Um 1900 war die jüdische Gemeinschaft die viertgrößte Bevölkerungsgruppe in Timisoara. Heute zählt sie 600 Mitglieder.
Eine alte Gittertür öffnet sich. Kein Schild verrät, was sich dahinter verbirgt. Der Weg führt durch eine lange Toreinfahrt in ein stilles Karree, rings umschlossen von hohen Häusern. Von der breiten Boulevardstraße aus ist es nicht zu sehen. Dort steht das Haus der jüdischen Gemeinde: ockerfarbener Backstein, große Fenster. Auch die Cantina ist hier.
Einst ein jüdisches Restaurant, dient sie heute nur noch als Mensa für die älteren Gemeindemitglieder. Es gibt noch einen anderen Eingang ins Karree. Dort verkündet ein Veranstaltungsplakat "Shalom Ierusalim. Festivalul evreiesc". Das Festival war 2019. Auch dieser zweite Eingang ist schwer zu finden, und es gibt einen Türcode. Wer hierher kommt, kennt seinen Weg. Eine ausgetretene Treppe führt zum Gemeindebüro. Die Wandbemalung blättert stellenweise ab.
Gheorghe Sebok, Vizepräsident der Gemeinde, ist um die 70 und Orthopäde. Wenn er spricht, spürt man Gelehrsamkeit und einen Sinn für Humor. Sebok hat einen dichten
Schnurrbart, eckige Brillengläser und ein rundes Gesicht. Er trägt ein gestreiftes Hemd und eine braune Hose. Seine eleganten Schuhe fallen auf. "Die kurze oder die lange Antwort?", fragt er zurück, als er nach der Zukunft der jüdischen Gemeinde gefragt wird. Die kurze Antwort ist kurz: "Totaler Pessimist." Dann verweist er auf die Statistik. "Bei einer so kleinen Gruppe und einem so rasanten Anstieg der Sterbefälle, mit einem so hohen Anteil älterer Menschen und angesichts der Tatsache, dass wir in den letzten fünf Jahren nur eine einzige Hochzeit hatten. Was kann ich sagen? Natürlich kann ich nicht sagen, dass es gut sein wird."
Heute zählt die jüdische Gemeinschaft in der rumänischen Stadt Timisoara nur noch 600 Mitglieder. Um 1900 war sie die viertgrößte Bevölkerungsgruppe der Stadt, nach den Ungarn, den Deutschen und den Rumänen. Der erste Beleg dafür, dass Juden schon sehr lange in Timisoara lebten, ist ein Grabstein. Er wurde 1636 für einen Mann namens Assael Azriel aufgestellt. Vermutlich war er ein Arzt. "Die Gemeinde wuchs vor allem nach der Ansiedlung sephardischer Juden, die im 16. bis 17. Jahrhundert aus Spanien vertrieben über das Osmanische Reich kamen." So erklärt es die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Luciana Friedmann, eine 47 Jahre alte Frau mit kurzen schwarzen Haaren und entschlossener Haltung. Das versteckte Karree mit dem Gemeindezentrum beherbergte seit 1762 auch zwei Synagogen, eine aschkenasische und eine sephardische. Die durften unter den katholischen Habsburgern von der Straßenfront nicht zu sehen sein . "Die Gemeinde ist wie eine Familie. Und auch heute ist sie ein Treffpunkt", erklärt Adelina Palenici, die Sekretärin der Gemeinde. Sie hat braunes Haar, eine Brille und ein jugendliches Aussehen. "Mindestens zweimal im Monat machen wir ein gemeinsames Sabbatessen, wie in einer Familie." Besonders im ersten Stock herrscht reges Leben: Dort finden Feierlichkeiten, Konferenzen, Tanz- und Kochkurse sowie der Hebräischunterricht statt. Vor allem ältere Mitglieder treffen sich regelmäßig. Unten gibt es die Cantina und den großen Saal.
"Manche sind sehr alt, sie können nicht mehr selbst kommen", erklärt Friedmann. Sebok ergänzt: "Wir hatten auch ein Altersheim in Timisoara, das vom Dachverband der Jüdischen Gemeinden in Rumänien finanziert wurde. Aus finanziellen Gründen wurde es dann nach Arad verlegt. Aber wir gehen jetzt zu den älteren Menschen und bringen ihnen dreimal am Tag Essen. Wir schicken ihnen eine Haushaltshilfe und einen Arzt. Dabei hilft uns Joint, das American Jewish Joint Distribution Committee." Der Respekt für ältere Menschen sei auch eine religiöse Verpflichtung. "Gott meint, die Eltern sind sein Äquivalent auf Erden. Für Juden ist der Tod eines Elternteils das größte Unglück, das in einer Familie passieren kann. Nicht der eines Kindes." Die Vorstellung, dass die Trauer um die Eltern besonders verpflichtend und die längste von allen ist, wird im Talmud behandelt.
Aber Sebok sieht das auch mit einem Augenzwinkern: "Irgendwie ist das ein Anachronismus, zumindest außerhalb der Welt der religiösen Gebote. Die Zukunft gehört den Jungen, nicht den Alten. Aber es zeigt zumindest, wie sehr wir das Alter respektieren." Die Pflege der sieben Friedhöfe im Kreis Timis gehöre ebenfalls zur Verpflichtung der Gemeinde, schon aus historischen Gründen. Schließlich seien dort auch die ältesten
Grabsteine. "Es ist natürlich kein Glück, wenn jemand stirbt. Der Tod, der Friedhof, das gehört zu uns, wir müssen uns darum kümmern. Aber es ist manchmal traurig, nur noch zu Beerdigungen zu gehen und zu sehen, wie wir immer weniger werden. Das stimmt pessimistisch."
Wenn es Veranstaltungen im Gemeindezentrum gibt, kommen etwa zehn bis 15 Personen zum Essen - vor allem montags und donnerstags. Früher war die Situation anders. Lebten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etwa 13.000 Juden in Timisoara, so sank die Zahl nun drastisch. Im Zuge der 1948 errichteten kommunistischen Diktatur wurden zahlreiche Juden enteignet. Als sich in den Fünfzigerjahren viele für eine Auswanderung entschieden, zählte die Gemeinde noch 7000 Mitglieder. Diejenigen, die Dokumente zum Auswandern einreichten, mussten mit Schikanen rechnen und in manchen Fällen jahrelang warten, bis sie den Pass zur Emigration bekamen. Das Land ließ sie ziehen, bekam doch das kommunistische Regime im Gegenzug landwirtschaftliche Ausrüstung aus Israel und außerdem ein "Kopfgeld" für jede Person. Für ein Kontingent von monatlich 5000 Personen aus Rumänien wurde die Zahlung vom Joint übernommen. In den Sechzigerjahren gab es noch rund 2600 Juden in Timisoara.
"Damals, so um 1968, kamen viele Leute täglich hierher zum Essen. Es gab auch eine koschere Metzgerei, und viele jüdische Studenten besuchten das Zentrum", erzählt Sebok. Die Cantina wird heute durch die Claims Conference finanziert, eine Dachorganisation jüdischer Verbände, die sich seit ihrer Gründung 1951 der Unterstützung von Überlebenden des Holocaust widmet. "Die Frage, wann man ein Jude ist, ist eine Frage, die oft gestellt wird. Ganz einfach könnte ich Folgendes sagen. Wer sich jüdisch fühlt, ist Jude. Das ist das Erste. Dann zählt auch, ob man als Jude aufgewachsen ist. Im Leben von Louis Armstrong gab es eine jüdische Familie, die ihn stark beeinflusste. Als er sang, trug er den Davidstern, und als er berühmt wurde und man ihn fragte, warum er ihn trägt, antwortete er: Weil ich Jude bin."
Sebok betont: "Solange Kinder da sind, gibt es eine Zukunft. Ich will es im Prinzip so, wie mein Vater es gemacht hat und wie ich es bei meinem Kind gemacht habe. Junge und Alte müssen zusammengebracht werden. Die Älteren kennen die Tradition gut und wissen, wo man in den Texten nachlesen muss. Judentum - das ist Wissen, und Wissen braucht jemanden, der lehrt." Diese Art von Erziehung hat Sebok von seinem Vater bekommen.
Seine Mutter hingegen habe ihm das Judentum vorgelebt. "Meine Mutter war stellvertretende Direktorin im jüdischen Waisenhaus in Arad, bis dieses 1947 aufgelöst wurde. Sie hat Kinder, die Auschwitz überlebt haben, betreut. Diese Kinder wurden erwachsen und haben Familien gegründet und ein normales Leben geführt. Manchmal habe ich erlebt, wie diese Kinder meine Mutter später wieder besucht haben, um ihr zu danken."
Dass Timisoara 2023 Kulturhauptstadt Europas war, habe der jüdischen Gemeinschaft neuen Schwung gegeben. "Wir haben es bisher noch nicht geschafft, die 'Tage der jüdischen Kultur', eine Art Festival, dauerhaft in Timisoara zu organisieren. Aber wir werden
die Bukarester Gemeinde bitten, uns zu helfen, um es zu einer Tradition zu machen." Damit ist vor allem finanzielle Hilfe gemeint. Sebok lacht: "Es ist so ein allgemeines Vorurteil, dass Juden Geld haben. Das stimmt bei uns nicht. Unsere Gemeinde hat kein Geld." Er wird sarkastisch, wenn es um antisemitische Stereotype geht: "Wann kam Amerika hierher, um uns zu helfen, diese Probleme zu bewältigen? Denken Sie, dass irgendeine Bank oder einer dieser reichen Leute uns einen Penny gegeben hat? Obwohl sie zu Besuch gekommen sind." Er schüttelt den Kopf. "Aber das deutsche Innenministerium hat uns geholfen." Es habe auch das Geld für die Restaurierung einer Synagoge gegeben. "Die größte Freundschaft verbindet uns mit dem Deutschen Forum." Das ist die Organisation der Banater Deutschen. "Wir bekommen immer ihre Hilfe. Zum Beispiel an Feiertagen, wenn wir keinen Platz haben, gehen wir ins Altersheim des Deutschen Forums. Als ich das vor fünf Jahren beim European Jewish Congress gesagt habe, hat mir das niemand geglaubt. Auch die Serben unterstützen uns. Und die rumänisch-orthodoxe Kirche. Das Banat war immer ein besonderer Ort, wo sie alle in Harmonie zusammenlebten. Ich spreche auch von den Ungarn. Also wir helfen einander."
Dies gilt auch für die Synagogen, emblematische Bauwerke der Stadt, die den Krieg und die kommunistische Ära überstanden haben. Der Bürgermeister Timisoaras, Dominic Fritz, hat sich für die Restaurierung der vom Verfall bedrohten Synagoge im Stadtteil Fabric eingesetzt. Zurzeit finden Workshops mit den Anwohnern statt, um passende Nutzungskonzepte zu erarbeiten. Die 1865 in der Innenstadt eingeweihte Synagoge ist bereits saniert und wird neben dem Gebet auch für Konzerte und Ausstellungen genutzt.
Eine dritte Synagoge befindet sich im Stadtteil Josefin.
Alle drei Synagogen der Stadt liegen Sebok am Herzen, auch wenn sie nicht mehr alle für religiöse Zwecke gebraucht werden. "Synagogen abreißen, das wäre kein gutes Zeichen. Wenn man mit dem Abriss der Synagogen beginnt, begibt man sich auf die negative Seite der Geschichte. Alle, die Synagogen niedergerissen haben, sind negativ in die Geschichte eingegangen." Sebok schaut nachdenklich. "Auch wenn unsere Gemeinde vielleicht verschwindet. Synagogen müssen bleiben. Schließlich stehen auch die griechischen Tempel noch."