Die Kletterlust kann er nicht verbergen

Yannick Glatthard ist der Gipfelstürmer aus dem Schweizer Haslital

Es war ein abgefahrenes Erlebnis", berichtet Yannick Glatthard, und seine Grübchen kommen zum Vorschein. Dem 26 Jahre alten Bergsteiger aus dem Schweizer Haslital gelingt im Februar 2023 die erste freie Begehung der "Hall of Fame" in Kandersteg, einer der schwierigsten Mix-Kletterrouten, die es gibt. Er kletterte elf Seillängen, etwa 400 Meter, an spitzem und schroffem Fels bis hin zu hartem Eis. Dem 1,72 Meter großen Glatthard gelang auch ein anderes Vorhaben. "Best of Grimsel in a Day" nennt er es. Anfang Oktober 2022 bestieg er in nur einem Tag fünf der berühmtesten Kletterrouten am Grimsel. Das Projekt ist etwa 60 Seillängen lang. Yannick kletterte aber um die 90 Seillängen, da er allein unterwegs war, sich selbst sicherte und so etwa ein Drittel der Strecke doppelt zurücklegen musste. Er sucht stets den besten Weg durch die Passagen, die vor ihm liegen. Dies ändert sich auch nicht, wenn er in der Kletterhalle Meiringen ist. In der Luft hängen Magnesium und Schweiß. Die farbigen Griffe fühlen sich unter den Fingern rau an. Sie sind mit Magnesium überzogen, damit man nicht abrutscht. Auch in der Natur benutzt Glatthard Magnesium.

 

Das Projekt "Best of Grimsel in a Day" bedeutet ihm viel. "Für mich ist es eine Reise zurück an den Ursprung, zum Start meiner Karriere. Ich verbinde viele Routen an diesem Projekt mit Kindheitserlebnissen." Er ist, seit er fünf Jahre alt war, im Klettersport unterwegs und nahm früh an Wettkämpfen teil. Drei Junioren-Weltmeistertitel brachte er nach Hause. Mit 21 Jahren gewann er den Eiskletterer-Weltcup in Saas-Fee. "Ich finde, jetzt mit 26 Jahren ist es an der Zeit, sich neuen Projekten zu widmen." Zu seinen Lieblingsprojekten gehören die "Hall of Fame" und der "Salbit-Rekord". Letzterer ist eine Grat-Besteigung. Yannick Glatthard und Simon Wahli bestiegen den West-, Süd- und Ostgrat in einer Rekordzeit von fünf Stunden und 53 Minuten.

 

Der Haslitaler verdient die Hälfte seines Einkommens mit Sponsorengeldern, die er von den Marken bekommt, die er repräsentiert. Ansonsten verdient er sein Geld als Bergführer. "Bergsteigen ist für mich eine Bewegungsform, die ich zu jeder Jahreszeit machen kann", sagt er. Darunter verstehe er Klettern, Eisklettern, Bouldern, Skifahren und Gleitschirmfliegen - einfach alles, was man am Berg machen kann. "Bergsteigen ist eine Reise, die ich mit mir selbst machen kann, wo ich mich Tag für Tag neuen Herausforderungen stellen kann." Er ist ein Bewegungsmensch durch und durch. Doch manchmal schaut er eine gute Serie oder kocht auch mal etwas Leckeres für seine Partnerin.

 

"Ich habe ganze DIN-A4-Seiten mit Projekten, die ich einmal machen möchte. Eines davon ist sicher die neue Route an der Wetterhorn-Nordwand." Zu den Gefahren meint er: "In Zukunft möchte ich eigentlich nicht mehr Risiko nehmen als jetzt." Er klettert größtenteils angeseilt. Trotzdem gebe es noch ein gewisses Risiko, und das sei ihm auch bewusst. Sein größtes Schockerlebnis hatte er am Wellhorn. Er war der Erste, der eine bestimmte Route stieg. "Ich war dort und hatte einen wirklich schlechten Tag. Ich hatte sehr viel im Kopf und war nicht bei der Sache. Etwa zehn Meter vor dem nächsten Haken bin ich völlig unkontrolliert und unkonzentriert an einen Griff herangesprungen. Dabei habe ich ihn verfehlt und bin gefallen. Mir war in dem Moment gar nicht so bewusst, wie weit ich über der letzten Absicherung war. In der Luft habe ich dann mit den Armen eine Ruderbewegung gemacht, da es mich gedreht hat." Dabei kam ein Windstoß, der das Fixseil des Fotografen in Yannicks Flugbahn katapultierte. "Ich habe mich mit dem Bein verfangen und bin nachher etwa 15 bis 20 Meter kopfüber die Felswand heruntergestürzt." Er trug keinen Helm und schlug sich den Kopf auf. Dazu hatte er starke Prellungen am Bein. "Es brauchte recht lang, bis ich mein Vertrauen wiederfand."

 

Das Risiko vergleicht er mit dem Straßenverkehr und seinen Gefahren. Ein wesentlicher Unterschied sei jedoch: "Beim Klettern kann ich selbst entscheiden, wie viel Risiko ich heute, morgen oder übermorgen nehmen will. Und ich selbst kann entscheiden, ob ich das Risiko minimieren oder provozieren möchte. Das größte Risiko im Klettern ist eigentlich das menschliche Versagen, wenn man etwas nicht richtig plant, man unachtsam ist, nicht auf sein Bauchgefühl hört und sich dadurch verletzt oder man abstürzt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.07.2025, S. 26 - Nalani Weber. Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück