Ob fast aus Liebe zu Tode gefüttert oder herrenlos: Die Eselmüller-Stiftung im Kanton Bern kümmert sich um Esel in Not.
Im ländlichen Grasswil im Kanton Bern steht ein Haus mit tiefem Dach. Zwischen den Höfen und Feldern fällt es kaum auf. Es unterscheidet sich nur durch das gelegentliche Erschallen eines lauten "Ihhhaaaa". Die 2020 gegründete Eselmüller-Stiftung hat hier ihren Hof. Mitgründerin Edith Müller kümmert sich an diesem Montag mit einer Mitarbeiterin um die vier Esel und den Großesel Ducato, die hier zwischen Schafen und Kühen unterkommen konnten. Aber nicht alle haben hier einen Platz gefunden. Verteilt über die gesamte Schweiz gibt es Eselpflegeplätze, Freiwillige hüten und versorgen dort die Tiere. Die Stiftung ist auf Spenden angewiesen. Laut ihrer Website will sie "keine Esel ,horten', sondern ein nachhaltiges Netzwerk aufbauen, um den Eseln ein verdientes, sicheres neues Zuhause zu bieten". Die Plätze sollen nur zur Pflege und kurzzeitigen Unterbringung dienen.
Der Holzstall für die Esel mit dem von einem Plastikvorhang abgetrennten Auslauf liegt, von der Straße aus nicht einsehbar, hinter dem Haupthaus. Im Stall liegen Holzschnipsel. Der eine Teil ist mit Sandboden, der andere mit Gummimatten bedeckt. Umrandet ist er von einem Metallzaun. Die zwei Männchen warten schon im Stall, eine Eselin streckt den Kopf hinein und schaut Edith Müller an. Das ist Carina. Die braun-weiß Gefleckte hat "Angst vor Besen und vor allem, was von hinten kommt", steht in ihrem Steckbrief an der Wand. Diese Angst komme davon, dass sie mit 15 Jahren schon sieben Junge zur Welt gebracht habe und schlecht gefüttert worden sei.
Während den Eseln die Halfter angelegt werden, erhalten sie zur Beschäftigung Stöcke und Äste. Deren Rinde und feine Zweige fressen sie. Aber es gibt kein Gras für sie. "Dies macht sie übergewichtig", sagt die Neunundsechzigjährige, die mit ihrem Mann und vier weiteren die Stiftung gegründet hat. "Deshalb werden Esel in Gefangenschaft nur rund halb so alt wie in der Wildnis. Das ist, als ob du nur Schwarzwälder Kirschtorte, Schokowaffeln und Kekse essen würdest und zum Nachtisch ein wenig Blumenkohl", sagt Müller. Als Erklärhilfe verwendet sie eine Tafel an der Wand des Haupthauses. Die grauhaarige Tierschützerin ermüdet selbst nach 30 Jahren nicht, solche Dinge Interessierten zu erklären, denn in der Schweiz würden immer noch viele Tiere "aus Liebe zu Tode gefüttert".
Die älteste Eselin auf dem Hof, Jamayca, leide ebenfalls darunter. Die beigehaarige Vierunddreißigjährige hat für einen Esel in Gefangenschaft, die normalerweise etwa 20 Jahre alt würden, schon ein stattliches Alter erreicht. In Freiheit könnten sie aber doppelt so alt werden. Jamayca hat bereits 80 Kilogramm verloren, man sieht die überflüssige Haut an ihren Beinen. Und ihre Mähne knickt zur Seite ab. Bei der mit dem Schweizer Tierschutz zusammenarbeitenden Stiftung hat sie gelernt, richtig zu gehen und das Gras zu meiden.
Viele der Esel, die bei der Stiftung landen, haben ähnliche Leiden. Es seien immer Notfälle aus einer misslichen Lage: "Sei es, weil der Besitzer gestorben ist, weil Menschen vernachlässigte Esel auf einem Spaziergang entdecken, weil das Hochzeitsgeschenk noch Arbeit verursacht, weil sich die Menschen trennen, weil Veterinärämter oder andere Institutionen sich bei uns melden und um Aufnahme der Esel bitten." Diese Esel benötigen zusätzliche Aufmerksamkeit, die ihnen die Vorbesitzer nicht bieten konnten. Laut Jahresbericht wurden 2024 39 Esel von der Stiftung vermittelt. Sie gehen an Privatpersonen und Bauernhöfe. Ein gepflasterter Vorplatz liegt zwischen der Straße und dem Haupthaus. Es riecht nach Stroh und Mist. Hier werden die Tiere festgebunden. Die Pediküre des jungen Beny beginnt, in seinen Hufen sammelt sich regelmäßig Eiter. Vier blaue Textilschühchen, mit Klettverschluss und Gummisohle, muss der Eselgraue tragen. Aber trotz der Probleme im Huf schubst er mit Freude Leute und andere Esel an und fast um.
Ein verbreiteter Grund, weshalb die Esel bei der Stiftung landen, sei, dass die Esel schlecht gehalten werden. In solchen Fällen würde oft die Polizei oder der Tierschutz alarmiert. Manchmal läutet das Telefon, und es heißt: "Ihr habt jetzt Zeit, die Esel abzuholen, ansonsten kommen sie in die Metzgerei." Dann müsse innerhalb kürzester Zeit ein Platz her, optimalerweise noch in der Nähe. Es gab zwei solcher Fälle in den vergangenen Jahren, die, gemäß Jahresbericht der Stiftung, aus "extrem schlechten Haltungsbedingen" gerettet werden mussten. Der Esel Silas wurde von der Polizei aus einem Holzschuppen gerettet, er war dort seinem Schicksal überlassen. Heute hat er andere Probleme. "Beny beißt ihn in den Nacken", erklärt die auf Esel umgeschulte Pferdesamariterin. Links und rechts seiner Mähne sind daumengroße Wunden zu sehen. Nicht tief, doch anfällig für Schmutz. In einer Tupperware rührt Müller eine gelbliche Putztinktur an aus lauwarmem Wasser mit scharf riechendem Desinfektionsmittel. Der dunkelbraune Hals krümmt sich unter dem sanften, aber beständigen Druck einer blonden Mitarbeiterin namens Cindy Brüderlin. Danach ein wenig Salbe.
Müller war früher Hotelleiterin der Residence in Zweisimmen. Esel hätten sie schon ihr ganzes Leben begleitet. Bei einem Kurs zur Samariterin für Equiden, Pferde und Pferdeartige, im Tierspital Zürich, und beim Schreiben eines Eselfachbuchs, "Esel-ABC", lernte sie vieles über die "oft belächelten Tiere". Damit dieses Wissen über ihre Zeit hinweg erhalten bleibt, hat sie die Stiftung mitgegründet.
Hinter dem Auslauf steht ein kleines, gelbes Mietshaus, das in eine Empfangsstelle umgebaut werden soll. Dort soll der Kontakt zwischen der Stiftung und Interessierten gepflegt und verbessert werden und Schulungsräume für sogenannte "Eselbotschafter" entstehen. Die meisten freiwilligen Helfer sind solche Eselbotschafter. Ihre Aufgabe ist es, als Fachpersonen zu informieren und zu beraten, vom korrekten Futter bis hin zur Auswahl der richtigen Notunterkunft im Falle eines plötzlich obdachlosen Esels.