In der "Metzgerei Elvis" parodiert der Slowene Renato Jencek den großen Musiker, inspiriert von dessen größtem Imitator in Slowenien und sich selbst.
Nach einer Stunde muss die Maskenbildnerin ran. Die schwarze Tolle und die Bartkoteletten müssen in Form gebracht, Schweiß von der Stirn getupft und das Gesicht gepudert werden. Die weiße Hose, das mit goldglänzendem Strass verzierte Hemd, der Poncho und der rote Schal werden zurechtgezupft. Umgeben von Schildern "Presley Place", Elvis-Postern und einer Gitarre. Welcome to Rock 'n' Roll.
Natürlich ist die Elvis-Nummer inszeniert und das Elvis-Bild von Anfang an gebrochen. Denn rundherum sind auch große Schautafeln mit den besten Stücken von Rind und Schwein, Würsten, Steaks und Haxen zu sehen. Und mittendrin ein Schild: "Mesarija Elvis", Metzgerei Elvis. Gerade hat Elvis seinen strahlendweißen Metzgerkittel ausgezogen und sorgfältig über einen Stuhl gelegt. Jetzt singt er "It's now or never", nur zwei Zeilen, ziemlich schräg und mehr gewollt als gekonnt. Die scheinbare Parodie des legendären Rock-'n'-Rollers ist ein Bühnenspiel des Autors, Regisseurs und Schauspielers Renato Jencek, inspiriert durch die Elvis-Imitation eines bekannten slowenischen Metzgers.
Jencek ist 62 Jahre alt, mittelgroß mit kräftiger Statur. Er integriert seine Gesprächspartner direkt in sein Solo-Kabarett "KUD Mesarija Elvis", ein Treffen im "Kultur- und Kunstverein Metzgerei Elvis". Es ist 2024 entstanden und dauert 70 Minuten. Der 78-jährige Metzger Oskar Trobec, bekanntester slowenischer Imitator des legendären Weltstars, ist dabei eine Vorlage für Jencek, um Alltägliches wie slowenische Dialekte und Klischees, nachbarschaftliches Gerede bis hin zu Fragen der Weltpolitik im Slang des Metzgers auf die Bühne zu bringen.
Dabei macht Jencek sich nicht auf Kosten des realen Trobec lustig. Er hat den Rentner, der seit über 30 Jahren Elvis imitiert und Präsident des slowenischen Elvis-Fan-Clubs ist, in seinem Haus besucht, zu dem auch ein Elvis-Museum und -Denkmal im Garten gehören. Dabei hat Jencek die Zustimmung zu seinem Programm erhalten. Trobec, der sogar seinen Sohn und den eigenen Wein "Elvis" nannte, wird von Jencek nicht parodiert. Trobec lieferte lediglich den Anstoß für das Stück. Es gehe um brüchige Identität, fehlende Authentizität, um das extreme Beispiel der unreflektierten Nachahmung kultisch verehrter Stars. "Einmal", lässt Jencek seinen Oskar sagen, "kam ein Mädchen zu mir und streichelte mich ein wenig. Ich mochte Elvis schon, und sie sagte mir, ich sei wie Elvis. Und dann bekam ich noch ein paar Anstecker und eine Halskette, und das war's. Von da an war ich Elvis. Nur für meine erste Frau war ich noch Oskar, sonst war ich Elvis. Für alle." Und ansatzlos berichtet Oskar, wie sein Vater zu Wurst, Fleisch und sogar zu einer Metzgerei kam und selbst Metzger wurde. Auch das inspiriert durch die Biographie des realen Oskar, aber auch des Autors selbst. "Ich hatte ein Elvis-Poster in meinem Zimmer hängen, ohne dass ich wusste, wer das war", sagt Jencek. "Und auch in meiner Familie gab es Metzger." Der Titel des Stücks "KUD Mesarija Elvis" hat ebenfalls einen realen Hintergrund. "KUD"-Vereine für Kultur- und Kunst trafen sich im ehemaligen Jugoslawien in Kneipen und anderen Räumen, um sich über Kunst und Kultur, Gott und die Welt auszutauschen. Heute gibt es solche Vereine, von Gruppen aus Ex-Jugoslawien gegründet, auch im deutschsprachigen Raum.
"Herzlich willkommen an diesem wunderbaren Tag, schön, dass Sie alle dabei sind, auch die Journalisten von Al Jazeera, BBC, CNN, und ach ja, die F.A.Z. ist auch dabei." So begrüßt "Oskar Trobec" gleich zu Beginn seine Gäste, als gäbe er eine internationale Pressekonferenz. Der groteske Unterschied zwischen der mythischen Kultfigur Elvis Presley und dem Durchschnittstypen Oskar, der sich zunehmend für die Reinkarnation von Elvis hält, wird so gleich am Anfang des Stücks sichtbar. Und das Publikum wird umgehend auf nachbarschaftliches Getratsche, lokale Anekdoten, regionale Dialekte und Mentalitäten in Slowenien angesprochen, über die man sich auch heute gerne lustig macht. Jenceks eigene Biographie liefert Impulse für die sprachliche und regionale Vielfalt Sloweniens. Geboren wurde der Schauspieler 1963 in Kranj, am Fuß der Alpen. Die Mutter stammte aus der Region Prekmurje im Nordosten, an der Grenze zu Österreich und Ungarn. Der Vater kam aus Predjama im Westen, von wo es nicht weit zur Adria ist. In Nova Gorica, direkt an der Grenze zu Italien, fand Jencek schon während des Schauspielstudiums Arbeit am Theater. "Später nahm ich ein Angebot des Theaters in Maribor an, aber nach einer Weile störte mich der Kontrast zwischen dem Glanz und der Pracht des Theaters und dem realen, grauen Maribor."
Heute ist Jencek am Volkstheater Celje fest angestellt, arbeitet aber auch in weiteren Theater-, Film- und TV-Produktionen und bevorzugt "einfache Stücke, die am wirklichen Leben orientiert sind". So sei sein Oskar Trobec auch ein "Jedermann", der in seiner "Metzgerei Elvis" lokale und internationale, banale und philosophische Themen nahtlos miteinander verknüpft. Er tratscht, lästert, räsoniert und regt zum Nachdenken an: über Alkohol und Drogenmissbrauch, "Johnny Walker oder Jack Daniels", Geschlechterrollen, Veganismus, über "Fleisch aus heimischer Produktion, das aus Bulgarien kommt". Dabei fühlt er sich stets als Weltstar Elvis und findet doch nie eine eigene Identität. Und er wird öfters unterbrochen, wenn ihn plötzlich ein Dämon plagt und er pathetisch aus Goethes Faust zitiert: "Was willst Du, böser Geist, von mir?"
Jencek nennt Texte von Dario Fo und Helmut Qualtinger als Anregung. Mit seinem Programm ist er landesweit aufgetreten, auch im Kultur-Café "Ruska Daca", das von Ales Musar, dem Ehemann der Staatspräsidentin Natasa Pirc Musar, geleitet wird. Zu seinen prominenten Besuchern zählt er den Bürgermeister von Celje, Matija Kovac, und den Schriftsteller und Regisseur Vinko Möderndorfer. Jencek fühlt sich verstanden, wenn ein Zuschauer schreibt: "Ein toller Spaß, der kein Spaß ist." Und er sei selbst oft amüsiert von den Reaktionen der Zuschauer. Peinlich werde es nur, wenn das Publikum nicht interagiere, Witze nicht als Witze verstehe und Oskar nicht als Bühnenfigur. "Einmal kam ein Mann nach der Vorstellung zu mir, lachte lauthals und sagte, die Frauen seien exakt so, wie ich sie dargestellt hätte."
Sein Stück sei "eine Kritik an unserer Gesellschaft, unserem Verhalten und unseren Reaktionen darauf. Darüber, wie die Zeit vergeht und wir heute, anders als zur Zeit von Elvis Presley, sogar noch weniger Verbindung zum realen Leben haben." Aber das alles soll auf humorvolle Weise gesagt werden. "Kunst hat die Aufgabe, Dinge zu erhellen, die wir noch nicht erkannt haben." Der verheiratete Vater von vier erwachsenen Töchtern, die alle künstlerisch aktiv sind, betrachtet sein Stück als "eine Tragikomödie des Menschen im 21. Jahrhundert, die unterhalten, nachdenklich machen und zum Lachen bringen soll". Auch über uns selbst, wenn die Masken fallen.