Im Gefängnis lernt man dazu. Inês Furtado unterrichtet Deutsch in der Justizvollzugsanstalt Custóias nördlich von Porto.
Ich werde wie im Flughafen gescannt. Ich darf keine scharfen Objekte dabeihaben und soll keine wertvollen Gegenstände ins Gebäude mitnehmen", berichtet Inês Furtado. Die schlanke, dunkelhaarige Frau hat 30 Jahre Erfahrung als Lehrerin. Dann gehe es durch lange, graue Gänge aus nacktem Beton mit dicken eisernen Türen. Schließlich muss sie nur noch über den Rasen, der Wachmann, der sie erwartet, öffnet die Tür zum Schulgebäude. "Ich betrete meinen Klassenraum und bereite mein Material vor. Dann kommen die Schüler rein." Die Schüler sind Insassen der Justizvollzugsanstalt Custóias, die acht Kilometer nördlich von Porto liegt.
Die Sekundarschule Gonçalves Zarco, an der Furtado sonst unterrichtet, unterstützt das Gefängnis. Zu Beginn des Schuljahres bot man der dreiundfünfzigjährigen Lehrerin an, Deutsch im zweitgrößten Männergefängnis Portugals zu unterrichten, wo man seit 26 Jahren Gefangenen neben anderen Fächern auch Fremdsprachenunterricht anbietet. Sollte sich kein Lehrer freiwillig melden, werden sie von öffentlichen Schulen abgeordnet und müssen dann in der Gefängnisschule unterrichten. "Für viele ist es ein Schock. Manche weinen, andere schaffen es nicht und melden sich krank", erklärt Furtado. "Aber mich reizen solche Herausforderungen, und ich habe Ja gesagt."
Der Schulplan ist in verschiedene Module mit jeweils 3000 Minuten aufgeteilt. Die Gefängnisinsassen bekommen zweimal 150 Minuten Deutsch pro Woche. "Morgen schreiben sie einen Test über das Perfekt", sagt Furtado. Sie weiß, dass nicht alle fleißig lernen, denn nach dem Unterricht müssen sie zur Wäscherei, und ab halb sechs findet das Abendessen statt. "Am Anfang des Schuljahres habe ich den Schülern Hausaufgaben aufgegeben, und einer sagte 'Hausaufgabe? Nein! Zellaufgabe!' Wir lachten, und ich sagte: 'Also es ist keine Zellenaufgabe, sondern es bleibt eine Aufgabe für den Geist.'" Moderne Lernmethoden seien im Gefängnis nicht möglich. Es gibt kein Internet. "Ich benutze wieder Stifte, die ich schon lange nicht mehr verwendet habe." Außer für Deutsch können sich die Gefangenen unter anderem für Englisch oder Spanisch entscheiden.
Furtados 24 Jahre alte Tochter fügt hinzu: "Es gibt einen Insassen, der meiner Mutter bei einer Aufgabe sagte: 'Lehrerin, Sie können ja Ihren Stift benutzen, aber bringen Sie ihn nicht rein, Sie wissen, wie die Gefangenen sind.'" - "Ja, sie sind Meister im Stehlen", stimmt Furtado zu. Nichtsdestotrotz betont sie, dass sich die Insassen "sehr gut, tadellos" verhalten würden. "Sie sind extrem korrekt, in der Art und Weise, wie sie sich an mich wenden. Es heißt immer 'Sra. Professora', Frau Lehrerin. Und sie betreten den Klassenraum nicht, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Es gibt viele Insassen aus dem Drogenmilieu, es gibt Mörder und solche, die schwere Straftaten begangen haben oder Finanzdelikte." Sie habe Schüler, die Familienangehörige ermordet haben. Um am Unterricht teilnehmen zu dürfen, ist gutes Verhalten eine zwingende Voraussetzung. Nicht alle Gefängnisinsassen dürfen zur Schule gehen. "Ein älterer Insasse kam zu mir und sagte: 'Lehrerin, ich hab's vermasselt, ich wurde erwischt, als ich Schnaps in der Zelle gemacht habe'", erzählt Furtado. "Sie haben im Gefängnis einen Supermarkt, und mit Kreativität und einem Wasserkessel, der in der Zelle erlaubt ist, machen sie Suppen, Francesinhas und vieles andere, wenn sie nicht zur Kantine gehen wollen oder wenn sie deprimiert sind." Der Gestank im Flur sei unerträglich. Nachmittags wisse sie immer, ob es in der Kantine gebratenen Fisch oder Fleisch gegeben hat. Sie verzieht das Gesicht und lacht.
Die Gefängnisinsassen haben eine Bezahlkarte, mit der sie im Supermarkt einkaufen können. Manche verdienen Geld durch Arbeit. Die Familien spielen eine wichtige Rolle, weil sie Essen und Kleidung für die Insassen mitbringen und für sie da sind. "Wenn ich mit meinem Material den Scanner durchquere, sehe ich häufig die Besucher. Es versetzt mich in Aufregung, wenn ich die kleinen Kinder sehe, die mit den Müttern und Großmüttern die Häftlinge besuchen." Aus Sicht der Deutschlehrerin spielt die katholische Kirche eine wichtige Rolle. Gottesdienste, Feste wie an Weihnachten und andere Veranstaltungen werden von der Kirche organisiert. Laut Furtado mögen die Insassen diese Aktivitäten. "Und die Rolle der Gemeinschaft, die wir so nicht kennen, ist auch von großer Bedeutung. Es gibt einige Freiwillige, die jeden Samstag ins Gefängnis kommen, um mit den Gefangenen zu reden, besonders mit solchen, die keinen Besuch bekommen."
Die Insassen tragen keine Gefängniskluft, sondern ganz normale Kleidung. "Sie beschweren sich, dass das Gefängnis kein Resozialisierungsort ist, obwohl genau das das Ziel des Gefängnisses sei." Es sei eine kleine Gesellschaft, wo Verbrechen und Gewalt weitergingen, teilt Furtado enttäuscht mit. Lehrer wie sie sorgen dafür, dass die Gefangenen etwas lernen, etwa den Stoff der Sekundarstufe oder bei manchen sogar den der Grundschule. "Einige schaffen es, an einer Universität aufgenommen zu werden." In ihrem Deutschunterricht sehen manche Insassen die Möglichkeit für ein besseres Leben im Ausland oder einfach einen Ort, wo sie ihre geistige Gesundheit erhalten können. Zu Beginn seien es zwanzig Schüler im Alter zwischen 20 und 70 Jahren gewesen, aber aufgrund von Depression und Haftentlassungen wird Furtado das Schuljahr mit zehn Schülern beenden. "Es ist eine Erfahrung, die sich lohnt", sagt sie. "Man sieht Verbrecher mit anderen Augen und eben auch die Menschen hinter den Verbrechen."