Wie Marco Toigo zum Muskelexperten wurde und sein Leben mit Training, Arbeit, Freizeit in der Balance hält.
Läuft man durch die große Trainingshalle des OYM, "On Your Marks", klirren Hanteln, trainieren Athleten, und der vertraute Geruch einer Sporthalle dringt einem in die Nase. OYM ist ein Spitzensportzentrum in Cham im Kanton Zug. Die blaue Kunstsprintbahn gibt einem das Gefühl, über eine olympische Laufbahn zu schreiten, während der folgende Holzboden im Gang das behagliche Gefühl eines modernen Büros vermittelt. Und ein Büro ist es auch, in das man durch eine Glaswand hindurch einen Einblick gewinnt. "Marco Toigo" steht in weißer Schrift auf der Glastür. Er ist der CSO, Chief Scientific Officer, und damit der wissenschaftliche Leiter.
Während andere noch schlafen, beginnt für Toigo um drei Uhr in der Früh der Tag - mit Kaffeetasse und Kalender. Disziplin gehört zu seinem Alltag wie das Muskelzittern zum Training. Der Muskelwissenschaftler trainiert nicht nur andere, sondern lebt selbst, was er vertritt. Im Raum ein schwarzer Bürostuhl auf einem runden Teppich, ausgerichtet auf das Arbeitspult. Darauf ein großer Computer und Stifte. Toigos ernster, aber sympathischer Blick, seine Glatze und sein durchtrainierter Körper fallen auf den ersten Blick an ihm auf. Er trägt einen dunkelgrauen Pullover mit dem Logo der LA Lakers, hellgraue Leinenhosen und schwarz-weiße Nike-Schuhe. Kein Laborkittel, kein klassischer Business-Look. "Ich war bei der Konzeption des OYM von Anfang an beteiligt. Zuvor war ich leitender Oberassistent einer Forschungsgruppe über molekulare und zelluläre Muskelphysiologie der ETH Zürich und an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich", erklärt er. Seine Stimme ist ruhig, seine Sätze sind klar. Kein überflüssiges Wort. Der 53-Jährige wirkt souverän, sachlich, durchtrainiert. Man spürt, hinter der soliden Haltung steckt ein Mensch, der sich nie ganz zurücklehnen kann. Verantwortung prägt seinen Alltag.
Es hätte auch ganz anders kommen können. Als junger Mann, aufgewachsen in Männedorf, einem kleinen Dorf am Zürichsee, begann Toigo eine kaufmännische Lehre bei der damaligen Bank Leu, arbeitete ein Jahr lang im Finanzbereich und entschied sich dann mit 21 Jahren für einen radikalen Schnitt. "Ich interessierte mich schon immer für biologische Prozesse, für die Fähigkeit des Körpers, sich anzupassen", sagt er. Toigo legte die Matura auf dem zweiten Bildungsweg ab und schrieb sich an der ETH Zürich für ein Studium der Molekular- und Zellbiologie ein, später promovierte er über zelluläre Plastizität von Muskel- und Skelettgewebe. Forschung, die in mikroskopisch kleinen Zellprozessen ansetzt - und doch eine der grundlegendsten Fragen überhaupt berührt: Wie reagiert der menschliche Körper auf Belastung? Wie lässt sich diese Reaktion gezielt beeinflussen, um Leistung zu fördern oder Heilung zu ermöglichen?
"Ich musste zur Finanzierung nebenbei als Fitnesstrainer und am Wochenende teilweise noch als Türsteher arbeiten." Das Ganze sei aber nicht ganz so anstrengend gewesen, wie man vermuten könnte. "Fitness mag ich sowieso, und als Türsteher hatten alle Respekt vor mir, da hatte ich nie Probleme", fügt er an und lacht. Seine breiten Oberarme, sein strenger Blick und seine etwa 1,80 Meter wirken schnell abschreckend.
Schon als kleiner Junge betrieb Toigo unübliche Sportarten. Andere Kinder spielten Fußball oder Volleyball, doch Toigo entschied sich für Kampf- und Selbstverteidigungssportarten wie Judo, Karate und Taekwondo. Im Militär diente er sogar in einer Spezialeinheit, den Scorpions, und wurde fast zum Divisionär befördert. Man könnte rein äußerlich sofort denken, Toigo sei eine Fusion aus Captain America und The Hulk, die ironischerweise seine beiden Lieblingssuperhelden sind.
Seine wissenschaftliche Expertise führte ihn schließlich zum OYM. "Ursprünglich wurde OYM im Jahr 2020 von Hans-Peter Strebel, dem Eigentümer des Eishockeyvereins Zug, eines führenden Klubs in der Schweiz, ins Leben gerufen. Er stellte fest, dass das Training der Spieler nicht optimal war. So wurde ein umfassender Plan entwickelt, der nicht nur Eishockeyspieler, sondern auch die Leistung anderer Spitzensportler aus allen möglichen Sportarten, von Fußball bis Tennis, langfristig optimieren sollte." Einer der schnellsten Männer über 100 Meter, Akani Simbine, oder die Spitzen-Velofahrerin Demi Vollering trainieren hier.
Das OYM vereint Spitzensport, Training, Forschung und Wissenschaft unter einem Dach. Hier wird Bewegung gemessen, Ernährung optimiert, jede Leistungsvariable analysiert. Und mitten darin: Toigo. "Wir unterscheiden primär fünf Bereiche, darunter Biomechanik und Ernährung. Ich leite dabei rund 30 Mitarbeitende. Wir konnten zum Beispiel feststellen, dass Muskeln endokrine Organe sind, die unseren Hormonhaushalt beeinflussen. Deswegen wirkt sich Krafttraining direkt auf die Gesundheit unserer Muskeln aus", erklärt er. Sein Kalender ist straff: Dienstreisen nach Abu Dhabi oder in die USA, lange Arbeitstage, Frühschichten. "Ich stehe früh auf und gehe abends gegen 20 Uhr schlafen." Der Satz klingt nicht wie eine Klage, sondern wie eine Formel. Der Körper ist Teil der Arbeit.
In den wenigen freien Stunden trainiert Toigo oder unternimmt etwas mit seiner Freundin oder Angehörigen, egal ob kleine Spaziergänge in ein Café oder größere Ausflüge in Städte. Jeden Samstag reist er von seinem Wohnort Winterthur über eine Stunde mit dem Zug zu seiner Mutter und isst mit ihr und seiner Familie zu Mittag - ein fester Punkt im Kalender. "Kinder habe ich zwar keine, aber mein Neffe reicht mir völlig." Und dann der Nachsatz: "Er hält sich zwar nicht ganz an meine Zeitpläne, aber ich arbeite daran."