Es gibt einen Meerbedarf bei Lehrern

Josef Keller unterrichtet an der Schweizer Schule in Sizilien. Die gibt es schon seit 1904.

Laute Stimmen, herumrennende Kinder, Geschrei vom Pausenhof, hupende Autos und eine erdrückende Hitze. Im Schatten der Bäume hinter dem geschlossenen Tor ist es nur wenige Grad kühler. Die Schweizer Schule befindet sich im Zentrum von Catania auf der Insel Sizilien. Josef Keller arbeitet seit 2012 an der Scuola Svizzera Catania als Klassenlehrer. Sepp trägt Jeans, ein weißes T-Shirt und eine blaue Brille. Der Siebenundvierzigjährige lächelt oft und hat für jeden vorbeilaufenden Schüler ein offenes Ohr oder einen lustigen Spruch.

 

Nach dem Reallehrerseminar unterrichtete er ein Jahr in Wattwil im Kanton St. Gallen, in der Sekundarstufe und danach zehn Jahre an einer kleinen Schule in Häggenschwil, einem Bauerndorf in der Ostschweiz. "Da diese Schule geschlossen werden sollte, schaute ich mich nach anderen Stellen um. Über einen Freund kam ich auf die Schweizer Schulen im Ausland. Zuerst wollte ich nach Mexiko. Ich hatte jedoch Pech, die Stelle bekam ein anderer, der schon Erfahrung an der Schweizer Schule in Catania gesammelt hatte." So wurde in Catania eine Stelle frei. "Im Nachhinein bin ich froh, dass es mich hierhin verschlagen hat. Es ist ein kleineres Umfeld als in Mexico-City. Ich als Landei sehe mich dort nicht mehr."

 

Um 1900 wanderten viele Schweizer Familien wegen Armut, Hunger und schlechter Arbeitsaussichten nach Süditalien aus, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. 1904 wurde die Schweizerschule in Catania von einigen ausgewanderten Familien, vor allem aus dem Kanton Graubünden, gegründet. Sie ist eine der 17 anerkannten Schweizer Schulen im Ausland. 1928 wurde das noch heute genutzte und erweiterte Schulgebäude erbaut. "Die Schülerinnen und Schüler sind hier anders als in der Schweiz. Sie sind viel lauter und emotionaler. Auch Umarmungen der Kinder sind hier normal. Das ist in der Schweiz ja gar nicht so. Dies war die größte Umstellung, und auch heute fühle ich mich nicht ganz wohl dabei. Natürlich geschieht alles in einem angemessenen Rahmen. Ich gehe niemals von mir aus auf die Kinder zu, sondern warte, bis die Gesten von den Kindern selbst kommen. Dies gehört hier jedoch einfach zu der Kultur dazu." Auch sei das Verhältnis zu den Eltern enger, da man sich jeden Morgen sehe, wenn die Kinder zur Schule gebracht würden.

 

Sepp nimmt seine sechsjährige Tochter morgens zur Schule mit. Er stehe früh auf, was für ihn als "Morgenmuffel" nicht einfach sei. Doch die Aussicht aus dem Fenster ins Grüne und auf die Zitronenbäume lohne sich. Mit dem Auto geht es von Viagrande nach Catania. Ohne Verkehr braucht er 20 Minuten, doch am Morgen steht man im Stau und braucht eine Stunde. "Es ist schade, dass der öffentliche Verkehr nicht besser funktioniert. Das ist ein großes Privileg in der Schweiz." Wenn man mal im Ausland gelebt hat, schätze man die kleineren Dinge, die die Schweiz zu bieten hat, wieder viel mehr. "Schulisch war es eine Umstellung für mich. Vieles war nicht vorgegeben, das gab mir zwar extreme Flexibilität und Freiraum, aber das Gerüst fehlte."

 

Er unterrichtet die naturwissenschaftlichen Fächer und Werken. Dafür hat er ein Zimmer auf der Terrasse im obersten Stock. Darin befinden sich Sägen, Bohr- und Schleifmaschinen, Werkbänke und eine mobile Klimaanlage. Drei Wände bestehen aus Glas, sodass man den Raum ganz öffnen kann, um frische Luft hineinzulassen. Sepp unterrichtet auf Hochdeutsch und Italienisch. Letzteres habe er schon ein wenig in der Schweiz gelernt und auch eine B2-Sprachlevelprüfung gemacht. "So richtig zu sprechen habe ich aber dann erst hier gelernt."

 

"Die meisten der rund 100 Schülerinnen und Schüler haben im Kindergarten in der Schweizer Schule angefangen. Nach drei Jahren kommen sie in die Primarstufe, die fünf Jahre dauert. Die folgenden drei Jahre besuchen sie weiter hier die Scuola Media, Sekundarstufe, oder wechseln an eine italienische Schule. Ein Liceo, das einem Gymnasium entsprechen würde, gibt es nicht. Die Kinder lernen sowohl nach dem Lehrplan des Kantons Zürich als auch nach dem italienischen Schulprogramm." Die Lektionen nach Schweizer Lehrplan werden auf Deutsch und von Schweizer Lehrern unterrichtet und diejenigen auf Italienisch von italienischen. Insgesamt unterrichten 16 Lehrer, davon sechs, die aus der Schweiz kommen. Die eine Hälfte der Kinder stamme aus italienischen Familien. Diese würden sich eine zweisprachige Bildung für ihre Kinder erhoffen und das Schulgeld gerne zahlen. Die andere Hälfte stamme von ausgewanderten Familien aus der Schweiz und Deutschland, die das Doppelprogramm der Schule bevorzugen.

 

"Einige Eltern wünschen sich hier noch ein Gymnasium, doch ich glaube, es ist gut, wenn die Kinder aus diesem geschützten Rahmen rausmüssen: andere Gewohnheiten, ein anderer Ort und andere Gesichter. Das Schönste für mich ist dann zu sehen, wie aus den kleinen Kindern, die ich kennenlernen durfte, diese tollen jungen Menschen wurden."

 

Eigentlich wollte Sepp nur drei Jahre bleiben. Er lernte in dieser Zeit jedoch seine jetzige Frau kennen. "So entschied ich mich, noch ein viertes zu bleiben, um zu schauen, was aus uns geschehen wird. Nun arbeite ich immer noch hier und bin mit meiner Frau seit neun Jahren zusammen, verheiratet, glücklich, und wir haben eine wundervolle kleine Tochter." Ihm gefalle es hier besser als in der Schweiz. "Obwohl die große Hitze im Sommer anstrengend ist. Ende Juli war es eine Woche lang über 50 Grad warm. Alle Transformatoren sind durchgebrannt, und wir hatten bei uns keinen Strom mehr. Keine Klimaanlage, keine kalten Getränke." Was ihn auch störe, sei, dass hier der Abfall einfach neben die Straße geworfen werde. Das sei für ihn als Schweizer unverständlich. "Die Menschen hier könnten so gut von ihrer Insel leben, wenn sie ihr ein wenig mehr Sorge geben würden. In der Schweiz hatte ich am Ende des Monats mehr Geld auf dem Konto, doch hier ist die Lebensqualität besser. Der Schweizer lebt, um zu arbeiten, und der Sizilianer arbeitet, um zu leben. Und noch was: das Meer. Früher war ich ein Bergmensch, aber jetzt könnte ich ohne das Meer nicht mehr leben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.06.2025, Nr. 148, Jugend schreibt, S. 26 - Chiara Bühlmann, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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