Musik prägt das Leben des neunzehnjährigen Marvin Naef. Und eine chronische Erkrankung mit dem Namen Polyarthritis.
In einer Baggy-Jeans und einem Vintage-Pullover sitzt Marvin Naef entspannt auf dem Sofa und verkündet mit einem Lächeln: "Ich weiß nicht genau, was es ist, aber Musik bereitet mir einfach Freude." Egal wo, in welcher Zusammenstellung oder was für ein Stil, er habe etwas gefunden, was ihn erfüllt. Trotzdem war er einmal kurz davor, seine Leidenschaft fürs Geigenspiel aufzugeben. Als eine chronische Krankheit seine Pläne durchkreuzte.
Marvin ist groß und schlank. Seine blonden Haare versteckt er meist unter irgendeiner Art von Kopfbedeckung. Mit seinen 19 Jahren stehen ihm die ersten Aufnahmeprüfungen für das Musikstudium bevor. Seit Längerem sei ihm klar, dass die Musik in seinem Leben eine zentrale Rolle spielen wird. "Nachdem er als Dreijähriger jemanden Violine spielen hörte, ließ er nicht mehr locker, bis er selbst eine in der Hand hielt", erzählt Sabine Züllig, seine Mutter. Seither ist die Violine sein Hauptinstrument. Marvin musiziert vielseitig. Er singe gerne, und während seiner Gymnasialzeit begann er E-Bass und Gitarre zu spielen. Als ihm klar wurde, wie wichtig ihm Musik ist, wollte er Klavierspielen erlernen. "Ich wusste, dass das Klavier eine große Rolle in der Musik spielt. Es ist genreübergreifend und auch wichtig für die Musiktheorie." Mehrfach stand er als Solist mit Orchester auf der Bühne. Außerdem habe er verschiedene Förderpreise ergattert, berichtet seine Mutter stolz. Für Marvin sind das aber nicht die wahren Erfolge. "Für mich ist das Schönste an der Musik, andere Menschen zu treffen, die meine Leidenschaft teilen, und mit ihnen zu musizieren."
Zugleich steht Marvin aber ständig im Kampf mit seinem Körper. Mit sieben erhielt er die Diagnose Polyarthritis. Bei der Autoimmunerkrankung greife der Körper seine Gelenke an, weshalb schmerzhafte Entzündungen entstehen, sagt die Mutter, die Kinderärztin ist. Es könnten auch viele andere Stellen des Körpers betroffen sein, und eine einfache Erkältung habe ganz andere Auswirkungen als bei gesunden Menschen. Bei Marvin waren in den ersten Jahren vor allem die Knie und Füße betroffen, weswegen er den Sport reduzieren musste. Seine Eltern versuchten, ihn wo nur möglich in seinen Träumen zu unterstützen, und zeigten ihm, was trotz der Einschränkungen noch alles möglich ist. Vor vier Jahren traf ein Schub erstmals seine Fingergelenke. Eine Katastrophe für jemanden, der einen Großteil seiner Zeit einem Saiteninstrument widmet.
Damals sei ihm schon klar gewesen, dass er Musiker werden will. "In welchem Ausmaß kann ich überhaupt noch weitermachen? Wird mich mein Körper weiterhin unterstützen?"
Kurzzeitig konnte er gar nicht mehr spielen. Seine Finger waren geschwollen und schmerzten. So sehr, dass er sie manchmal kaum noch auf das Griffbrett drücken konnte. Länger als 15 Minuten am Stück konnte er nicht üben, was sich aber nicht nur negativ auf seine Fortschritte auswirkte. "Durch die begrenzte Zeit lernte ich meine Übzeit optimal zu nutzen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren sowie mir neue Techniken anzueignen." Seither belasteten nur noch kleine Schübe seine Finger.
Doch die Ungewissheit begleitet ihn, denn Polyarthritis ist nicht heilbar. Alle paar Wochen erhält er eine Infusionstherapie, die hilft, künftige Schübe zu vermeiden. Dazu muss er von seinem Wohnort Stäfa nach Zürich. Aber auch diese Therapie gebe ihm keine Garantie, sich voll und ganz auf seinen Körper verlassen zu können. Er sei mit seiner Krankheit auf viel Unwissen und Unverständnis gestoßen, weshalb er sie als Thema seiner Maturaarbeit wählte. In einem Dokumentarfilm zeigt er, wie die Krankheit das Leben betroffener Kinder und Jugendlicher beeinflusst. "Diese Arbeit hat mich bestärkt, für meine Träume zu kämpfen."
Trotz allem geht Marvin locker damit um. "Kopfzerbrechen ist umsonst. Man zerstört sich so selbst das Leben." Irgendwelche Einschränkungen werde es sowieso noch geben, sich die ganze Zeit selbst verrückt machen bringe nichts. "Man soll, solange es geht, das tun, was einem Freude bereitet. Schlussendlich kann immer etwas passieren."