Der Rumäne Sorin Stanca hat eine abgefahrene Karriere: Er war Tätowierer, nun ist er Restaurierer. Und im Herzen Biker.
Sein Leben führte ihn nach Timisoara auf den Domplatz. Sorin Stanca, den viele nur "Sunshine" nennen, genießt dort seine Nachmittage beim Plaudern und mit einer Zigarette. Sonnenstrahlen tauchen die Domkirche in sanften Glanz. Sunshines langes, graues Haar liegt auf der schwarzen Lederweste voller Aufnäher. Seine Arme sind mit Tätowierungen überzogen. Tiefe Falten auf der Stirn erinnern an sein Alter. Gleichwohl wirkt er aus der Ferne jugendlich. Die barocke Pestsäule in der Mitte des Platzes ist immer noch dieselbe, aber der Dom hat inzwischen ein neues Gesicht.
Sunshine ist, seit er denken kann, Biker. Mit Leib und Seele. Er ist Mitglied in einem Motorradklub in Timisoara. Geboren wurde er in Johannisfeld, einem kleinen Dorf kurz vor der serbischen Grenze. Sein Vater war Grenzschutzbeamter, weshalb die Familie oft umziehen musste, quer durchs Land, bis sie sich 1981 in Timisoara niederließ. Bereits als Kind hatte die Stadt Sunshine bei Verwandtenbesuchen beeindruckt. Mit 16 Jahren erfüllte sich sein großer Traum: dort zu leben. "Ich denke mir immer, wie kann ich alles, was mir diese Stadt bietet, auch zurückgeben?" In seinem 60-jährigen Leben hat er nie von einer 40-Stunden-Woche geträumt. Immer verfolgte er seine Herzensprojekte. "Ich kann nicht acht Stunden am Tag in einem Büro arbeiten, das ist einfach nichts für mich." Er lässt sich treiben, wohin der Wind ihn weht, von Projekt zu Projekt, und so war er auch bei der Restaurierung der barocken Domkirche dabei. "Ich hatte fast 30 Jahre lang keinen anderen Arbeitgeber als mich selbst. Durch einen Freund erfuhr ich von der Restaurierung. Und obwohl ich damals keine Qualifikation hatte, bewarb ich mich." Timisoara sollte Kulturhauptstadt Europas werden, was den Arbeitseifer in der Stadt beschleunigte. Die komplette Restaurierung nahm vier Jahre in Anspruch. Sunshine wurde als Aushilfskraft eingestellt. Bei diesem Job sei es ihm nicht ums Geld gegangen, sondern um das Ergebnis seiner Arbeit und dessen Bedeutung, vor allem für die Stadt. Was er in vier Stunden Arbeit verdient habe, habe er nachmittags für eine Tasse Kaffee und eine Flasche Wasser ausgegeben, doch das war nicht das Wesentliche. Eigentlich verdiente er sein Geld durch seinen damaligen Pub, der bei den Bikern beliebt war, oder er half im Tattoo-Studio seiner Tochter aus.
Seine Kollegen auf der Baustelle motivierten ihn, sich an der West-Universität einzuschreiben, an deren Fakultät für Kunst und Design, im Bereich Konservierung und Restaurierung. Das tat er. "Das Praktische lernte ich bei der Arbeit, das Theoretische an der Universität." Die neuen Kenntnisse und Fähigkeiten seien wichtiger als ein Diplom oder was die anderen denken, meint Sunshine. Sein Studienjahrgang war bunt gemischt, "vom 19-Jährigen bis zum 60-Jährigen war jeder bereit, etwas Neues zu lernen". Das erleichterte ihm das Studium. "Mir persönlich hat es viel gebracht, weil ich jetzt an verschiedenen Restaurierungsprojekten mitarbeiten kann." Alle müssten sich mehr für das Studium der Konservierung und Restaurierung engagieren. "Es wäre schade, wenn es aussterben würde." Im Dom hat Sunshine bei der Restaurierung der Wandmalerei und der vergoldeten Statuen mitgewirkt. "Abgesehen von verschiedenen Tätowierungen hatte ich in der Vergangenheit nicht viel mit Kunst zu tun. Ich weiß nicht, ob ich mich früher selbst als begabt gesehen hätte." Eine Zeit lang hat er sich mit Stick-and-Poke-Tattoos beschäftigt und aus purem Interesse daran einige Tätowierungen gestochen. Vielleicht stammen daher seine Präzision und die Liebe zum Detail.
Er hat 2023 ein Buch geschrieben: "Sunt doar un baiat de asfalt", ich bin nur ein Junge auf dem Asphalt. "Die Arbeit führt mich an die verschiedensten Orte, wo Hilfe bei Restaurierungen benötigt wird. Das ist für mich die perfekte Gelegenheit für einen Ausflug mit meinem Motorrad." Vor Kurzem hat er an einer alten Holzkirche in Românesti gearbeitet, etwa eine Stunde entfernt. Er mag es, Künstler, Restaurator und Biker zu sein. "Warum denn nicht? Sich mit Kunst zu befassen, bedeutet nicht, weniger ernst genommen zu werden in der Welt der Biker. Ganz im Gegenteil. Ich habe Bekannte in der Biker-Gemeinschaft, die Motorradfahrer und Sänger in der Oper sind, beides macht ihnen Freude. Und tatsächlich ist die Projektleiterin jetzt auch meine Lebenspartnerin."