Kunst kennt kein Handicap. Im Atelier Geyso20 werden besondere Werke ausgestellt - und jeder schaut hin.
Das Wesen des Staubsaugers" lautet die Ausstellung im Atelier Geyso20 in Braunschweig, durch die die Besucher mit gebannten Blicken spazieren. Sechs Bügeleisen stehen aufgereiht auf einem schmalen, weißen Tisch. Bei einem anderen Exponat fügen sich wenige fein gesetzte Striche zu einem Staubsauger zusammen. Auf Bildern erkennt man Wäscheleinen, Bügeleisen und Waschmaschinen. Mit einem Bleistift, den er mit der ganzen linken Hand fest umklammert, zeichnet Lutz Möller in Sekundenschnelle etliche Haushaltsgeräte minimalistisch auf ein Blatt Papier. Der 1959 in Rotenburg/Wümme geborene Möller ist ein überregional bekannter Künstler des Ateliers, der mit seiner geistigen Behinderung in Köln, München, Rom und den USA ausgestellt hat.
"Direkt, unmittelbar, erfrischend, verrückt und überraschend." So beschreibt Nina Roskamp, die Leiterin von Geyso20, das Atelier. In einem modernen Industrieloft befindet sich im ersten Obergeschoss ein weitläufiger Raum, gefüllt mit unzähligen Farbtuben, deren Geruch den Raum durchströmt. Man sieht kleine und große Leinwände sowie Unmengen an Karton und Papier. Von allen Seiten strahlt durch die deckenhohen Fenster Tageslicht. An den Wänden hängen große und kleine, bunte, aber auch schlichtere Bilder, die sich ebenfalls in den Büros wiederfinden. In einem davon sitzt Roskamp. Dort geht sie seit zwölf Jahren ihrer Arbeit nach. Die Fünfundvierzigjährige trägt ein dunkelblaues Kleid. In ihrem Büro stapeln sich Leinwände, Briefe, Papier und Bücher. Man spürt: Hier ist Kunst zu Hause. "Bei uns arbeiten 30 beeinträchtigte Künstler", sagt die Kulturwissenschaftlerin und Erwachsenenpädagogin stolz. "Ich bin die Schnittstelle zwischen den Künstlern und der Geschäftsleitung der Lebenshilfe Braunschweig, und genau das macht meine Arbeit spannend." Die Einrichtung existiert seit 1992. Die Lebenshilfe Braunschweig ist der Ursprung des Ateliers, und Geyso20 ist bis heute Teil des Netzwerks. "Die Organisation ist eine der größten Lebenshilfen in Deutschland. Etwa 750 hauptamtliche Mitarbeiter bieten unterschiedliche Dienstleistungen für über 1400 Menschen mit Beeinträchtigung an." Das Spektrum reiche von kognitiven, geistigen bis hin zu psychischen Einschränkungen. Im Atelier werde unter einem anderen Grundverständnis gearbeitet. Nicht alle Künstler arbeiten von morgens bis abends. "Manche arbeiten nur zwei Tage die Woche, andere mehr." Besonders wichtig sei, dass sie sich untereinander gut verstehen. Roskamp sagt, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen und oftmals "eins zu eins" agieren. "Man erkennt sofort, ob sie wütend, traurig oder fröhlich sind. Oft sind beeinträchtigte Menschen besonders starke Persönlichkeiten, und der Umgang mit ihnen erfordert Fingerspitzengefühl." Gleichzeitig erlange sie bei ihrer Arbeit unglaublich viel Wertschätzung und Anerkennung. Sie erlebe häufig berührende Momente und lerne von den Künstlern. "Es gibt einen Künstler, der mir lange Briefe schreibt." Ihr Blick fällt auf ein gelbes Blatt mit einem langen Text in Schreibmaschinenbuchstaben.
Lutz Möller erscheint zur Eröffnung seiner Ausstellung im April 2024 im marineblauen Anzug mit weißem Hemd. Die Brille sitzt leicht schief auf der Nase. Der Fünfundsechzigjährige zeigt sich besonders euphorisch, lebensfroh, beinahe kindlich. Deutlich zu erkennen: Seine Leidenschaft gilt den Geräten des Haushalts. Ihm gelingt es durch eine geschickte Aneinanderreihung von Strichen, den leblosen Objekten Charakter einzuhauchen. Die Werke sind minimalistisch gehalten. Das macht sie so faszinierend. Seit 1993 ist Möller Mitglied des Ateliers. Jeder Künstler hat dort seinen Arbeitsplatz, "wie ein Atelier in einem Atelier", sagt Roskamp. Egal ob aufwendig mit einer Sammlung alter Schreibmaschinen dekoriert oder durch und durch strukturiert. Auf breiten Tischen stapeln sich Materialien verschiedenster Form und Größe: von Badeenten über Holz bis hin zu Korken. "Alle Künstler haben die Möglichkeit, sich individuell zu entfalten und den Platz einzunehmen, den sie brauchen." Sie arbeiten konzentriert. Ruhig und bedacht werden Pinselstriche gesetzt, und es wird auch laut über den letzten Urlaub gelacht. "Hier haben wir gekocht", erklärt Möller stolz und zeigt auf ein mitgebrachtes Foto. So verschieden jeder auch sein mag, sie alle fühlen sich aufgehoben und wirken gelöst. Hart arbeitend fiebern sie der nächsten Ausstellung entgegen. "Ich hoffe, auch bald ausgestellt zu werden", erklärt der 59 Jahre alte Künstler Karsten Hallmann, während er konzentriert auf sein Skizzenbuch blickt, in dem er mandalaartige Figuren zeichnet.
Die Geschichte der Behindertenarbeit ist noch nicht sehr alt. Aktiv entwickelte sie sich gegen Ende der sechziger Jahre. Roskamp betont, dass beim Kontakt eine besondere Form der Empathie vonnöten sei. "Man muss nicht nur offen und freundlich sein, sondern bereit sein, in andere Lebenswelten einzutauchen." Zwar arbeitet das Atelier weder therapeutisch noch pädagogisch, dennoch fließen diese Aspekte ein. "Manchmal zeigt sich die Verarbeitung offensichtlich, manchmal aber auch nicht." Der therapeutische Aspekt der Kunst lebe von intensiver Verarbeitung. "Der Schauspieler stellt sich auf die Bühne, der Maler macht eine Ausstellung."
Die Einstellung zur Kunst sei im Wandel. "Man erwartet hinter Kunst nicht mehr nur Menschen mit Ausbildung." Sie zeigt eine andere Weltauffassung. Die Scheu oder Fehlverständnisse von manchen Betrachtern seien verständlich. Das brauche Zeit, denn die Art von Kunst im Atelier sei für viele zunächst ungewohnt. Da das Thema Inklusion aktuell in "aller Munde" sei, eröffne dies viele neue Möglichkeiten, das Konzept von Geyso20 anderen näherzubringen. "Man muss die Chancen nutzen." Das laute Lachen von Lutz Möller durchdringt den Ausstellungsraum und schallt bis in die Gewölbe. Es ist ausgelassen und unverwechselbar. Die Euphorie in seiner Stimme geht unter die Haut.