Ein Dichter hat's faustdick hinter den Ohren

Der Lyriker Jan Wagner kennt das Land, wo die Zucchini blühn

Eine Zucchini und ein Strohhut. Mehr braucht es manchmal nicht, damit Jan Wagner ein Gedicht schreibt. Der 1971 in Hamburg geborene Lyriker und Büchner-Preisträger des Jahres 2017 gilt als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Mit seinem Gedichtband "Regentonnenvariationen" erhielt 2015 erstmals ein Lyriktitel den Preis der Leipziger Buchmesse. Seit 1995 lebt der äußerlich unscheinbar Wirkende in Berlin. Dunkles, leicht zerzaustes Haar, eine schlichte Brille, Bartstoppeln. Er redet leise, fast beiläufig, und doch hört man sofort hin. Wagner ist kein Autor, der in den großen, weltbewegenden Themen nach Poesie sucht. Stattdessen findet er sie in den unscheinbarsten Dingen, im Banalen, das er verwandelt. "Alles kann zum Gedicht werden, das ist das Herrliche am Schreiben", sagt er. Diese Haltung zeigt er nicht nur in seinen Texten, sondern auch in seiner Arbeitsweise. Während viele Dichterinnen und Dichter längst digital schreiben, vertraut Wagner bis heute auf sein Notizbuch und einen schwarzen Kugelschreiber. Später tippt er seine Entwürfe ab, "gelegentlich aber auch mit einer mir ans Herz gewachsenen Remington-Schreibmaschine, einem Geschenk meiner Großtante Elisabeth". Er selbst bezeichnet sich als "arg hinterherhinkend", in technischer Hinsicht. Und doch schafft dieser Lyriker es, gerade in dieser analogen Ruhe Gedichte entstehen zu lassen, die die Leser berühren und bewegen. "Sehr ana-log", sagt er über sich selbst, "im Grunde immer noch auf Brieftaubenniveau."


Der Weg in die Literatur begann für Wagner früh. "Ich habe immer viel gelesen, wurde auch von frühester Kindheit an von meinen Eltern, die eine große Bibliothek haben, ermuntert zu lesen." In der elterlichen Bibliothek fand er alles, was das junge Leseglück begehrt. Die Mutter, Französischlehrerin, gab ihm Rimbaud und Baudelaire. "Als Jugendlicher hatte ich zudem einen Englischlehrer, der ein Poesie-Begeisterter war und mich Shakespeare, Blake und viele andere lieben lehrte, keineswegs als Schulstoff, sondern als große Poesie", erzählt er. "Nur bei der Lyrik machte ich diese verblüffende und sehr bezeichnende Erfahrung, dass ich gleichzeitig berauscht war und so klar zu sehen glaubte wie nie zuvor." Als Jugendlicher setzte er sich als Ziel, herauszufinden, wie diese "Magie zweiter Hand" funktioniert.


Heute ist Wagner überzeugt: "Poesie und lyrisches Erleben sind grundsätzliche Dinge, existenzielle Konstanten, niemandem fremd, schlechterdings überlebensnotwendig." Gerade Jugendlichen, so meint er, müsse man nur den verspielten, kindlichen Zugang zur Sprache wieder ermöglichen und "Vorurteile gegenüber dem Gedicht abbauen". Viele entdecken diesen Zugang unerwartet wieder, etwa bei seinen Lesungen. "Wenn Menschen auf mich zukommen und sagen, sie seien nur hier, weil es geregnet oder ihr Partner sie mitgeschleppt habe, sie selber aber hätten seit der Sonettquälerei ihrer Schulzeit rein gar nichts mehr mit Lyrik zu tun gehabt, würden nun aber merken, dass es sie im Innersten berührt und verstört und erheitert, und folglich wieder zu lesen beginnen", berichtet Wagner, solche Momente ermuntern ihn doch sehr.


Auch im Rap sieht er eine Verwandtschaft zur Lyrik. Zwar sei er kein Experte, doch er kenne "gewitzte, akrobatische Rap-Texte" wie die der "Absolute Beginner". Moderne Ausdrucksformen sieht Wagner nicht als Gegensatz, sondern als Verwandtschaft. "Entfernte Cousins oder Cousinen, die bei Kirschkuchen und Eierlikör durchaus ein paar schöne gemeinsame Stunden verleben können."


Dass man ihn als "Goethe der Gegenwart" bezeichnet, weist er entschieden zurück. "Auf keinen Fall, das wäre anmaßend." Goethe bewundert er dennoch: "Die 'Römischen Elegien' sind ein Wunder." Dennoch "kann man nur staunen über diesen Menschen, dieses Leben, die Energie und das Ergebnis all dessen", erwidert Wagner auf den Vergleich mit Goethe. "Vermutlich war die Dichtung immer schon ein Vergnügen und eine Kunst für einen Bruchteil der Menschheit, zu Goethes Zeiten wie zu unseren, aber das mindert nicht ihre grundsätzliche Bedeutung als vielleicht beglückendstes Instrument der Erkenntnis."


Zu Beginn seiner Lyrikerkarriere habe er Nachahmungen von Trakl, Benn, Keats geschrieben, "unerträgliche Imitationen". "Anfangs habe ich, wie wohl die meisten Schriftsteller, meine Vorbilder kopiert." Dies gehöre wohl dazu. Für ihn sei es ein "grundlegendes Paradox, dass man nur durch das Nachahmen fremder Stimmen eine eigene Stimme entwickelt". Erst mit Anfang zwanzig gelingt es dem Lyriker, seine eigene Stimme in seinen Texten wahrzunehmen. Ob sie wirklich originell sei, lässt er offen. Er spricht von "einer Handvoll Gedichte", bei denen er glaubt, dass sie gelungen sind. Zuletzt, erzählt Wagner, waren es eine Zucchini und ein Strohhut, die ihn zu neuen Texten inspirierten. Das passt zu seiner Überzeugung, dass "noch das Geringste, Banalste" im Gedicht aufgehoben sei - von alten Schuhen über Wassermelonen bis hin zu Tieren und historischen Gestalten. Übersetzungen sind für ihn dabei ebenso wichtig wie eigene Texte. "Man lernt unendlich viel bei dieser intimen und spielerischen Auseinandersetzung mit Vorbildern und Seelenverwandten." Für ihn ist entscheidend, das Staunen zu bewahren. "Dichter wird man, indem man das Staunen nicht verlernt, die Sprache als naheliegendstes Mittel begreift, um mit der Welt zurande zu kommen. Und indem man liest, übt, von den großen Dichterinnen und Dichtern lernt, wie all das geht."


Vielleicht ist genau dieses Staunen der Grund, warum es Jan Wagner gelingt, was so wenige schaffen: die Welt in ihren kleinen Dingen neu sichtbar zu machen - und uns daran zu erinnern, dass Poesie überall steckt, wenn man nur genau hinschaut.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 05.01.2026, Nr. 3, S. 26 - Lucie Stark, Goethe-Gymnasium, Berlin-Lichterfelde

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