Essen auf Rädern

Daniel Memper fand mit seinem mobilen Foodtruck die Entschleunigung

Es ist 7.30 Uhr. Daniel Memper kriecht aus den Federn, zieht sich an und holt mit dem Auto seinen Foodtruck ab. Anschließend macht sich der Fünfundfünfzigjährige auf nach Uster, einer mittelgroßen Stadt, 20 Kilometer östlich von Zürich. Dort stellt er den Truck zentral gelegen ab. Die Sonne strahlt. "Einfacher ist es auf jeden Fall nicht", sagt Memper, während er sich den Schweiß von der Stirn wischt. Er ist 1,80 Meter groß, hat graue Haare und einen Vollbart. Jeden Donnerstag stehen die Kunden bei ihm Schlange. Seit 2014 verkauft Memper Hotdogs. Er tut dies vier Tage die Woche in verschiedenen Orten im Zürcher Oberland.

 

Vor vielen Jahren hatte er sein BWL-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften abgeschlossen. Zwanzig Jahre lang habe er danach in der Finanzbranche bei verschiedenen Schweizer Banken gearbeitet, im Onlinemarketing. Ihm sei jedoch die Lust vergangen, sich am Geld anderer zu bereichern. Nach einem Burnout habe er gekündigt. Es habe ihm gereicht. "Mit 45 ist die Jobsuche schwierig." In den nachfolgenden drei Jahren habe er viele kleinere Jobs gehabt. "Vom Software-Tester bis zum Käseverkäufer war alles dabei. Ich wusste, dass ich nicht zurück in die Finanzbranche will." Schließlich sei er auf die Idee gekommen, sein Glück mit einem Foodtruck zu probieren. Ein Bekannter habe ihn auf die Hotdogs gebracht. "Hotdogs, aber richtig" lautete sein Motto. Der Foodtruck mit Equipment habe ihn 35.000 Franken gekostet. Nach einem halben Jahr Vorbereitung war er startklar.

 

"Hot George", so der Name seines kleinen Unternehmens, bietet extravagante Hotdogs an. Die Beilagen reichen von Röstzwiebeln über eingelegte Dörrtomaten bis zu goldbraun angebratenen Speckwürfelchen. Alle zehn Saucen, die meisten hausgemacht, stehen in metallenen Behältern bereit. Hot George, wie ihn viele Kunden nennen, füllt die frische Guacamole ebenfalls in einen kleinen Behälter, damit sie nicht braun wird. Es duftet nach Röstaromen und frisch aufgebackenem Brot. Die erste Kundin bestellt ein Dinkelbrot mit einer Chiliwurst. Seine Brötchen und Würstchen, von denen es je vier Sorten gibt, sowie sein Gemüse kaufe er regional ein. "Ich komme aus der Region, ich kaufe in der Region ein und verkaufe ebenfalls regional." Nach und nach treffen immer mehr Kunden ein. Um 13 Uhr schließt Memper in der Mittagshitze die Klappe des Foodtrucks - vorläufig. In vier Stunden öffnet er erneut. Das bedeutet aber nicht, dass jetzt Pause gemacht wird.

 

Memper arbeitet 60 bis 70 Stunden pro Woche. "Der Hauptteil findet hinter den Kulissen statt." Großeinkäufe, Warenbestellungen, die Zubereitung der Zutaten und die Reparatur und Kontrolle der Küchengeräte seien ein Muss. Zum Teil schufte er bis halb zehn abends. Im Vergleich zu seinem Job in der Finanzbranche sei dieser körperlich viel anstrengender. Er nutzt seine Freizeit. "Als mein Hobby bezeichne ich alles, was mit der Natur zu tun hat." Mit seiner Partnerin unternehme er Wanderungen in den Alpen und anderswo. "Meine Mutter glaubte mir zuerst gar nicht, dass ich nun so wanderbegeistert bin, denn Wandern war als Kind nie wirklich meine Lieblingsbeschäftigung." Am Wasser habe er ebenfalls Freude. "Am liebsten auf dem Meer." Zudem sei er von klein auf Fan des FC Zürich und besitze eine Saisonkarte. In seinem Foodtruck hängen Sticker seines Fußballklubs sowie Zeichnungen von Kindern mit dem Wappen des FCZ. Mempers Hotdog-Kreationen tragen die Namen von Fußballlegenden, von "Buffon" bis "The Cristiano".

 

Um 17 Uhr öffnet sich wieder die Klappe des etwa zweieinhalb Meter hohen Trucks. Das Design ist dezent und sticht doch ins Auge. Der Wagen ist hellblau mit leicht braunen Details. Darauf ist ein Hündchen mit einem Hotdog im Mund zu sehen. Dies sei sein altes Haustier gewesen. Im Frühling und Herbst gehe es ihm kundenmäßig am besten. Im Sommer sei es vielen zu heiß, um sich ins Auto zu setzen, nur um etwas zu essen. Auch seien die Leute im Sommer lieber in den Freibädern und an den Seen.

 

Seine größte Konkurrenz sind die Lieferdienste. "Du sitzt auf dem Sofa und hast Hunger. Was tust du? Du gehst an dein Smartphone und bestellst dir was zu essen." Er selbst arbeite nicht mit Lieferdiensten zusammen. Die Preise seien so hoch, dass er dann seine massiv anheben müsste, um noch genügend Gewinn zu machen. Das wolle er nicht. Auch die Möglichkeit, Franchising zu betreiben, sei ihm schon angeboten worden. Er habe dankend abgelehnt, denn Hot George solle klein und regional bleiben. "Durch die Freundlichkeit zu den Kunden bleibt die Verbindung zu ihnen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 13.10.2025, Nr. 237, S. 26 - Miro Zumbühl, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück