Eier sind keine günstige Gelegenheit

Auf dem Biohof von Martin Frei landen die Hühner nicht im Abfall

Nach nur einem Jahr Legetätigkeit landen die meisten Hühner in der Schweiz im Abfall. Ihr Fleisch bleibt ungenutzt, und das finde ich hochgradig ineffizient", sagt Martin Frei. Der schlanke, etwa 1,80 Meter große Einunddreißigjährige mit dunklen Haaren und blauen Augen ist gebürtiger Basler. Seit drei Jahren betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Judith einen Bio-Bauernhof. Mit einem innovativen System möchte er die konventionelle Eierproduktion neu erfinden und tierfreundlicher gestalten.

 

Rund 500 Legehennen und zehn Hähne leben auf dem idyllisch in der Hügellandschaft gelegenen Rinderbrunnenhof in Grüt im Zürcher Oberland. Als die beiden den Hof ihrer Eltern übernahmen, transformierten sie ihn von einem konventionellen zu einem Biobetrieb. Heute arbeiten sieben Teilzeitangestellte auf dem Hof. "Angefangen hat es mit den Hühnern", erinnert sich Frei. Heute können die Kunden zwischen drei Abos wählen, die bei Abholung ab Hof jeweils 222, 255 oder 365 Schweizer Franken im Jahr kosten - vegetarisch, ganzheitlich und Lebenshahn. Bei jedem dieser Abos seien 20 Eier pro Monat abholbereit, entweder direkt ab Hof oder an Abholstellen in den Regionen Zürich und Basel. Beim ganzheitlichen Abo lebe zusätzlich jeweils eine "Patenhenne" zwei bis drei Jahre auf dem Hof, was einer zwei- bis dreimal längeren Lebenszeit entspricht. Normalerweise werden Hennen nach einem Jahr entsorgt, da sie dann die Mauser durchlaufen und so mehrere Wochen lang keine Eier produzieren. Frei nehme diese produktionsarme Phase in Kauf. Am Ende ihrer Lebenszeit werde die Henne als Suppenhuhn verwertet.

 

Zu jeder Henne gehöre aber auch ein Hahn. Männliche Küken würden normalerweise schon nach der Geburt aussortiert und ihr Fleisch so verschwendet. Zwar könne dies mit der Geschlechterbestimmung im Ei teilweise verhindert werden, doch trotz dieser Methoden seien laut Frei in der Schweiz in der Vergangenheit rund zwei Millionen Küken pro Jahr kurz nach dem Schlüpfen getötet worden. Mit dem Lebenshahn-Abo könne man das Schicksal eines solchen "Bruderhahns" ändern und dafür sorgen, dass dieser gemeinsam mit der Herde alt wird. Damit werde auch das Gefüge in der Herde gestärkt und ein natürlicher Herdenschutz gewährleistet.

 

Ursprünglich komme er gar nicht aus der Agrarwirtschaft, erklärt Frei. Nach einem Wirtschaftsstudium an der Universität in St. Gallen habe er bei einer Zürcher Bank gearbeitet. Doch der Job habe ihn nie richtig erfüllt. Und dann habe er seine Frau, eine Bäuerin aus dem Kanton Zürich, die eine Landwirtschaftslehre gemacht hatte, kennengelernt. "Eigentlich sah ich die Dinge zunächst aus der Perspektive eines Konsumenten, der einfach gerne Hühner haben will." Gemeinsam hätten sie dann begonnen, die Vision eines regenerativen, humusaufbauenden Hofs zu verwirklichen. "Das bedeutet, dass man den Boden durch das Benutzen von Gründüngungen und das regelmäßige Verschieben des mobilen Hühnerstalls schont und sich der Boden so besser erholen kann." Einen großen Teil seines Wissens habe sich Frei selbst angeeignet. Das Paar hat weitere Projekte umgesetzt. So befinde sich das größte "Slowflowers"-Blumenfeld der Schweiz auf dem Hof. "Slowflowers heißt, dass es nicht auf intensive Produktion ausgelegt ist, sondern eher auf Vielfalt." Insgesamt 150 verschiedene Blumenarten wachsen auf dem Blumenfeld unterhalb des Bauernhauses.

 

Frei stapft in Gummistiefeln und Funktionskleidung durch den Matsch zum Hühnerstall aufs Feld hinaus, sein elektrisches Lastenfahrrad zum Transport der Eier neben sich schiebend. Eng beieinander suchen die Hennen und Hähne unter dem wohnwagenähnlichen Konstrukt Schutz vor der Nässe. Auf der anderen Straßenseite grasen die acht Mutterkühe, sieben Kälber und acht Rinder, die ebenfalls zum Hof gehören. Man habe auch ein automatisiertes Futterband, ein Laufband, das kontinuierlich Eier aus dem Hühnerstall direkt in den kleinen Vorraum an dem einen Ende des Wagens befördere, sowie eine zeitgeschaltete Eingangsklappe selbst entwickelt und umgesetzt. Die Eingangsklappe geht kurz nach Sonnenuntergang zu und schützt die Hühner so vor Eindringlingen wie dem Fuchs. Im Inneren des Mobils geht es wild zu. Das Gegacker der Hühner und das schrille Krähen der Hähne sind ohrenbetäubend, der Geruch nach Stall überwältigend. Frei macht einen kurzen Kontrollgang, um sicherzustellen, dass alles funktioniert. "Das Herumziehen des Stalls ist aufwendig. Man muss das Futter und das Wasser hinfahren und den Kot abtransportieren. Bei stationären Systemen, in denen alles im Stall bleibt, entfällt dieser Aufwand."

 

Frei glaubt fest an seine Idee. Er finde es bedauernswert, dass die Schweizer heutzutage im Bereich Nahrung so viel sparen. "Wir geben in der Schweiz nur noch zwischen sechs und sieben Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Vor 50 Jahren waren es noch über 60 Prozent. Da würde ich lieber auf Qualität und Nachhaltigkeit setzen. Das hat auch gesundheitliche Benefits." Außerdem ignorierten ebenfalls die Großkonzerne die Probleme in der Eier- und Fleischproduktion, also die Massentötung von männlichen Küken und die Verschwendung von wertvollem Poulet. "Warum machen McDonald's und Burger King ihre Burger nicht aus Suppenhühnern? Das würde man nicht merken, und es wäre ein Schritt gegen Foodwaste."

 

Schwankend trägt Martin die rund 400 Eier, die täglich in seinem Stall gelegt werden, über das matschige Feld zu seinem elektrischen Fahrrad. Nach einer kurzen Fahrt erreicht er den Hof und transportiert die Eier direkt in den Hofladen. "Frischer geht es eigentlich nicht", meint er. Sein Ziel ist, von der Landwirtschaft, die er auf dem Rinderbrunnen betreibt, eines Tages leben zu können. "Es soll nicht nur Idealismus sein, sondern am Ende des Tages auch unsere Rechnungen zahlen." Die Finanzierung des Projekts sei nur durch eine Hypothek bei der Bank, eine Starthilfe vom Kanton und ein Darlehen der Familie möglich gewesen. Nun gehe es finanziell gerade noch so auf, da das Paar günstig wohne und sich selbst kaum Lohn auszahle.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 27.10.2025, Nr. 249, S. 26 - Lionel Bollier Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück