Das Alphorn hat das Leben von Lilo Bucheli-Gehriger geprägt
Ein tiefer, kraftvoller Klang, gefolgt von einer sanften Melodie schwebt in Uster nahe Zürich über den Wagerenhof, eine Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Der Himmel strahlt makellos blau, Sonnenstrahlen tauchen den Festplatz in ein klares Licht. Ein Mädchen im Kinderwagen lauscht gebannt. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei Alphornbläserinnen in der schwarz-blauen Zürcher Oberländer Festtagstracht. Das imposante E-Alphorn von Lilo Bucheli-Gehriger ruht auf dem Boden und zieht alle Blicke auf sich. Der Schallbecher ist kunstvoll mit dem Gehriger-Familienwappen bemalt. Die 63-Jährige und ihre sieben Jahre ältere Freundin Elisabeth spielen konzentriert. Alphornblasen braucht viel Übung und technisches Können. Als der letzte Ton verklingt, applaudieren die 30 Zuschauer. Ein Lächeln huscht über Lilos Gesicht. Sie nickt dem Publikum dankend zu, richtet ihren Trachtenhut und bereitet sich auf das nächste Stück vor.
"Das Alphornblasen erfüllt mich mit einer tiefen inneren Freude", sagt sie daheim in ihrem Proberaum. "Der warme Klang verbindet Menschen und berührt Seelen." Für sie ist das Alphorn weit mehr als nur ein Instrument - es ist ein Erbe, eine Tradition, die sie mit Hingabe pflegt. "Seit meiner Geburt begleitet mich dieser wohltuende Klang. Hans Gehriger, mein Vater, der 2006 verstarb, war nicht nur leidenschaftlicher Alphornbläser, sondern auch Komponist und Gründer der Alphorngruppe Uster, die bekannt ist für die E-Alphörner. Diese haben einen tieferen und wärmeren Klang als die traditionellen Fis-Hörner." Lebhaft erzählt sie: "Mit 16 Jahren fing ich an. Mein Vater meinte damals: 'Wenn du genug übst, darfst du am 1. August mit mir und Elisabeth im Schweizerklub in Kanada auftreten.' Das war eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen konnte." Die Schwester von Elisabeth sei Mitglied im Schweizerklub Toronto gewesen, weshalb sie überhaupt die Gelegenheit bekamen, in Kanada aufzutreten. "Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in der Alphorngruppe Uster mitspielten", sagt Lilo stolz. "Bis etwa 1977 war es ungewöhnlich, dass Frauen Alphorn bliesen. Ich bekam oft blöde Sprüche zu hören, wie: 'Jetzt müssen die Weiber auch noch Alphorn blasen.'" Das habe sie aber nie aus der Ruhe gebracht. Dennoch sei ihr Weg zum Alphorn nicht ganz geradlinig gewesen. "Ich hätte gern früher angefangen, aber ich war oft im Ausland, unter anderem für Sprachaufenthalte. Zudem war mein Vater ständig als Bläser und Alphornlehrer beschäftigt, und allein wollte ich nicht üben, weil ich bis heute keine Noten lesen kann", gibt sie zu. "Heute helfen mir Noten dabei, mich zu orientieren, vor allem, ob es nach oben oder unten geht. Als junges Mädchen war ich ein bisschen faul."
Ihre beiden Brüder und die Mutter haben diese Tradition nicht übernommen. "Jeden Montag proben Elisabeth, Ruedi, Marianne und ich zusammen." Kennengelernt haben sie sich in der Alphorngruppe Uster. "Manchmal üben wir ohne Noten, und es kann passieren, dass wir mitten in einem Stück landen, das wir gar nicht spielen wollten." Oft spielen sie Werke ihres Vaters sowie weitere traditionelle Stücke. Die Auftritte gestalten sie in wechselnden Besetzungen, je nachdem wer gerade Zeit hat. Erst kürzlich sei sie in Langnau im Emmental aufgetreten. Zu viert habe man mit den Alphörnern das Stück "Zäme stah macht Freud" gespielt - ein Titel, der für sie sinnbildlich für die Freude am gemeinsamen Musizieren steht. Sie deutet auf den Raum. "Hier üben wir, wenn es draußen sehr kalt ist." Ein Teppich liegt in der Mitte. Darauf verstreut sind Notenblätter, Hefte und ihr Alphorn, das sie seit mehr als 45 Jahren besitzt. Daneben liegt ein kleiner Teppich mit einem Foto ihres Hundes Malik. "Wir nennen ihn fünf Kilogramm Liebe, denn er ist genau so schwer." Sie öffnet ihr graues Jäckchen. Ein bedrucktes T-Shirt, auf dem ein Bild von Malik prangt, kommt zum Vorschein. "Das soll Glück bringen. Er ist gerade im Spital, weil er einen Bandscheibenvorfall hatte." Eine Wand ist mit unzähligen kleinen Modellautos dekoriert. "Die sammelt mein Mann Reto", erklärt Lilo. Sie lebt mit ihm in Aathal-Seegräben, wo sie eine Massage- und Gesundheitspraxis betreibt. "Kräuter haben mich schon immer fasziniert. Meine Mutter hatte immer ein kleines Säckchen dabei, um Kräuter zu sammeln." Rund ums Haus wachsen zahlreiche Heilpflanzen, aus denen sie Salben und Öle herstellt.
"Hast du vom Weltrekord in Nidwalden gehört?", fragt sie nach einer kurzen Pause. "1006 Alphornbläserinnen und -bläser spielten zusammen am 31. August 2024 auf der Klewenalp und schafften damit den Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Da war ich auch dabei." Normalerweise nehme sie an Großanlässen nicht teil. "Ich bin durch meinen Vater eine traditionelle Alphornbläserin", betont sie. "Vor ein paar Jahren fing es an, dass immer mehr Menschen das Alphorn für sich entdeckten. Viele meinen, sie könnten nach einigen Stunden schon spielen. Sie pusten einfach hinein, bringen ein paar Töne heraus und sind begeistert." Genau aus diesem Grund vermeide sie solche Events. Der Weltrekord sei eine Ausnahme gewesen. "Es hieß, wir spielen ohne Noten, und das unterstütze ich sehr. So gehört es sich für einen Auftritt, finde ich. Deshalb habe ich mitgemacht." Sie habe gesehen, dass einige Teilnehmer dennoch Noten mitbrachten. "Für viele geht es um das Dabeisein. Für mich zählt die Qualität und die Tradition, nicht der reine Auftritt."
Das Alphornspiel sei für sie eine Kunst, die viel Hingabe verlange. "Es muss sauber klingen, sonst berührt es die Menschen nicht wirklich." Für sie gehöre auch eine maßgeschneiderte Tracht dazu. "Wenn man sich eine leiht, passt oft der Abstand zwischen Rock und Boden nicht richtig." Solch eine Tracht koste jedoch schnell mehrere Tausend Franken.
Lilo erklärt: "Das Alphorn erzeugt Naturtöne. Je nachdem wie man die Lippen formt, entsteht ein anderer Ton. Dafür braucht man viel Technik und eine stabile Stütze im Bauch." Ein Alphorn koste mehrere Tausend Franken. "Heutzutage kann man es sogar online kaufen." Als sie ins Horn bläst, erfüllt ein warmer, voller Klang den Raum. "Tiefe Töne erfordern weniger Kraft als hohe. Ältere Alphornspielerinnen und -spieler wechseln deshalb oft in eine tiefere Stimmlage. Es gibt aber auch viele, die nicht merken, dass ihnen die Kraft fehlt. Und das klingt dann nicht mehr schön." Sie schmunzelt. "Ich hoffe, ich werde den Moment erkennen, wenn es bei mir so weit ist."