Ein Teil von ihr blieb in Amerika zurück

Ein junges Mädchen wandert in die USA aus - und wird schwanger. Das Kind gibt sie zur Adoption frei und lernt es 23 Jahre später kennen.

Am 26. Dezember 1987 wartete Anette Gäwihler (Name geändert) am Zürcher Flughafen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie würde gleich ihrer Tochter begegnen, die sie 23 Jahre zuvor zur Adoption freigegeben hatte. Ungeduldig beobachtete sie die Anzeigetafel. Und dann erblickte sie sie. Alles schien stillzustehen, als sich ihre Blicke trafen. "Es fühlte sich an, als würde ein verborgener Teil von mir wieder ans Licht kommen", dachte Anette. Zögernd ging sie auf sie zu.

 

In ihrem Häuschen in den Bergen im Kanton Graubünden serviert die heute 81-jährige Anette ihr selbst gekochtes Mittagessen. Sonnenlicht fällt durchs Fenster. Es fällt ihr nicht leicht, über die Vergangenheit zu sprechen. Doch nach ein paar Bissen beginnt sie, ihre Geschichte zu erzählen. Anette war 21, als sie 1964 den Hafen von Genua verließ, um mit der "Leonardo da Vinci" nach New York zu reisen. Ihre katholische Familie aus der Schweiz hielt sie nicht zurück, sie wollte die Welt sehen. An Bord lernte sie den Amerikaner Remo kennen. Mit dem Französischen fanden sie eine gemeinsame Sprachbasis. Sie kamen ins Gespräch und begleiteten einander auf der Reise. Als das Schiff in einen heftigen Sturm auf offener See geriet und sie mitansehen musste, wie Leib und Leben der Passagiere in Gefahr waren, konnte sie die Nächte nicht mehr allein verbringen und fand Trost bei Remo. Doch die Romanze hatte Folgen. Anette wurde schwanger. "Ich wusste es sofort, ich spürte es."

 

In New York angekommen, wollte Remo nichts mehr von ihr wissen. Anette lebte in den ersten Wochen bei ihrer Cousine. Jedoch hatte sie die ständige Angst, dass ihre Familie in der Schweiz von der Schwangerschaft erfahren könnte. "Komm mir bloß nicht mit einem Kind nach Hause!", hatte ihr Vater noch vor der Abreise gesagt. Sie fand schließlich eine Au-pair-Stelle bei der Familie Miller, lebte aber in ständiger Angst, ihre Situation könnte auffliegen.

 

Zu der Zeit war Abtreibung in New York und in der Schweiz verboten, es sei denn, das Leben der Mutter war in Gefahr. Anette dachte nie daran. Als ihre Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen war, vertraute sie sich den Millers an. Zu ihrer Erleichterung unterstützten sie sie und halfen ihr, sich abzuschirmen. "In meiner damaligen Situation war Adoption für mich die einzige Option." Dann, kurz vor der Geburt, meldete sich Remo wieder. Als sie ihm von ihrem Plan erzählte, widersprach er: "Aber das ist auch mein Kind!" - "Trotz Remos Einwänden entschied ich mich dafür, da ich für mein Kind Vater und Mutter wollte." Anette brachte ein Mädchen zur Welt. Der Spitalaufenthalt dauerte fünf Tage. "In dieser Zeit durfte ich meine Tochter zweimal am Tag sehen." Nach der Geburt fiel sie in ein psychisches Tief. Sie verließ die Millers, begann ihr selbständiges Leben und konzentrierte sich auf das, was ihr wichtig war, Freiheit und neue Länder bereisen. "Hinter all den schönen Erfahrungen war immer eine Sehnsucht." Zehn Jahre später kehrte sie in die Schweiz zurück, ohne je ihrer Familie von der Adoption erzählt zu haben. 1982 lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen. "Als die Beziehung mit ihm ernster wurde, erzählte ich ihm von meiner Geschichte. Und er hat mich nicht fallen lassen." Psychotherapien und Workshops halfen ihr, den Schmerz zu verarbeiten. "Ich hatte immer nur den sehnlichsten Wunsch, zu wissen, dass es ihr gut geht."

 

Daniela Smith (Name geändert) versuchte seit ihrem 18. Lebensjahr, ihre leibliche Mutter zu finden. "Ich wuchs in einer liebevollen Familie mit weiteren Adoptivkindern auf. Wir wussten alle von Anfang an, dass wir adoptiert wurden, jedoch kannte ich keine Hintergründe zu meiner Adoption." Es war schwierig, Anettes Kontaktdaten in den USA zu finden, doch Daniela hatte Glück. Eine Frau der Adoptionsagentur, mit der Daniela damals zu ihrer Familie gefunden hatte, verriet ihr unerlaubterweise den Namen von Anette und dass sie in der Schweiz wohnhaft war. Daraufhin rief sie beim Bürgermeisteramt in Zürich an, das ihr Anettes Nummer und Adresse gab. Sie wollte ihre leibliche Mutter nicht ohne Vorwarnung kontaktieren, und so übernahm dies dieselbe Frau, die ihr unerlaubt den Namen gegeben hatte. Ende 1987 erhielt Anette einen Anruf. Eine Frau der Organisation New York Foundling teilte ihr mit, dass ihre Tochter sie gefunden habe und sie kennenlernen wolle. "Es war ein Moment der Hoffnung und Angst zugleich", erinnert sie sich. Am selben Tag telefonierte sie zum ersten Mal mit Daniela. "Allein ihre Stimme zu hören, war etwas ganz Besonderes."

 

Am 26. Dezember 1987 flog die damals 23-jährige Daniela in die Schweiz, um ihre leibliche Mutter zu treffen. "Es war eine Entdeckungsreise", beschreibt Anette das Wiedersehen. "Wenn ich ihr ins Gesicht sah, entdeckte ich immer Neues, das mir doch so vertraut vorkam." Daniela blieb einen Monat, und in dieser Zeit begannen sie, eine Beziehung aufzubauen. "Es fühlte sich an, als hätte ich ein riesiges Loch in mir, dessen Boden ich nie sehen konnte", erzählt Anette. Gemeinsam konnten sie dieses Loch über die Jahre füllen.

 

"Aus Nervosität konnte ich tagelang vor meinem Flug nichts essen. Doch nachdem wir eine gewisse Routine in unseren Alltag bringen konnten, war die Reise nur noch toll", sagt Daniela. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit mit Kochen, was eine enge Verbindung schuf. "Unsere Beziehung ist schwierig zu beschreiben. Es ist die Liebe zwischen Mutter und Tochter und die Intimität zwischen Seelenverwandten. Für mich fühlt es sich magisch an, wie ein Märchen", sagt Daniela heute. "Ich war nie wütend auf Anette, dass sie mich zur Adoption freigegeben hat. Ich war wütend auf all das, was sie erleben musste, und dass sie nie wusste, dass ich ein großartiges Leben hatte." Anette beschreibt ihre Beziehung als eine tiefe Freundschaft, in der das Muttersein immer eine Rolle spielt. "Für so eine Beziehung gibt es wohl keinen Namen." Anette bekam keine weiteren Kinder. "Das hat nichts mit meiner Geschichte zu tun, für uns stimmte die Zweisamkeit, aber wir hätten uns bestimmt auch über Kinder gefreut."

 

Anette meint, dass sie heute nichts bereuen würde und dass sie die Erlebnisse kenne, die ihr Leben prägten. Sie sei stolz darauf, was sie alles gemeistert habe. "Ich kam durch die dunkle Nacht der Seele, und doch habe ich auch Höhen erlebt, die man weder mit Marihuana noch mit irgendwelchen anderen Drogen je erreichen kann." Gegenseitig besuchen sie sich oft und telefonieren fast wöchentlich. Auch zu der inzwischen 93-jährigen Mrs. Miller hat Anette immer noch Kontakt. "Es war eine schwierige, aber auch sehr kostbare Erfahrung. Ich möchte sie nicht noch einmal erleben, aber auch nicht missen."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.03.2025, S. 26 - Naomi Glur, Kantonsschule Uetikon am See

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