Die Zeit rauscht nur so an einem vorbei

Sabrina Itin ist Lokführerin bei der Schweizer Bahn

Hauptbahnhof Zürich, 9.32 Uhr, Gleis 32. Sabrina Itin sitzt konzentriert im Führerstand des Triebwagens, bereit zur Abfahrt nach Bern. Die Strecke Zürich-Bern zählt zu den meistbefahrenen Verbindungen in der Schweiz. Die Luft in der Kabine ist frisch, das Licht angenehm gedämpft. Im Zentrum stehen ein blaues Kontrollpult und davor ein verstellbarer Stuhl. Das Innere wirkt ein wenig ufoartig. Die Siebenundzwanzigjährige ist 1,70 Meter groß, ihre braunen Haare trägt sie zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden. Hinter dem rechten Ohr ist eine kleine Rose tätowiert. Und ihr linker Arm ist mit Mandalas von Autoteilchen verziert, die ihre Liebe zur Technik widerspiegeln.

 

Das Licht wird ausgeschaltet. Ein Rucken und es geht los. Während der Fahrt ist hie und da ein leises Knarzen des Metalls, das rhythmische Klicken der Gleise, ein Zischen oder das gelegentliche Piepen der Sicherheitssysteme zu hören. Nach Olten wird auf 160 km/h beschleunigt, die Welt rauscht vorbei. Sie verschwimmt, Bäume und Pfosten fliegen vorbei wie in einem Film.

 

Die Welt der Lokführer hat ihren eigenen Slang. "Neulinge nennen wir noch immer 'Heizer', ein Begriff aus der Dampflokzeit, als man Kohle schaufelte", erzählt Itin. Ausdrücke wie "Schnitzelexpress" für den österreichischen Railjet, der auch in der Schweiz verkehrt, oder den "Zwerg", ein Signal für Rangierfahrten, gehören ebenfalls dazu. "Jeder Tag ist ein bisschen anders." Ihre Schichten beginnen unterschiedlich, doch eines bleibt immer gleich: die gründlichen Sicherheitskontrollen vor jeder Abfahrt. Bis zu eine Stunde kann es dauern, bis der Zug vor der ersten Fahrt vollständig überprüft ist. "Bei der Sicherheit gilt Nulltoleranz. Man ist sich der Verantwortung bewusst, aber nicht so, dass es die Arbeit einschränkt."

 

Wusch! Plötzlich ist alles dunkel. Ein Tunnel. Die verschwommene Landschaft verschwindet, und es dauert einen Moment, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Die Scheinwerfer schneiden nur wenige Meter durch die Finsternis. Die Geräuschkulisse verändert sich: lauter, dumpfer, dichter. Das rhythmische Klopfen der Schienen ist nun deutlicher zu hören. Die Vibrationen scheinen stärker. Am Ende des Tunnels erscheint ein Licht. Und der Himmel spiegelt sich auf den Schienen.

 

Itin begann ihre berufliche Laufbahn mit einer Lehre zur Hotelfachfrau. Durch eine Kollegin wurde sie auf den Beruf Lokführerin bei den SBB aufmerksam. Im November 2019 begann ihre Ausbildung, und seitdem ist sie auf den Schienen unterwegs. Ende 2023 wurde sie zudem Teil der Railjetgruppe, die zusätzlich die österreichischen Fahrzeuge in der Schweiz fahren darf.

 

Einfahrt in Bern: Der Zug wird langsamer und langsamer, bis er schließlich zum Stehen kommt. Während der Hauptbahnhof Zürich mit seinem aus Stein getäfelten Boden hell erscheint, wirkt der Berner Bahnhof auf den ersten Blick düster. Betritt man jedoch die Restaurants im Obergeschoss, wirkt es heimelig. Dort wird eine kurze Pause eingelegt, bevor es zurück nach Zürich geht.

 

Auf dem Rückweg kommt ein anderes Fahrzeug zum Einsatz, ein Wagen, bei dem sich der Maschinenraum direkt hinter dem Führerstand befindet. Ein intensiver Dieselgeruch liegt in der Luft. Der Boden vibriert unaufhörlich unter den Füßen, während das Rattern der Maschinen deutlicher zu hören ist.

 

Im Rückspiegel erscheint der Zug als unendlich lange Kette aneinandergereihter Waggons. Tatsächlich ist er 400 Meter lang, Maximallänge, erklärt Itin. Er wiege 84 Tonnen und brauche deshalb die 8200 PS. Um diese Kräfte sicher auf die Schienen zu übertragen, treffe man besondere Vorkehrungen. "Am schlimmsten ist Nieselregen. Der wirkt wie Seife auf dem Eisen." Deshalb werde bei Bedarf Sand auf die Schienen gestreut, oder es werden bei der Ausfahrt aus dem Zürcher HBF die Schienen beheizt, um diese trocken zu halten.

 

Itin liebt ihren Beruf. "Man ist sehr selbständig, niemand schaut einem ständig über die Schulter." Das Bild vom einsamen Lokführer teilt sie nicht. "Beim Fahren ist man natürlich allein, doch da muss man auch konzentriert sein. Aber sonst ist man viel mit anderen Menschen unterwegs." Ob die Züge der Zukunft schweben werden? "Das glaube ich nicht", sagt sie und lacht. "Dafür ist unsere Infrastruktur nicht bereit. Aber es wird sicher einige Vereinfachungen geben." Auch wenn man meinen könnte, dass der größte Stress durch den Druck entsteht, immer pünktlich sein zu müssen - weil so viele Menschen auf einen zählen -, die Lokführer wissen genau, wann sie wo noch eine Kaffeepause einlegen können. Auf der LEA-App auf ihrem Tablet, die Abkürzung steht für "Lokpersonal Electronic Assistant", wird während der Fahrt sogar auf die Sekunde genau angezeigt, wie viel Verspätung - oder auch Zeitvorsprung - ein Zug hat. "Wir werden nie gestresst oder unter Druck gesetzt, denn wenn unterwegs ein Problem auftritt, liegt die ganze Verantwortung beim Lokführer." Sicherheit hat immer oberste Priorität.

 

Der Zug rollt ein. Die Bremsen quietschen sanft, ein letztes Rattern. Das Licht geht an, es wird zusammengepackt. Plötzlich geht alles ganz schnell.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 08.12.2025, Nr. 285, S. 26 - Jael Koller, Kantonsschule Uetikon am See

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