Ein Ort der Ruhe und der Sammlung

Die Kunstsammlung des Kantons Zürich sucht Artefakte und bewahrt sie für die Nachwelt

Zwischen grauen Betonwänden und den schnurgeraden Fluren sieht das Gebäude auf den ersten Blick wie ein Verwaltungsbau aus. So wie man ihn schon hundertmal gesehen hat. Weiße Türen, Neonröhren, dieses typische Summen - nichts, was neugierig macht. Doch hinter einer schweren Tür ändert sich die Stimmung schlagartig. Statt Ordnung und Sterilität: Regale voller Gemälde, Skulpturen, Objekte. Ein dichtes, beinahe chaotisches Nebeneinander. "Hier schlägt das Herz der Sammlung", sagt Fabienne Dubs, die Kuratorin, 1,70 Meter groß, braune Haare und grüne Augen. Sie schlängelt sich durch die Gänge der Kunstsammlung, als bewege sie sich durch ein geheimes Gedächtnis des Kantons Zürich. Das Depot selbst liegt im Hochbauamt Zürich - unscheinbar von außen, doch voller Schätze im Inneren.


Das Depot ist klein, beinahe unscheinbar. Aber jedes Regal trägt Geschichten. Die Kunstsammlung des Kantons Zürich umfasst 20.000 Werke. Zwischen Landschaften aus den Vierzigern und Installationen von jungen Künstlerinnen wirkt der Raum wie ein Miniaturzeitstrahl. "Unsere Aufgabe ist es unter anderem, das Kunstschaffen hier im Kanton zu dokumentieren - aber auch, es zu fördern", erklärt Dubs. Die Fachstelle Kultur, Fachgruppe Bildende Kunst, erwirbt Werke direkt aus den Ateliers, um sie zu bewahren und sichtbar zu machen, indem sie sie an den verschiedensten Orten ausstellt.


In einem Besprechungszimmer, das sehr schlicht gestaltet ist und nur einen Tisch und zwei weiße Sideboards hat, erzählt sie von ihrem Alltag. Wobei - Alltag? "Einen typischen Tag gibt es nicht", sagt sie lachend. Mal wählt sie Kunst für kantonale Gebäude aus, mal organisiert Dubs Transporte oder Datenbanken. Und manchmal greift sie selbst zum Tuch, um ein Werk zu reinigen oder wieder sorgfältig einzupacken. Die Vielfalt ihrer Aufgaben spiegelt sich auch in ihrem Werdegang: Dubs ist 33 Jahre alt, hat an der Universität Zürich Geschichte und Kunstgeschichte studiert und später noch einen CAS "Curating" an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert. "Die meisten Kuratoren kommen über die Kunstgeschichte ins Feld, dazu braucht es viel Praxiserfahrung. Heute gibt es aber auch spezialisierte Studiengänge fürs Kuratieren", erklärt sie. Besonders spannend wird es, wenn öffentliche Räume ins Spiel kommen. Eine Schule, ein Amt, eine Behörde - alle können Werke anfragen. Dann fährt Dubs hin, schaut sich um, spricht mit den Menschen. Danach macht sie dem Interessenten zwei, drei Vorschläge, von denen er einen auswählen kann. "Wir müssen daran denken, dass die Leute täglich mit dem Werk leben. Acht Stunden Blickkontakt sind nicht wenig." Ästhetik, ja - aber auch Sensibilität.


Und was, wenn ein Werk provoziert? Gewalt, religiöse Symbole, schwierige Themen? "Wir haben neulich eine Führung unter dem Titel 'Darf das hier noch hängen?' gemacht", erzählt sie. Raubkunst oder koloniale Objekte sind in der kantonalen Kunstsammlung aufgrund der Sammlungsaufgabe weniger zentrale Themen, wie in anderen Institutionen, trotzdem sind die Fragen präsent. Was darf, was passt - das wird immer wieder neu verhandelt. Das älteste Stück: eine Glasscheibe aus dem 16. Jahrhundert. Doch im Mittelpunkt steht die Gegenwart. "Wir sind eine Fördersammlung", sagt Dubs. "Wir wollen das aktuelle Schaffen sichtbar machen." Manche Werke sind dabei so ungewöhnlich, dass sie fast poetisch wirken. Ein lebensgroßes Pferd etwa von Pascale Birchler - konstruiert aus Decken und Kissen, mit Gürteln verschnürt. "Das Werk ist ein Sinnbild für Stärke und Freiheit, aber auch für die Geborgenheit, die man im Jugendalter braucht."


Natürlich spielen auch Trends eine Rolle. Alte Landschaftsbilder? Technisch beeindruckend, aber heute schwerer zu platzieren als Videoprojektionen oder kleine Installationen. Moderne Gebäude bieten oft kaum Wandfläche. "Da muss man andere Kunstformen ins Auge fassen."


Und dann: die Digitalisierung. Die Sammlung ist längst erfasst, Standortkon-trollen laufen papierlos. Mithilfe von Fotos lässt sich der Zustand eines Werkes viel präziser über Jahre hinweg vergleichen. Virtuelle Ausstellungen? Noch Zukunftsmusik, aber Dubs glaubt nicht, dass es dabei bleibt. Was, wenn ein Werk beschädigt wird? "Dann machen wir eine Schadensmeldung, prüfen eine Restaurierung. Grundsätzlich behalten wir die Werke lebenslang. Nur wenn es gar nicht mehr geht, müssten wir etwas aus dem Inventar nehmen." Selten, aber möglich.


Auf ein Lieblingsstück will sie sich nicht festlegen. "Das wäre, als würde man Kinder vergleichen." Doch als sie von einem Werk für eine Instagram-Reihe erzählt, in der ihr Team Werke postet - "Sumpfkühe" von Mickry 3 -, blitzt Begeisterung auf. "Es war so verspielt, mit Materialien, die man gar nicht erwartet." Am Ende bleibt das Gefühl, einen Ort betreten zu haben, an dem Kunst ruht - und zugleich lebt. Zwischen Kisten, Datenbanken und Regalen entsteht ein Archiv, das Vergangenheit bewahrt und Zukunft vorbereitet. Oder wie Dubs es sagt: "Unsere Aufgabe ist es, Kunst in Bewegung zu halten. Auch wenn sie manchmal stillliegt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 05.01.2026, Nr. 3, S. 26 - Eric Scherer, Kantonsschule Uetikon am See

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