Foodsaver geben uns den Rest

Ele Hoffmann rettet Lebensmittel in Berlin. Sie hat die Verschwendung satt.

Man sieht sie mit ihrem schwer beladenen Lastenrad und ihren schulterlangen roten Haaren durch die Berliner Straßen flitzen. Ele Hoffmann ist ehrenamtliche Foodsaverin. Der Verein Foodsharing versteht sich als eine Bewegung gegen den achtlosen Umgang mit Ressourcen. Seit 2021 zieht die Siebenundfünfzigjährige vier- bis fünfmal die Woche los, um von Supermärkten und Bäckereien aussortierte Lebensmittel zu retten. "Das ist ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass da immer ein bis zwei Stunden mit dranhängen mit dem Hinfahren, Abholen, Sortieren, Heimfahren und Verteilen", erklärt Hoffmann, die als selbständige Musikerin und als Clown arbeitet. Inzwischen habe sie 31.920 Kilogramm Lebensmittel gerettet, erzählt Hoffmann vor dem mit unzähligen Büchern bestückten Regal in ihrem Wohnzimmer in Lichterfelde West. Anschließend komme die "Fairteilung". Alles, was sie nicht selbst verwerten kann, stellt sie kistenweise vor ihre Haustür. Die über eine Whatsapp-Gruppe mit 49 Mitgliedern und über nebenan.de verbundene Nachbarschaft kann nun die Ware, vorzugsweise ohne Auto, kostenlos abholen. Ihre erste Begegnung mit Foodsharing hatte Hoffmann 2015 bei einem Stand auf einer Messe für nachhaltigeren Konsum. "Das fand ich alles großartig", erinnert sie sich. Daraufhin wurde sie zunächst Foodsharerin. Als solche erstellt man sogenannte Brotkörbe mit eigenen zu viel gekauften Lebensmitteln, die andere abholen können. Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums fallen von den jährlich knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfällen in Deutschland 58 Prozent in Privathaushalten an. 2021 traf Hoffmann bei einer dieser Brotkorbabholungen eine Foodsaverin. Nach Bestehen des für die Zulassung als Foodsaverin abzulegenden Tests mit Fragen über Grundwissen und Hygiene, die es "teilweise wirklich in sich haben", nahm sie an begleiteten Einführungsabholungen teil. Daraufhin erhielt sie von den "Botschaftern", Foodsharer mit operativen Aufgaben im Verein, einen drei Jahre gültigen Ausweis: Sie darf nun im Namen des Vereins Foodsharing e. V. foodsaven. Hoffmann ist auch bei zwei Supermärkten und einer Bäckerei Betriebsverantwortliche und kümmert sich um eine gute Kommunikation zwischen dem Betrieb und den Foodsavern. Als Mitglied der "lokalen Meldegruppe" spricht sie Personen an, auf die aufgrund eines Fehlverhaltens aufmerksam gemacht wurde.


"Es gibt halt auch Verhaltensregeln, die von einem Foodsaver erwartet werden, wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit", sagt sie. Es gebe diese "lokalen Meldegruppen", da aufgrund von Fehlverhalten von Foodsavern schon Kooperationen zu Ende gegangen seien. Bei gehäuftem Fehlverhalten können Verwarnungen und Sperrungen über bestimmte Zeiträume ausgesprochen werden. Der 2012 gegründete Verein Foodsharing hat eigenen Angaben zufolge mit seinen 186.000 Foodsavern bisher rund 260 Millionen Kilogramm Lebensmittel vor der Tonne gerettet. Möglich ist dies durch 17.000 kooperierende Betriebe. Diese werden von den "Botschaftern" nach einer Zusammenarbeit gefragt. "Die Tafel hat natürlich immer Vorrang. Bei Organisationen, die für Bedürftige sammeln, treten wir generell zurück", sagt Hoffmann. "Nur sind die Mengen teilweise so gering, dass sie die Kapazitäten nicht haben, dort abzuholen." Dann kommen die Foodsaver ins Spiel. Wird der Kooperation zugestimmt, können eingeteilte Foodsaver wie Katrin Schikorr, eine aschblonde, siebenundfünfzigjährige Projektmanagerin im Naturschutz, zu vereinbarten Zeiten aussortierte Lebensmittel abholen. Die Kollegin von Hoffmann ist seit sechs Jahren Foodsaverin. Sie wurde über ihre damalige Arbeitsstelle bei der Deutschen Umwelthilfe auf den Verein aufmerksam. "Wir werden immer sehr freundlich begrüßt", erzählt sie vom Zusammentreffen mit den Mitarbeitern im Einzelhandel. Vonseiten der Foodsaver werden bei Abholungen nur geöffnete, sehr zerdrückte oder geschimmelte Waren nicht weitergegeben. Laut Hoffmann sei das abgelaufene Mindesthaltbarkeitsdatum nur bei risikobehafteten Lebensmitteln wie Hackfleisch, Muscheln oder Ähnlichem ein Ausscheidekriterium. Ansonsten seien diejenigen, die gerettete Lebensmittel nutzen, dazu angehalten, abgelaufene Waren für sich selbst zu überprüfen. "Ich freue mich natürlich, wenn wir mit unserem Job mal überflüssig sind", sagt Hoffmann lachend. Auch Schikorr hofft, dass die Läden ihre Bestellungen so anpassen, dass die Waren ausverkauft werden. "Sie denken, dass sie ihren Kunden immer bis Ladenschluss noch das volle Sortiment anbieten müssen." Heute etwa müssen noch 50 Paletten unverkaufte Paprika von Großmärkten gerettet werden. Schikorr freut sich, wenn sie mit ihren drei Töchtern und deren Freunden darüber ins Gespräch kommt.


Beim Tag der Lebensmittelrettung im September wurde eine Pyramide von 1662 Paletten Lebensmittel vor dem Roten Rathaus aufgebaut, um die täglich in Berlin geretteten Mengen zu veranschaulichen. "Foodsharing gibt es seit 13 Jahren, und gefühlt ist nichts passiert", bemerkt Hoffmann. Ihr sei bisher nur ein Laden, der Biomarkt Viverte, bekannt, der sein Einkaufsverhalten wirklich verändert und an den Kundenkonsum angepasst hat. "Bis ins letzte Detail lässt es sich aber nicht kalkulieren." Hoffmann hofft auf Maßnahmen in der Politik. Sie besucht Kindertagesstätten und Grundschulen, um ein Verständnis für den Wert der Lebensmittel zu schaffen. So veranschaulicht sie mit den Boden bedeckenden Karten den gesamten CO2-Ausstoß, der bei der Produktion eines Brötchens vom Säen über die Ernte bis hin zur Lieferung anfällt. "Dann ist da das Brötchen, und du wirfst es weg. Und es stecken so viele Hände Arbeit darin."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 19.01.2026, Nr. 15, S. 26 - Sophie Huber, Goethe-Gymnasium, Berlin-Lichterfelde

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