Eine Frau vertraut ihrem Bauchgefühl

Die Schweizer Flowart- und Hula-Hoop-Trainerin Andrea Zumbühl wagte den Sprung in die Selbständigkeit.

Kommt gut nach Hause, ihr Lieben!" Die Flowart-Trainerin Andrea Zumbühl verabschiedet ihre Gruppe. Es ist Montagabend, der Trainingsraum in Hombrechtikon bei Zürich leert sich. Das große Studio in dem ehemaligen Fabrikgebäude hat einen grauen Teppichboden, schwarze Vorhänge und große Fenster. Überall sind Hula-Hoops verteilt. Es gibt drei alte Sofas, einen antiken Sessel und einen Holztisch mit Stühlen. Poster schmücken die Wände, ein selbst gemachtes Mobile baumelt von der Decke. Die neunundvierzigjährige Performerin gibt hier seit gut zehn Jahren Hula-Hoop- und Poi-Stunden. "Ich liebe es, mein Wissen und Können weiterzugeben. Tanzen tue ich schon immer." Sie hat sich schon durch viele Stile getanzt: von Ballett über Zumba bis hin zum Bauchtanz. Im Jahr 2000 lernte sie Poi in Thailand kennen. Das ist eines von vielen Tools für Flowart. Flowtools oder auch Flowtoys sind schwingbare Gegenstände, mit denen man sich bewegt und tanzt. Ein Poi besteht aus zwei armlangen Schnüren, an deren Ende jeweils ein Ball befestigt ist.


Zehn Jahre später entdeckte sie Hula-Hoop und trat immer häufiger bei Events auf. Der Hoop, ein Reifen, ist ein anderes Tool als der Flowart. Zu den Events gehören Feuershows mit einem Partner an Hochzeiten, die Show "Seidenfein", die sie mit einer Seifenblasenkünstlerin gestaltet und in Altersheimen aufführt, und Soloshows. Sie trainiert jeden Tag eine Stunde. "Man wird lachen, aber mein Training findet jeden Abend vor dem Schlafen für mich allein in meinem Wohnzimmer statt, da kommen mir die besten Ideen."


2014 machte sie sich selbständig. "Ich mache jetzt einfach meine Leidenschaft zum Beruf", erinnert sich die Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern. "Man muss den Job wirklich lieben, denn man verdient nicht gut." Sie hilft neben ihrem Mann mit, die Familie zu ernähren.


"Flowart ist die Kunst, mit schwingbaren Gegenständen zu tanzen", erklärt Zumbühl. Sie trägt eine rosafarbene Trainerhose und ein weißes T-Shirt mit Blumenprint. Strähnen ihrer aschblonden Locken hat sie nach hinten gesteckt, so kommen ihre Hornohrringe zum Vorschein. Zudem hat sie ein Nasenpiercing und Tattoos auf den Schultern. "Der Flow ist ein Zustand, bei dem man in Einklang mit dem Gerät ist. Um den zu erleben, darf man weder über- noch unterfordert noch gelangweilt sein und keine Panik haben. Man gibt sich voll und ganz einer Tätigkeit hin. Das Gefühl einer tiefen Zufriedenheit breitet sich in einem aus. Man findet den Flow aber schlecht, wenn man ihn sucht." Beim Hula-Hoop arbeitet man zudem mit physikalischen Kräften. Es entstehen Kreise, die man wiederholt mit dem

Reifen zeichnet, diese verbinden sich zur "Flower of Life". Ein Kind habe ihr einmal den Flow wie folgt beschrieben: "Es ist dann, wenn der Reifen einen führt und nicht mehr du den Reifen."


Ihre Arbeitstage beginnen um acht Uhr und enden meist erst kurz vor Mitternacht. "Ich mache die ganze Zeit Hula-Hoop und Flowart", meint sie lachend. "Es ist wirklich gestört." Ihre Hauptleidenschaft sei das Unterrichten. "Ich will vermitteln, dass jeder mit dem Hoop spielen und daran Gefallen finden kann, egal welches Alter und welcher Körperbau."


Flowart habe einen therapeutischen Effekt. "Ein schwingbarer Gegenstand kann sehr viel ändern an einem Menschen; auch eine Grundeinstellung im Leben." Sie hatte schon mehrfach junge Schüler, die keinen Schulabschluss hatten und nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. In Flowart haben sie eine Passion gefunden und genügend Selbstbewusstsein aufgebaut, um wieder heraus in die Welt zu gehen und etwas mit ihrem Leben zu machen. Die Künstlerin hat auch ein kleines Business aufgebaut, wo sie ihre "Silk'n Hoops" verkauft, eine Kombination aus einem großen Seidentuch und einem Hoop. Auf die Idee kam sie zufällig. "Jemand hat mal nach einem Fest den Schal vergessen, und ich habe ihn genommen und an meinen Hoop gebunden." Außerdem arbeitet sie einmal in der Woche in einem pflegerischen Job für Menschen mit Suchterkrankung. Sie ist gelernte medizinische Praxisassistentin.


Auch ist sie Teil einer Gruppe von Hulahoopern, die an der Geschichte des Hoops interessiert sind. Zwei- bis dreimal im Jahr ist sie international auf Hoop Conventions unterwegs, um Workshops zu machen. "Und dann kommen die und sagen dir, sie wollen einfach so eine Trickabfolge mit Andelitricks", sagt sie schmunzelnd. Andelis Art zu hoopen hebt sich von anderen ab. "Wie verschiedene Tanzstile." Da es Flowart noch nicht so lange gibt, hat sie vieles selbst erfunden. Sie besuchte einen Kurs bei Reni Hardmeier, die 2009 die erste Hoop-Tanzschule der Schweiz eröffnet hat. Heute zählt sie zu ihren besten Freundinnen. "Man entwickelt Dinge mit. Es war Learning by Doing, weil es andere Möglichkeiten nicht gab." Ihre Inspiration kommt vor allem von anderen Künstlern.


Auf die Frage, was sie in ihrer Freizeit macht, antwortet sie: "Ich bin wirklich hobbylos." Sie sei ein absoluter Familienmensch und verbringe jede freie Minute mit der Familie. Der Nachteil an ihrem Job sei, dass sie sehr wenig Zeit für ihre Freunde hat. "Und man glaubt es nicht, aber wenn ich mal nichts zu tun habe, gehe ich auf meinen Garagenplatz flowen."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 17.11.2025, Nr. 267, S. 26 - Nora Schartner, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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