Weil "Egli" für die Kunstwelt nicht ernst genug klang, wurde daraus "Egil". Der Maler Raphael Egil kann von seiner Kunst leben.
In einem Atelier in Luzern, durchflutet von Tageslicht und dem Duft frischer Ölfarbe und einer Spur Zitrus, sitzt Raphael Egil auf einem ledernen Designerstuhl. Der Plattenspieler spielt etwas Zeitloses, während sich auf seinem Mischbrett teils jahrealte Farbschichten türmen. Bilder lehnen an Wänden oder liegen auf dem Boden. Der Künstler wuchs auf dem Land auf, im Toggenburg, Kanton St. Gallen. Er hat eine hagere Statur, die angegrauten Zapfenlocken fallen ihm in die Stirn. Egils erste Berührung mit Bildern war banal. "Ich malte Pferde aus Kalendern oder Stars von "Bravo"- Postern wie Mariah Carey." Direkten Kontakt zur zeitgenössischen Kunst hatte er nicht. Er ließ sich vom Alltag inspirieren, malte etwa einen Ausschnitt seines Zimmers. "Mit 13 habe ich angefangen, mit Öl zu malen, nachdem ich bei einem Malwettbewerb der Oberstufe zwölf Tuben Ölfarbe gewonnen hatte." Nach und nach tauchte er in die Welt der Kunst ein. An der Kantonsschule Wattwil habe sich der Traum gefestigt. Mit 19 ging er an die Kunsthochschule Luzern. Fünf intensive Jahre folgten. "Die Kunsti tat mir auf vielen Ebenen gut, hat mich aber auch durchgeschüttelt", sagt er mit tiefer Stimme. Ein offenes Feld voller Möglichkeiten und Ansprüche tat sich auf, was für ihn inspirierend und zugleich überfordernd war. "Mein Horizont hat sich schnell erweitert, und ich bekam Angst."
Schon während seiner ersten Studienjahre begann er, an seiner alten Kantonsschule in Wattwil als Zeichnungs- und Werklehrer zu unterrichten. So lernte er früh, mit Gruppen umzugehen. Später nahm er eine Vertretung an der Kantonsschule Reussbühl in Luzern an, auch um Geld zu verdienen. Was als kleine Aushilfe begann, wurde zu einem 15-jährigen Teilzeitjob, unterbrochen von künstlerischen Auszeiten. Die Malerei blieb, aber die finanzielle Sicherheit war wichtiger geworden, nicht zuletzt wegen seiner Familie. Egil lebt mit seiner Frau und dem 11-jährigen Sohn in Luzern. 2018 kündigte er seinen Lehrauftrag, um sich ganz der Malerei zu widmen. Den Rückhalt und das Vertrauen, dass dies klappen würde, gab ihm die Zusammenarbeit mit der internationalen Galerie Michael Werner mit Hauptsitz in Berlin. "Es ging darum, ganz in der Kunst zu sein. Ich bin Künstler und kein Lehrer." Der Wechsel in die professionelle Kunstszene brachte unerwartete Dinge mit sich: Michael Werner habe ihm einen Steilpass zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Namen gegeben, als er ihm sagte, sein echter Name klinge nicht ernst genug. In der Kunstszene könne man sich damit, wortwörtlich, keinen ernsthaften Namen machen. So wurde aus Egli Egil.
Durch die Galerie Werner, die Künstler wie Georg Baselitz, Maki Na Kamura oder Issy Wood vertritt, wurde Egil auch international wahrgenommen. Ausstellungen in Köln und Berlin machten ihn bekannter. Er lernte den Londoner Galeristen Fraser Brough, Direktor von Cassius & Co., kennen. Er zeigt Egil seither regelmäßig. Später folgte die Zusammenarbeit mit der jungen, umtriebigen New Yorker Galerie YveYANG. "Das sind so Kontakte, die sich über Bekanntschaften öffnen, und dann passiert etwas. Es gibt auch Situationen, bei denen sich etwas öffnet, dann aber nichts passiert." Die Zusammenarbeit mit Galerien versteht Egil als Dialog. Durch Kommunikation könnten sie zusammen etwas auskristallisieren, das eine Überschneidung aus dem Raum, dem Interesse der Galeristen und der künstlerischen Werke bildet. "Es gibt diese Schnittmenge, und daraus kann dann etwas wachsen", sagt er in Ostschweizer Dialekt. Das Atelier in Luzern bleibt das Zentrum seines Schaffens. Hier passiert die Arbeit, aus der sich seine Werke entwickeln. Der 49-Jährige beginnt jeden Tag mit einem stillen Ritual: Er beginnt meist ab acht Uhr, malt zwei Stunden, liest oder schreibt, zweifelt und beginnt neu. "Die Wahrheit ist, dass sich jeder Tag anders anfühlt."
Er malt mit kräftigen Farben, die abstrakte Formen bilden, die sowohl vertraut als auch traumhaft verfremdet wirken. Die Motive seiner Bilder, wie Landschaften, Stillleben, Figuren oder Porträts, entstehen aus zwei Quellen: kurzen Bleistiftnotizen und kunsthistorischen Bezügen. Über mehrere Wochen arbeitet er immer wieder und bewusst mit wenig Ausgangsmaterial an einem Bild. "Ich versuche, mich lange mit denselben Skizzen zu beschäftigen. So finde ich Dinge, die am Anfang nicht sichtbar waren." Auch das Überraschungsmoment spielt für ihn eine Rolle. Er gibt sich beim Arbeiten zwar eine Richtung vor, deren Abweichung ist aber ein Kernaspekt. "Das Ausbrechen aus den eigenen Regeln passiert immer automatisch und ist ein Bestandteil meines Arbeitsprozesses." So komme er weiter in der Arbeit - und auch im Leben. Für ihn ist die Malerei eine Form des Daseins. "Ich glaube, in der Malerei wird sichtbar, wie man in der Gesellschaft steht." Die finanzielle Unsicherheit sei hoch, doch finde sich in ihr eine kreative Triebfeder. "Man darf nicht jeden Monat mit dem Gleichen rechnen. Es gibt sogar Jahre, die einfach nicht gut sind. Es geht aber darum, langfristig zu denken." Egil strahlt eine träumerische Positivität aus. Um nicht mitten im Jahr die Nerven zu verlieren, schaue er lieber den Jahresabschluss an. Das Leben als Künstler schenke Autonomie, bringe aber Unsicherheit mit sich. Seine Arbeit lebt von Struktur und Intuition, von Planung und dem Mut, abzuweichen. "Ich denke, man baut sich ständig Luftschlösser. Das ist gefährlich, aber auch notwendig." Aus Träumen sollen Taten werden. "Ein Luftschloss muss man nicht nur träumen, sondern manifestieren - durch Ergebnisse."