Der slowenische Künstler Oto Rimele benutzt das Licht nicht. Er erschafft es, sagt er. Ein Atelierbesuch in Maribor.
Wie kommt man eigentlich zur Kunst? Ein Weg: mit Oto Rimele Treppen steigen. Und zwar drei Stockwerke und eine schmale hölzerne Stiege hoch unter das Dach eines älteren Wohnblocks im Zentrum von Maribor. "Der künstlerische Prozess beginnt mit dem täglichen Leben, wo ich Ideen bekomme. Die Treppen zu meinem Atelier hier gehe ich seit zwölf Jahren mindestens einmal pro Woche hoch, auch um zu testen, ob ich noch fit bin", erzählt der hagere, weißhaarige Mann und lacht. Rimele ist Professor für Malerei und Zeichnen an der Universität Maribor. 2021 wurde er in London als einer der "zehn wichtigsten zeitgenössischen Künstler" vorgestellt. Er ist schwarz gekleidet und trägt Mantel, Schal und Wollmütze, auch in seinem Atelier. Denn an diesem Tag, Ende November, ist es kalt. In dem 100 Quadratmeter großen Raum unter dem schrägen Dach mit dicken Balken brennt ein Feuer im Ofen.
Der 62-Jährige stellt sich vor als "stolzer Vater einer Tochter und natürlich Slowene. Wie mein Name vermuten lässt, vielleicht mit schwäbischen Wurzeln. Ich bin auch Europäer und glaube, dass alles, was wir Bewohner des Universums tun, Auswirkungen im gesamten Universum hat." Ihn interessiere, wer wir wirklich sind. "Und eine Antwortmöglichkeit ist die Kunst." Das sei ihm mit elf Jahren klar geworden, als er einen Baum am Straßenrand auf ein Stück Papier gemalt habe, das ihm sein Vater von der Arbeit in einer Autofabrik mitgebracht hatte. "Es war ein Aquarell, das mir ein Gefühl von Freiheit gab. In dem Moment spürte ich, dass Kunst ein Weg ist, dem ich folgen wollte, eine Möglichkeit, mich mit der Welt zu verbinden."
Nach dem Abitur studierte Rimele an der Akademie für Bildende Kunst und Design in Ljubljana. "Ich war beeindruckt von gotischer Kunst, bewunderte Maler wie Fra Angelico und zeitgenössische Künstler wie James Turrell und Mark Rothko." Doch ihm sei klar gewesen, "dass niemand, kein Professor, kein Google, dir sagen kann, was dein wahrer Weg ist. Du musst ihn in dir selbst entdecken." Rimele benutze nie fertige Leinwände, und er wisse, wie man Farbe aus Eiern herstellt. "Ich arbeite allein und mache alles selbst. Dieser Ansatz, wie es die alten Meister taten, ist für mich wichtig, weil er Tradition und persönliche Kreativität verbindet." Doch die Inspiration komme nicht auf Knopfdruck, sondern wenn die Zeit reif dafür sei. Durch eine lange Fensterreihe fällt viel Tageslicht. Auf dem Boden, auf Hockern, Ablageflächen und in Regalen erstreckt sich ein auf den ersten Blick buntes Chaos, das aber seine Ordnung hat: Farbtuben und Pinsel, Werkzeuge und Materialien für Kunstobjekte. An den Wänden hängen Bilder von Rimele und eine leuchtende Installation: vier vertikal und parallel angebrachte schmale Leisten, die je nach Lichteinfall ein Wechselspiel aus hellrosa Licht erzeugen. "Ich bin durch einen langen Prozess von mimetischer zu rein abstrakter Kunst gegangen. Dabei bin ich dem Wesentlichen, dem
Licht, immer mehr treu geblieben. Mir gefällt schon lange der Gedanke, dass ich das Licht nicht benutze, sondern es erschaffe." Dafür fertigt er dreidimensionale Strukturen aus Holz, 115 bis 137 Zentimeter lang, vorne 7 bis 11 Zentimeter breit und hinten auf 4 bis 6 Zentimeter verjüngt. Um diese herum wird eine Leinwand gelegt, eine Grundfarbe, und weitere Farben werden aufgetragen, von kühlerem Rosa-Lila-Rot über intensive Rottöne bis hin zu orangefarbenen Tönen. Der Betrachter sieht vor allem den vorderen Teil. Auf hellem Hintergrund entsteht eine intensiv fluoreszierende Farbe, abhängig von den jeweiligen Lichtverhältnissen.
Ein Schlüsselmoment dieser Kunstproduktion sei 2003/2004 gewesen. In den beiden Jahren präsentierte Rimele seine Ausstellung "Illuminationen" in der Kirche in Kostanjevica na Krki, für die er 2004 den Preseren-Preis, die höchste slowenische Auszeichnung für Kunst und Kultur, erhielt. "Einige Besucher dachten, meine abstrakten Gemälde würden von Lichtern oder Kabeln beleuchtet, aber in Wirklichkeit strahlten die Gemälde selbst Licht aus." Rimele hat in Brüssel, Paris und Berlin ausgestellt, wo er 2018 als "Artist in Residence" 13 Porträts von Berlinern schuf, "abstrakte Kompositionen, in denen Licht und Schatten zum Träger des Wesens der abgebildeten Person werden". Die Porträts verändern sich ebenfalls je nach Lichteinfall. So erkennt der Betrachter, "dass wir beim ersten Blick nicht das Ganze verstehen, dass wir nur einen Moment sehen, nur eine Seite wahrnehmen. Gemälde sprechen auch über die Position des Betrachters innerhalb der Natur und des Kosmos." Seine Bilder und Installationen seien "immer Projekte, die eine Kommunikation mit dem Raum und seinen wechselnden Lichtverhältnissen ermöglichen". Um diese Kommunikation zu erweitern, soll es künftig auch Sound geben.
Im Atelier finden sich viele Bücher zur Musik, CDs, Abspielgeräte, Lautsprecherboxen, Instrumentenkoffer. Er höre Musik immer als Inhalt, nicht beiläufig als Hintergrund. "In der Musik bin ich Autodidakt, ein großer Fan von E-Gitarre, Blues, Jazz und zeitgenössischer klassischer Musik." Die E-Gitarre sei sein Hauptinstrument, "da sie neue klangliche Möglichkeiten bietet. Ich halte sie für das Schlüsselinstrument des 20. Jahrhunderts, weil sie neue Ausdrucksmöglichkeiten und Konzerte wie Woodstock ermöglichte." Rimele besitzt fünf Gitarren und spielt jeden Tag auf mindestens einer davon. Zwischen 1979 und 1985 war er Gitarrist in der slowenischen Rockband Lacni Franz, von Mitte bis Ende der Achtzigerjahre in der Band Laibach, an deren Tourneen in Europa und Amerika er teilnahm. "Unser größter Erfolg war 1987 das Album 'Opus Dei'." Dass Laibach wegen provokanter Auftritte auch viel Kritik erhalten hat - sie gilt als Vorbild für die deutsche Band Rammstein -, ist ihm bewusst. Für ihn war die Essenz immer der musikalische Ausdruck. "Es ist die Musik, die sich über alle Kontroversen und oberflächlichen Interpretationen hinwegsetzt." Außerdem habe er durch die Kooperation mit Laibach, die 2015 als bisher einzige Band aus dem Westen in Nordkorea auftrat, "eine Menge darüber gelernt, wie die moderne Welt funktioniert. Aber alles hat seine Zeit. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dieses Kapitel zu beenden, denn ich wollte nicht mehr Teil eines Kollektivs sein, ich wollte meinen eigenen Weg gehen."
Er hat im November auf Youtube eine eigene Variation von "Autumn Leaves" veröffentlicht. Rimele spielt Gitarre, hat mit der Kamera in einem Mariborer Park Herbststimmungen eingefangen und das Musikvideo selbst produziert. "Nicht für den Markt, sondern um die Trennung von meiner Frau zu verarbeiten, die dieses Stück auch sehr geliebt hat." Vor allem aber arbeitet er als visueller Künstler, etwa an einem Projekt im Schloss Rajhenburg bei Krsko. Es heißt "Sehnsucht nach Licht". Dabei folgt er dem Motto, das er bei einer seiner Ausstellungen neben einer Leiter an die Wand geschrieben hat: "Die Leiter ist für den Verstand des Betrachters, das Licht ist für die Seele des Betrachters."