Die Freiheit nehm' ich mir

Von den Corona-Maßnahmen schockiert, gründet der Aktivist Nicolas Rimoldi seine eigene Bewegung: Mass-Voll. Diese und ihr Gründer sind umstritten.

Wir brauchen in der Schweiz etwas, das wirklich für Freiheit steht und keine Wischiwaschi-Politik, die genau das Gegenteil tut von dem, was sie gestern gesagt hat", meint Nicolas Rimoldi und begründet so seinen Austritt aus der FDP. Der ehemalige Jungfreisinnige ist heute Präsident der umstrittenen Bewegung "Mass-Voll", die ursprünglich als kritische Reaktion auf die Coronamaßnahmen während der Covid-19-Pandemie entstanden ist. Die Bewegung und ihr Präsident Rimoldi werden oft mit rechten und sogar rechtsextremen Kreisen in Verbindung gebracht. Wie der "Blick" Anfang Februar berichtete, hat der Nachrichtendienst des Bundes Rimoldi im Visier und sammelt Informationen rund um die Mass-Voll-Bewegung. Rimoldi fällt auch auf, wenn er nichts sagt. Der 30-Jährige trägt meist einen auffälligen schwarzen Mantel, dazu einen violetten Mass-Voll-Pullover mit provokanten Aufschriften wie "Die Schwurbler hatten recht!". Sein voller, dunkler Bart verleiht seinem Gesicht eine gewisse Strenge. Doch wenn er spricht, spürt man die Energie seiner wohlüberlegten Worte. Rimoldi sorgt in der Schweiz, aber auch international, immer wieder für mediale Aufmerksamkeit durch sein bewusst provokantes Auftreten. Er lebt mit seiner Freundin zusammen.

 

Es war ein kalter Februartag im Jahr 2021 in der Luzerner Altstadt. Vor dem Fasnachtsbaum saß Rimoldi. In der Hand eine Zigarre, die langsam glühte. Um ihn herum gab es ein Zusammentreffen von 30 bis 40 Menschen, die einfach nur am Reden waren. Plötzlich forderten mehrere Polizeibeamte die Menschen auf, sich zu entfernen und nach Hause zu gehen - Corona-Versammlungsverbot. Rimoldi blieb sitzen. "Ich dachte mir: Was wollen die machen? Ich sitze hier und rauche, und das ist mein gutes Recht", erzählt er. Wenige Minuten später drohte man ihm mit Haft. "Das war der Moment, an dem ich wusste: Das Maß ist nun endgültig voll." Keine Woche später war Mass-Voll gegründet. Zum Hintergrund: Der Bundesrat hatte im Oktober 2020 mehrere, schweizweit gültige Maßnahmen gegen den starken Anstieg der Infektionen mit dem Coronavirus ergriffen. Im öffentlichen Raum waren spontane Menschenansammlungen von mehr als 15 Personen verboten, namentlich auf öffentlichen Plätzen, auf Spazierwegen und in Parkanlagen.

 

Zunächst war Mass-Voll nur als Jugendbewegung geplant, denn die Jugend habe am meisten unter den Maßnahmen gelitten - keine Lebensfreude mehr, sondern nur noch Isolation, und die Bewegung sollte ihnen einen Funken Hoffnung in solch einer düsteren Zeit geben. Anfangs wollte die Bewegung sich nach der Pandemie wieder auflösen, aber Rimoldi dachte: "Corona ist nicht etwas, das passiert und wieder verschwindet, sondern es ist der Ausdruck eines absoluten Systemversagens - eines Staates, der Grundrechte willkürlich einschränkt, der Menschen dafür bestraft, weil sie auf die Straße gehen, und kritische Stimmen beispielsweise in den Medien oder an Universitäten ausgrenzt."

 

Wurden in der Pandemie Grundrechte wirklich willkürlich eingeschränkt? War das Ganze tatsächlich Ausdruck eines absoluten Systemversagens? Wie die "Neue Zürcher Zeitung" im Mai 2021 berichtete, rügte das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich den Regierungsrat: "Die Beschränkung der Personenzahl auf 15 bei Kundgebungen, die er Mitte März beschlossen hatte, sei unverhältnismäßig und damit unzulässig gewesen. Verschiedene Parteien und Organisationen aus dem rot-grünen Spektrum hatten gegen die Einschränkung des Demonstrationsrechts durch den Zürcher Regierungsrat Beschwerde beim Verwaltungsgericht eingereicht. Die Beschränkung auf 15 Personen komme einem eigentlichen Demonstrationsverbot gleich, hatten sie moniert."

 

Rimoldi entschied sich jedenfalls, die Altersgrenze von 35 aufzulösen und die Bewegung professioneller auszubauen. Heute zählt Mass-Voll 1700 Mitglieder schweizweit. "Es ist nicht mehr die Schweiz, die es mal war", antwortet er auf die Frage nach seinen langfristigen Zielen. Angesichts der hohen Krankenkassenprämien, der Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit, der Massenmigration und so weiter erkenne er die Schweiz einfach nicht wieder. Die Schweiz sei stehengeblieben. So brauche es beispielsweise ein halbes Jahr, um einen einfachen Kreisel zu bauen, während China in derselben Zeit Hunderte Kilometer Gleise für Magnet-Schnellzüge baue. Die Schweiz werde mit all diesem unnötigen Papierkram wie eine Bibliothek verwaltet, was ihn sehr ärgert. Gemeint sind unzählige Bewilligungsverfahren, Sicherheitsnachweise, Rücksprachen mit Ämtern, Einsprachen von Nachbarn - bis jedes Dokument doppelt geprüft und dreifach unterschrieben ist. "Die SP bedient sich am Sozialismus und die SVP am Konservatismus, aber ich will eine moderne Schweiz, die sich weiterentwickeln kann, mit all diesen neuen Technologien wie zum Beispiel KI, denn wir können so viel besser."

 

In dem regionalen Nachrichten-Portal "Zentralplus" für Luzern und Zug kann man Ende März 2021 lesen: "Mass-Voll ist nicht ungefährlich: Wer sich der Jugendbewegung anschliesst, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mit rechtspopulistischem und verschwörerischem Gedankengut in Kontakt geraten."

 

Früher war Rimoldi in der politischen Arena oft als der "Corona-Schwurbler" bekannt. "Schwurbler" ist ein umgangssprachlicher Begriff für Personen, die Verschwörungstheorien vertreten. Hat sich das in der letzten Zeit geändert oder kämpft er immer noch gegen sein Schwurbler-Image an? Rimoldi meint: "Es braucht seine Zeit, bis die Leute verstehen, dass du dich schon vorher für Freiheit eingesetzt hast und nicht erst seit Corona."

 

Rimoldi betont, Mass-Voll sei weder links noch rechts. Kritiker werfen ihm jedoch vor, mit rechtsextremen Figuren wie dem österreichischen Identitären Martin Sellner zu sympathisieren. So berichtete der "Tages-Anzeiger" im August 2023: "Der Mass-voll-Chef hat mit Rechtsextremen demonstriert und Adolf Hitlers Geburtsort besucht." Zu einer Grußbotschaft aus Wien postete Rimoldi ein gemeinsames Foto mit Sellner. Im Tages-Anzeiger heißt es weiter. "Während Rimoldis Heimreise stellt er ein Foto aus Braunau am Inn ins Netz, dem Geburtsort von Adolf Hitler. Gegenüber ,20 Minuten' gab sich Rimoldi daraufhin ahnungslos, er habe in Braunau mit anderen Mitgliedern von Mass-voll nur eine Pause eingelegt. Ihnen sei ,nicht bewusst' gewesen, dass es sich um Hitlers Geburtsort handle."

 

"Die Stärke der Schweizer Politik war es immer gewesen, dass man nicht dem Schubladendenken verfällt. Wenn man ein gemeinsames Anliegen hat, dann steht man auch dafür ein. Wenn Kommunisten eine Demo gegen die Nato und für den Frieden machen, was ich genauso sehe, dann stelle ich mich mit ihnen hin, solange es friedlich bleibt", meint Rimoldi. Er kritisiert Donald Trump, der ihm eigentlich politisch nahestehe, aber durch seine Zollpolitik der Schweiz schade. "Ich verurteile alles, was der Schweiz schadet, denn wir von Mass-Voll sind die Einzigen, die für rein nationale Interessen kämpfen." Auf die Frage, wovon er eigentlich lebt, antwortet Rimoldi offen: "Ich bin Inhaber der Rimoldi Consulting GmbH und lebe ausschließlich von Lohnzahlungen - wie jeder andere Mensch auch."

 

Die Aktionen der Bewegung Mass-Voll polarisieren in den sozialen Medien stark. Auf die Frage, warum ihre Aktionen so provokant ausgerichtet sind, antwortet er: "Wenn du von nichts kommst, musst du Wege finden, um auf dich aufmerksam zu machen." Rimoldi will auf keinen Fall aufhören, bis sich in der Schweiz etwas verändere. "Frei lebt, wer sterben kann", sagt er am Ende des Gesprächs, und das könne er von sich behaupten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 15.09.2025, Nr. 214, S. 26 - Elias Mäder. Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück