Vor fünf Jahren ist Romano Seglias bei einer Biketour in den Bergen schwer verunglückt. Er kämpft sich seinen Weg zurück.
„Du hast dein Schicksal, andere haben ihres, und du musst mit deinem zurechtkommen“, sagt Romano Seglias. In einem Café beim Bahnhof in Chur spricht er über seinen Unfall. Seglias wirkt sachlich. Er trägt ein weißes Hemd und glatt gekämmtes, graues Haar. Sein freundliches Lächeln fällt sofort auf. Der Unfall liegt gut fünf Jahre zurück, doch die Erinnerungen wirken frisch. Während des Gesprächs fließen Tränen. Der 21. Juni 2020 war ein verhangener Tag, die Familie habe nicht mit auf die Biketour gewollt, deshalb habe sich der Zweiundfünfzigjährige allein auf den Weg gemacht. Auf dem steilen “Bananenweg“ bei den Emser Maiensässen sei er dann schwer gestürzt. Ein Fußgänger habe ihn blutüberströmt gefunden, kurz bevor er das Bewusstsein verlor. Erst im Spital in Chur sei er wieder zu sich gekommen. „Es ist mir bis heute ein Mysterium, was den Sturz ausgelöst hat“, sagt Seglias. An seinem eingeschränkten Gehvermögen sind die Folgen immer noch zu sehen.
Seglias wohnt mit seiner Familie in Chur. Er ist Betriebsökonom und war lange Jahre in der Wirtschaft aktiv, von 2019 bis 2023 als Präsident der Handelskammer Graubünden. „Nach dem Unfall brachte mich ein Helikopter in die Notaufnahme in Chur, wo die Ärzte gleich operierten.“ Frau und Kinder hätten nichts vom Zustand des Vaters gewusst. Das Ellbogengelenk sei komplett zertrümmert gewesen. „Die Ärzte mussten es wie ein Puzzle zusammensetzen.“ Auch die Wirbel hätten später operiert werden müssen. Denn durch den Sturz habe die Schwellung auf die Nervenbahnen gedrückt und zu einer Lähmung geführt. Besonders betroffen war der obere Rückenbereich und das zentrale Nervensystem. Die Lähmung habe von den Schultern bis in die Beine gereicht, und die Ärzte hätten entschieden, Teile der Wirbelbögen zu entfernen, um den Druck auf die Nerven zu lindern. „Das hat die Beweglichkeit verbessert, aber gleichzeitig zu schweren chronischen Nervenschmerzen im ganzen Körper geführt.“ Die Nervenschmerzen gehörten zu den schlimmsten Folgen seiner Verletzung, denn sie seien medizinisch kaum behandelbar.
Im Nachhinein fragt sich Seglias, ob diese Operation wirklich notwendig war. „Manchmal denke ich mir, dass ich lieber im Rollstuhl wäre, aber dafür keine Schmerzen ertragen müsste.“ Doch ändern könne er heute ohnehin nichts mehr. „Bald darauf wurde ich von der Notaufnahme ins Paraplegiker-Zentrum im Luzerner Nottwil verlegt“, der Ort, wo er sich neun Monate erholt habe. Seine Situation sei dann aber durch die Corona-Pandemie erschwert worden. Wie überall hätten auch im Paraplegiker-Zentrum Sicherheitsvorschriften gegolten, dort seien sie sogar noch verschärft gewesen. „Zu gewissen Zeiten waren keine Besuche mehr erlaubt, was mich an Weihnachten sehr belastete.“
Doch er sei optimistisch geblieben. Vor allem seine Familie und Freunde hätten ihm geholfen, die Zuversicht nicht aufzugeben. „Ich versuchte, die Situation anzunehmen, und nachdem ich die ersten Fortschritte gesehen hatte, hatte ich große Hoffnung.“ Aber es habe auch Momente gegeben, an denen es ihm schwerfiel, an das gute Ende zu glauben. Wegen seiner Lähmung mussten alltägliche Dinge wie Duschen von den Pflegerinnen des Zentrums übernommen werden. Das Gefühl, so hilflos, so ausgeliefert zu sein, habe er als äußerst unangenehm erlebt. „Das Zähneputzen fand ich am schlimmsten. Es fühlte sich an, als wäre man bei der Dentalhygiene, dreimal täglich.“ Doch für seine Familie sei es um einiges härter als für ihn selbst gewesen. „Viele machen sich Gedanken über mich, aber die Familie hat viel mehr zu tragen.“
Seglias spricht viel über seine Frau, und auch die Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren erwähnt er immer wieder. Sie hätten das Ganze am lockersten genommen. Er habe sich Schritt für Schritt seine Mobilität zurückerobert und könne heute wieder gehen und arbeiten. Durch seine Einschränkungen habe sich aber seine Sicht aufs Leben verändert. „Beruf und Karriere rückten in den Hintergrund, und meine Prioritäten veränderten sich.“ So hat er mit drei Mitbetroffenen die Organisation „More is Possible“ gegründet, mit der er andere Rückenmarksverletzte unterstützen möchte. „Dies ist meine Geschichte, und man soll mich nicht bemitleiden, sondern lieber jenen helfen, die in der gleichen Situation sind wie ich, aber um wenige Millimeter weniger Glück hatten.“