Die Worte dürfen nicht die Fassung verlieren

António Sousa Ribeiro hat Karl Kraus ins Portugiesische übersetzt

 

Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens", zitiert António Sousa Ribeiro einen Aphorismus von Karl Kraus (1874-1936). "Kraus sah die Sprache als Quelle des Gedankens, nicht als Mädchen für alles." Der 1952 geborene Germanistikprofessor hat sein Leben dem österreichischen Schriftsteller gewidmet. Eigentlich wollte Sousa Ribeiro, der in Porto als eines von zehn Kindern aufwuchs, Jura studieren. "Das Geld hat jedoch nicht für die nötigen Nachhilfestunden in Englisch gereicht. Meine Deutschlehrerin empfahl meinen Eltern dann, Germanistik zu studieren, weil mir die Sprache so leichtfiel." Er schrieb sich an der Universität Coimbra ein. Bis zu seiner Emeritierung 2020 hat er dort auch gelehrt. "Als Student bin ich zum ersten Mal auf Kraus gestoßen, als ein englischer Kollege mir eine englischsprachige Anthologie von Kraus-Texten empfahl." Daraus entwickelte sich eine lebenslange Begeisterung. "Mit dem Lesen, Analysieren und Übersetzen von Kraus ins Portugiesische habe ich wahrscheinlich ein Viertel meines wachen Lebens verbracht." Er zähle wohl zu den wenigen Menschen, die sämtliche mehr als 20.000 Seiten und 922 Nummern der "Fackel" gelesen haben. Das ist die von 1899 bis 1936 von Kraus herausgegebene Zeitschrift, deren einziger Autor er ab 1911 war. Sousa Ribeiro promovierte über Shakespeare-Zitate bei Kraus. "Kraus hat meine Art zu denken und zu lesen entscheidend geprägt. Jedes Wörtchen kann die Bedeutung des gesamten Satzes verändern." Sousa Ribeiro erinnert an Kraus' Aphorismus "Ich habe manchen Gedanken, den ich nicht in Worte fassen könnte, in Worten gefasst".

 

In der Tragödie "Die letzten Tage der Menschheit" setzt sich Kraus mit der Unmenschlichkeit und Absurdität des Ersten Weltkriegs auseinander. "Viele Schriftsteller können in die Abgründe der Menschheit blicken, aber nur wenige können in diese Abgründe steigen", meint der Mann mit den grauen Haaren und der randlosen Brille. "Ich habe fünf Jahre dafür gebraucht, das Werk mit seinen knapp 800 Seiten ins Portugiesische zu übersetzen. Kraus zu übersetzen ist durch sein Pathos, seine Wortspiele und die Art, wie er mit der deutschen Sprache umgeht, oft sehr kompliziert. Ich habe manche Sätze tagelang im Kopf herumgetragen, bis ich auf eine passende Übersetzung gekommen bin." Als Beispiel erwähnt er den Wortwechsel zwischen dem Optimisten und dem Nörgler, Kraus' Alter Ego. Der Optimist erklärt "Es handelt sich in diesem Krieg . . ." und wird sogleich vom Nörgler mit den Worten unterbrochen "Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!" Dieses Spiel mit der Zweideutigkeit des Wortes "handeln" könne man nicht einfach ins Portugiesische übersetzen. Sousa Ribeiros größter Erfolg sei aber die Aufführung des Stücks 2016 in den Nationaltheatern Dona Maria II. in Lissabon und São João in Porto gewesen. "Erst wenn ein übersetztes Theaterstück aufgeführt wird, weiß man, ob die Übersetzung funktioniert. Natürlich konnte man nicht das gesamte Werk mit seinen über 200 Szenen aufführen." Die getroffene Auswahl habe immer noch rund 200 Figuren enthalten, sodass jeder Schauspieler mehrere Rollen übernehmen musste. Die Schlussrede wurde sogar auf sieben Figuren verteilt. Um die Schauspieler auf ihre Rollen vorzubereiten, gab Sousa Ribeiro ein Seminar über Kraus. "Danach sind einige junge Schauspieler auf mich zugekommen und haben mir berichtet, dass Karl Kraus ihren Blick auf das Leben entscheidend verändert habe." Sousa Ribeiro betont die große Aktualität des Stücks: "Das Grauen und das Leid, das Kraus in den 'Letzten Tagen der Menschheit' schildert, unterscheiden sich nicht groß von dem Grauen, das sich in der Ukraine oder in Gaza abspielt." Am schockierendsten sei, dass Kraus sich die unwahrscheinlichsten Situationen und Dialoge nicht ausgedacht, sondern nur zitiert habe. "Vor allem am Ende zitiert Kraus nur noch aus der Presse, aus Werbeanzeigen und Leserbriefen. Schreckliche Bilder wie Pferde, auf deren Rücken sich blutig die Form des Geschützes, das sie tragen mussten, abzeichnete, waren nicht erfunden."

 

Besonders mit der Presse, die er gern als "Journaille" bezeichnete, habe sich Kraus oft angelegt. In Artikeln wie "Reklamefahrten zur Hölle" kritisiere er deren Voyeurismus und Profitgier. Darin nimmt Kraus eine Werbeaktion der Basler Nachrichten aufs Korn, die 1921 eine Reise zu den Schlachtfeldern von Verdun anbietet. Dafür bewunderten ihn viele Leser, die man oft als "Krausianer" bezeichne. "Ich selbst habe mich nie als 'Krausianer' gesehen, denn natürlich gibt es auch kritische Punkte an Kraus, wie etwa sein Frauenbild", meint Sousa Ribeiro. Beeinflusst durch Kraus habe er sich einem zweiten Forschungsgebiet zugewandt, der postkolonialen Literatur. Noch immer werde in Portugal kaum über Kolonialismus und Postkolonialismus gesprochen, obwohl die portugiesischen Kolonialkriege erst 50 Jahre her sind. "Viele Portugiesen erleben eine Überraschung, wenn sie den alten Dachboden ihrer Großeltern ausräumen und in Alkohol eingelegte menschliche Ohren finden, die damals als Trophäen üblich waren." Diese Relikte erinnerten an einige Szenen in "Die letzten Tage der Menschheit". "Wenn man beginnt zu vergessen und mit den Menschen nicht mehr mitfühlt, ist das Unvorstellbare wieder möglich. Für Kraus nimmt das Mitgefühl eine besondere Rolle ein. Er möchte mit seiner Satire nicht unterhalten, sondern auf Missstände aufmerksam machen."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.03.2025, S. 24 - Nora Schwarmann, Deutsche Schule zu Porto

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