Die Zuschauer sind verzaubert

Magier Marco Miele sieht Magie auch in den normalen Dingen des Lebens

Im Zuschauerraum ist es stockdunkel. Auf den geheimnisvoll wirkenden großen Mann mit dunklem Haar fällt das Scheinwerferlicht. Die Magie erwacht. Sobald sich der Vorhang öffnet, ist Zauberer Marco Miele in seinem Element. Im schwarzen Outfit, die Weste mutet viktorianisch an, schreitet er auf die Bühne, begleitet von einer Musik, die die Spannung verstärkt. Nebelschwaden wirbeln um ihn. "Für mich ist Magie alles, was besonders, was keine Routine im Alltag ist", erklärt der 47-Jährige. Er sieht Magie auch in den normalen Dingen des Lebens. "Ob ich mir einen Kaffee hole oder mein Auto zur Werkstatt bringe, ich versuche immer die magischen Momente wahrzunehmen." Mit zehn Jahren hat der Junge aus Waiblingen einen Zauberkasten geschenkt bekommen. Erst war die Familie sein Publikum und das Wohnzimmer seine Bühne. Je mehr er übte, umso mehr Publikum hatte er. Verwandte, Freunde, dann auch Zuschauer, die extra wegen seiner Vorführungen kamen. Zaubern ist seine Leidenschaft. Miele studierte Psychologie, dann arbeitete er für ein Unternehmen, das Internetseiten für Firmen erstellt. Mit 35 hatte er den Mut, seinen Beruf mit sicherem Gehalt hinter sich zu lassen. "Ich will nur noch morgens aufstehen, und alles, was ich mache, hat mit meiner Zauberei zu tun." Seine Eltern und seine Frau Bina De Bonis hatten Sorge, ob man sich ein Leben damit aufbauen kann. "Ich brauche diese Sicherheit nicht. Für mich ist es eher erschreckend zu wissen, dass ich jeden Monat das gleiche Geld bekomme." Er will selbst entscheiden. Strengt er sich an, verdient er mehr. Ist er krank, kann er größere Geldbeträge verlieren. Miele hat Magie in den netten Gesten fremder Menschen erlebt, etwa als eine Ladenbesitzerin ihm an einem kalten Tag einen dicken Pullover schenkte. "Es kommt darauf an, wie viel wir zulassen und wie viel wir in etwas hineinsehen wollen. Alles, was ich mache, hat für mich jetzt einen Sinn."

 

Viel Fahrerei gehört dazu. Mieles Zuhause ist im baden-württembergischen Walheim. Für seine Darbietungen reist er quer durch Deutschland, manchmal auch in die Schweiz oder nach Österreich. "Ich bin höchstens zwei oder drei Tage in der Woche im Hotel." Wenn er länger weg ist, kommt die Ehefrau mit. "Das Schöne daran ist, dass man neue Städte und neue Menschen kennenlernt." Miele verbringt auch viel Zeit in seinem Büro, eine Aufgabe, die ihm weniger Freude bereitet.

 

Links von ihm eine Frau, rechts ein Mann. Miele verbindet dem Mann die Augen. "Wenn ich dich an der rechten Seite berühre, hebst du den rechten Arm. Das Gleiche machst du mit dem linken, wenn ich dich an der linken Seite berühre, und jetzt gehe einfach in dich!" Eine Melodie ertönt, und Miele wendet sich der Frau zu. Seine Hand berührt ihren linken Arm, und der Mann mit den verbundenen Augen hebt synchron den seinen. Dann, behutsam, hebt er ihren rechten Arm, und der Mann spiegelt die Bewegung, als spüre er die unsichtbaren Fäden der Magie. Das Publikum sitzt mit offenem Mund da. Zunächst Totenstille, dann tosender Applaus. Um das Publikum immer wieder aufs Neue zu verzaubern, trainiert Miele zwei Stunden am Tag. "Ich erarbeite meine Show von innen nach außen." Er überlege, über was die Zuschauer lachen würden oder was sie dazu bringt, Tränen zu vergießen. Darauf baut er das Kunststück auf. "Das ist zwar viel Arbeit, aber das macht die Show eben emotional." Für Miele ist Magie mehr als bloße Tricks, es sind Kunststücke voller Emotionen. Der Trick selbst ist das technische Geheimnis, das die Illusion erschafft, doch das Kunststück ist die Performance, die die Sinne verzaubert.

 

Miele arbeitet auch mit anderen Künstlern zusammen. Die Show "I will find you" hat er mit der Balletttänzerin Sophie Julie Marchand auf die Beine gestellt. Für das Format "Pantomagic" arbeitet er mit dem argentinischen Pantomimekünstler Pablo Zibes. Zu seinen Shows kommen zwischen 100 und 3000 Zuschauer. Beim italienischen Supertalent erreichte er das Finale, mit Julie beim deutschen Supertalent das Halbfinale. Hinter ihm stehen eine Büroleitung, ein Management und eine Dame, die sich um Social Media kümmert. "Ich bereue nichts, überhaupt nichts."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 15.09.2025, Nr. 214, S. 26 - Desirée Bergamasco. Johann-Philipp-Palm-Schule, Schorndorf

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