Am Blagus-See in Slowenien macht Mario Herzog maßgefertigte Schuhe von Hand.
Wie habt ihr mich denn gefunden?", begrüßt Mario Herzog seine Gäste. Der 55-jährige Familienvater aus Maribor fertigt seit 30 Jahren mit einem kleinen Team nach alter Tradition Schuhe: "Handmade only", seit fünf Jahren am Blagus-See, im Nordosten Sloweniens. "Mein Vater war ein genialer Schuster. Er war einer der Pioniere für Skischuhe aus Kunststoff und vielleicht sogar der Erste, der diese in leuchtenden Farben produzierte. Er hat mein Interesse am Schuhdesign geweckt." Während der Schulzeit habe er einige Fabriken kennengelernt, doch deren Schuhe hätten ihn nicht wirklich interessiert. "Aber in jeder Schuhfabrik fand man eine Modell-Abteilung. Dort war alles anders als in den großen Produktionshallen - die Geräusche und Gerüche, die Atmosphäre, freundlicher, insgesamt humaner. Und das hat mich begeistert." In Wien habe er als 20-Jähriger Schuhe gesehen und sich gefragt, "wer sich die eigentlich leisten kann. Dann fand ich heraus, dass es Menschen gab, die genau solche Schuhe wollten." Als er erkannte, dass es Schuhe waren, die komplett von Hand gefertigt wurden, "war mir klar, dass das genau das war, was ich machen wollte, etwas Einzigartiges nur für einen Menschen". Herzog hat kurzes, weißes Haar, trägt eine schwarze Hornbrille, Jeans, Hoodie und handgemachte Schuhe. "Ich bin Autodidakt. Aber bei meiner Arbeit heute fühle ich mich jeden Tag wohl und sicher. Vor allem ist es ein großartiges Gefühl, wenn du etwas machst, was weltweit nur du allein kannst." In Slowenien und Österreich gebe es nur noch wenige Schuhmacher, die wüssten, wie man traditionell Schuhe herstellt.
Herzog hat Kunden in Deutschland, Österreich, Japan, Monaco, Paraguay, Russland, den USA. Dabei habe ihm geholfen, dass sein Vorname italienisch und sein Familienname deutsch klinge. Seine Kunden finde er hauptsächlich über Mundpropaganda. "Aber ich spreche nicht über sie. Es gibt Menschen, die sich etwas Außergewöhnliches leisten möchten, aber keine teuren Markenprodukte, sondern ein paar Schuhe, die es nur einmal und nur für sie persönlich gibt." Um sie kümmert er sich vom Anmessen, Beraten, der Auswahl von Material, Form und Farbe, der Herstellung bis zum Anprobieren. Und er garantiert eine erste kostenlose Reparatur. "Einmal bin ich zu einer Kundin nach Hamburg geflogen, um ihre neuen Schuhe auszuliefern, aber die waren zu eng. Die Frau konnte sie nicht einmal mehr ausziehen, wir mussten sie aufschneiden. Wir haben weiter daran gearbeitet, ich bin noch einmal zur Kundin geflogen, und sie waren immer noch zu eng. Schließlich hat alles gepasst, und wir haben eine langjährige Kundin gewonnen." Das alles hat seinen Preis. "Durchschnittlich 2500 bis 3000 Euro kostet ein Paar, aber die halten auch ein Leben lang." Das hochwertige Leder komme aus Deutschland, Frankreich und Österreich. "Wegen des knappen Angebots kostet ein Quadratmeter Leder aus Kalbshaut oder vom Jungrind 150 bis 160 Euro; für ein Kilogramm dickeres Leder von alten Rindern für Sohlen 40 bis 50 Euro." Zur traditionellen Herstellung gehöre auch das Goodyear-Verfahren. "Dabei wird die Sohle nicht angeklebt, sondern aufwendig vernäht. Der ganze Prozess, um so ein Paar Schuhe herzustellen, dauert 40 bis 70 Stunden."
Das geschieht seit 2020 in Herzogs Werkstatt am Blagus-See. Im Alter von 26 Jahren habe er mit einem Partner hier Grundstücke gekauft und mit der Zeit ein Glamping-Resort eingerichtet. Jahrzehnte später wollte er dieses touristische Angebot mit seiner Haupttätigkeit kombinieren. "Und so haben wir dann nach unseren Vorstellungen die Atelierwerkstatt hier am See in den Wald gebaut, in geschwungenen Formen, ohne Ecken, aus Naturmaterial, Holz, Stroh, Lehm. Ein bisschen wie ein Schimpansen-Nest", sagt er lachend. "So ein Gebäude gibt es nur einmal auf der Welt, wie jedes Paar unserer Schuhe. Durch die großen Fenster sieht man bei der Arbeit auf den stillen See. Von Oktober bis März sehen wir hier nur ein paar Enten." Beim Blick nach innen sieht man dagegen ein lebendes Museum. Seit 30 Jahren arbeitet Herzog mit dem Team zusammen, mit dem er in einer Werkstatt in einem Gewerbepark nahe Maribor angefangen hat. "Es ist praktisch unmöglich, neue Mitarbeiter zu bekommen, sie sind nicht mehr da, und es gibt auch keinen solchen Ausbildungsprozess. Unser Team hat jahrzehntelange Erfahrung. Boris, 62, macht Sohlen, und Matija, 56, handgefertigte Gürtel und Taschen." Zlatko, der Älteste im Team, sei schon 73 und Rentner. "Er hat 55 Jahre lang Schuhe gemacht, war lange mein Vorarbeiter und hilft heute noch bei speziellen Aufträgen." Zlatko habe auch viele seiner traditionellen Werkzeuge mitgebracht, Schusterzangen, Hämmer, Scheren und Messer. "Die meisten haben wir aber entweder von Schuhmachern gekauft, die in Rente gingen, von Werkstätten, die geschlossen wurden, oder wir bekamen sie geschenkt." Zur Werkstatt gehören auch historische Maschinen der Firmen Adler, Pfaff, Frobana, Fratelli Alberti, Rafflenbeul oder Mebus zum Nähen, Ausdünnen von Leder und anderen Arbeiten. "Einige sind älter als 70 Jahre und haben einen Wert von 8000 bis 10.000 Euro, weil sie so selten und noch immer funktionsfähig sind. Aber natürlich müssen sie von jemandem benutzt werden, der weiß, wie man sie richtig bedient." Sergii Biianov weiß das genau: "Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, mit welcher Maschine gerade gut gearbeitet wird. Das kann ich am Rhythmus und Klang hören." Der 47-jährige Vater von zwei Kindern stammt aus Lemberg in der Ukraine. Vor 13 Jahren hatte er Herzogs Website entdeckt und sich spontan beworben. "Wir haben ihn zu einer mehrtägigen Probearbeit eingeladen", erzählt Herzog. "Unser Kollege Fritz Semlitsch, heute 85, der für meinen Start in die Welt der Schuhe entscheidend war, und Zlatko haben Sergii getestet. Zlatko sprach nur Slowenisch, Fritz nur Deutsch und Sergii etwas Englisch, aber sie haben sich sofort durch ihr Handwerk verstanden. Die beiden Meister haben nach kurzer Zeit gesagt: 'Den kannst du sofort einstellen!'" Biianov lebt mit seiner Familie seit zwölf Jahren in Slowenien und leitet Herzogs Produktion. "Mario hat eine unglaubliche Vorstellungskraft, welcher Schuh zu welchem Kunden passen könnte", meint Biianov. Sie seien familiäre Freunde geworden. Herzog ist Slowene, seine Frau Russin. "Natürlich kann man ohne handgemachte Schuhe leben", sagt er. "Aber jeder Mensch", ergänzt Biianov, "sollte in seinem Leben die Chance haben, das zu tun, was er am besten kann, um dadurch mit anderen und für andere die Welt ein wenig besser zu machen."