam, "da wollte ich nach drei Tagen wieder weg". Für ihn sei die Bretagne das Ideal gewesen. "Aber dann bin ich einfach hiergeblieben", lacht er und lebt mit seiner Frau, einer deutschen Krankenschwester, nun schon seit 45 Jahren in dem Land. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Glasaalfischerei im Grenzfluss Minho zwischen Portugal und Spanien. 1982 wurde er dann vom Institut für Biomedizinische Wissenschaften Abel Salazar (ICBAS) der Universität Porto eingeladen, im Kurs "Wissenschaften der Wasserumwelt" mitzumachen.
Schon zuvor hatte Mike die Idee, dem alten Aquarium von Porto wieder Leben einzuhauchen, das wurde dann zu seinem größten Projekt. In der Avenida de Montevideu gibt es die "Estação de Zoologia Marítima Dr. Augusto Nobre", auch "Aquário da Foz" genannt, wo es früher einmal ein Aquarium gab. 1967 wurde es geschlossen, weil das Meer große Schäden angerichtet hatte. "Die Faculdade de Ciências hat das nie auf die Reihe gekriegt, es wieder zu reparieren", meint Mike mit seiner tiefen rauen Stimme. "Das ist doch eine tolle Aufgabe, bauen wir also das Aquarium wieder auf. So hatte ich damals gedacht." Aber die Idee eines Wiederaufbaus wurde nicht akzeptiert, so machte er den Rotariern den Vorschlag, ein völlig neues Aquarium im benachbarten Matosinhos zu bauen. Das scheiterte dann an den zu hohen Kosten.
1984, als er noch mitten in seiner Doktorarbeit steckte, machte ein Freund ihn darauf aufmerksam, dass an der Praia da Aguda ein Haus zu vermieten sei. "Du machst die Tür auf und 'boff', stehst du am Strand und hast das Meer vor der Nase." Der Eigentümer aus der Schweiz wollte 500 Franken Monatsmiete, damals zwei Drittel von Mikes Gehalt. Bei einem Mittagessen mit Fischern und Leuten von der Stadtverwaltung schaffte es Mike, die Behörden von seiner Idee eines Aquariums zu überzeugen.
"Für mich liegt die Zukunft im Meer, nicht im Weltall." Ich kann mir eher vorstellen, dass der Mensch unter Wasser lebt als da oben auf dem Mond." Heute freut sich Mike auf seine Arbeit in der ELA: als Direktor, als Forscher der heimischen Meeresfauna und als Professor bei ICBAS. "Wenn man Meeresbiologie studieren will, dann muss man Zugang zum Meer haben."
Das Gebäude der ELA dient seit 1997 als Vorlesungsort. Inzwischen unterrichtet der pensionierte Professor dort noch "pro bono". Auch für Schulen bietet ELA eine Ausflugsmöglichkeit, um einheimische Arten und die Fischerei kennenzulernen. "In den 25 Jahren waren bereits 462.000 Besucher da." Das Projekt habe 1,5 Millionen Euro gekostet; 75 Prozent wurden durch staatliche Zuschüsse finanziert, die vom "Roulettegeld" vom nahen Spielkasino in Espinho stammen, 25 Prozent kamen vom Rathaus der Stadt Gaia. Bis 2013 war ELA eine Stiftung, nun gehört es zur städtischen Wasserfirma Águas de Gaia.
Mike hat 30 Bücher verfasst, alle auf Portugiesisch. Er begann zu schreiben, um die Fischereikultur von Aguda festzuhalten. "Ich habe damals, 1988, gemerkt, dass die Fischerei langsam zu Ende ging. Damals hatten wir hier 24 Boote liegen, heute sind es nur noch vier." Da habe er gedacht: "Bevor das alles in die Hose geht, machst du eine Fotoreportage." So entstand sein erstes Buch "Marés da Aguda", eine Dokumentation über den Fischfang in Aguda. Dieses Buch sei "der Schlüssel" gewesen, um die Türen im Rathaus aufzuschließen, sodass man dort anfing, sich für Aguda zu interessieren. "Ich habe immer von dieser Station geträumt, davon, als Meeresbiologe auf dem Meer zu fahren und dann irgendwo den Anker zu setzen, um dort zu leben."