Bei Schülern gefragt: die Sexualpädagogin
Der Innenhof der Seidenfabrik in Dürnten im Kanton Zürich ist menschenleer. Unter dem Klingelknopf steht „Lady Planet“. Im zweiten Stock wartet Bea Loosli, eine 46-jährige, selbstbewusste Frau. Ihre sportliche Aufmachung lässt sie deutlich jünger erscheinen. Die ausgebildete Sexualpädagogin ist Gründerin der Ladyplanet GmbH. In Regalen stehen die im Onlineshop angebotenen Produkte: Menstruationstassen, Zyklus-Computer, Intimpflegeprodukte, Kondome und Love Toys. Direkt gegenüber steht ein imposanter Tisch, beladen mit Kamera, Mikrofon und Computer. Hier werden der Social-Media-Content, die Youtube-Videos und die Onlinekurse aufgenommen. In ihrem Reich gibt es zudem eine gemütliche Sitzecke. Loosli lässt sich im Schneidersitz nieder.
Enthusiastisch führt sie aus, dass sie dafür einstehe, dass Frauen ihren Zyklus leben können. Dies habe einen direkten Zusammenhang mit ihrem Wohlbefinden. Sie selbst habe mit 14,5 Jahren ihren ersten Freund gehabt und die Antibabypille mit 16 genommen. Nach drei Jahren seien Nebenwirkungen aufgetreten, die eine zweijährige Leidenszeit mit sich brachten. Mit 21 habe sie die Pille abgesetzt. „Die Pille hat einen erheblichen Einfluss auf den Zyklus der Frau. Die meisten Produkte unterdrücken den Eisprung.“ Die Frau verpasse so ihre schönste Zyklusphase und habe unter Umständen auch weniger Verlangen nach Sex sowie Stimmungsschwankungen. Als Alternative empfiehlt Loosli, sich als Paar Zykluswissen anzueignen und mit der natürlichen Temperaturmethode zu verhüten. Beim Eisprung steigt die Körpertemperatur der Frau um circa ein halbes Grad. Nach einer Lernphase von zwei bis sechs Monaten könne eine Frau mithilfe eines Zykluscomputers die fruchtbaren Tage erkennen. „An einem unfruchtbaren Zyklustag kann das Paar ungeschützten Verkehr haben, sofern beide auf Geschlechtskrankheiten getestet sind. Ohne den Samen eines Mannes wird keine Frau schwanger. Aus diesem Grund ist Verhütung als Teamwork zu sehen.“
Ursprünglich habe sie eine Ausbildung zur Kauffrau mit Berufsmatur absolviert, ging zum Sprachaufenthalt in die USA und arbeitete zwölf Jahre in einem Reisebüro. Während ihrer „30er-Krise“ stieß sie auf Menstruationstassen, fand einen Hersteller und begann, diese helmförmigen Tassen aus Silikon in der Schweiz zu vertreiben. Sie seien eine kostengünstigere und umweltfreundlichere Alternative zu Binden und Tampons. Ein Grund, weshalb sie sich noch nicht durchgesetzt hätten, sei, dass sich viele Frauen vor ihrem Menstruationsblut ekeln, mit dem sie beim Verwenden dieser Tassen in Kontakt kämen. Mit ihrem humorvollen Umgang sei es Loosli jedoch gelungen, die Vorbehalte ihrer Kundinnen zu relativieren.
Humor ist Loosli wichtig, gerade wenn es um Sexualität geht. Beim Lachen können sich die Zuhörer entspannen. Ihre Comedy-Ader hat Loosli etliche Aufträge und TV-Auftritte beschert. Zu ihren Einnahmequellen zählen auch Vorträge und das Privatcoaching von Pärchen.
Loosli hatte Ladyplanet schon zehn Jahre betrieben, da absolvierte sie eine einjährige sexualpädagogische Weiterbildung am ISP Zürich, dem Institut für Sexualpädagogik. Sie wollte ihr Wissen auch in die Schulen bringen. Seit 2020 ist sie als Sexualpädagogin zugelassen und unterrichtet auf Anfrage in allen Klassenstufen. Auf die Frage, weshalb nicht die Biologielehrkraft den Sexualkundeunterricht übernimmt, lächelt sie kurz. Letztlich gehe es um Rollen, die die Lehrpersonen und die Schüler einnehmen. Es sei oft einfacher, ein so intimes Thema mit einer externen Person zu behandeln. Loosli behandelt nicht nur die biologischen Aspekte, sondern auch Beziehungskomponenten, die sexuelle Identitätsfindung, den Selbstwert in der Intimität, bespricht Verhütung, Geschlechtskrankheiten und die persönlichen Rechte bei Übergriffen. Auch auf peinliche Situationen könne sie besser reagieren. Wichtig sei, dass man Tabus und schambehaftete Situationen durch Witz und Lockerheit entkräftet. Sie plädiert für klassenübergreifende Vorträge von der Sekundarstufe an, da es so für die Jugendlichen einfacher sei, anonym zu bleiben, und störende Klassendynamiken weniger zum Tragen kämen. Sie öffnet eine Schachtel mit Plüschvulven und Plüschpenissen. „Mit diesen plastischen Veranschaulichungen können sich die Jugendlichen alles viel besser vorstellen.“ Loosli leitet auch Workshops für Männer. „Ich möchte mit meiner Aufklärung die Einheit und den Frieden zwischen den Geschlechtern fördern. Denn ohne ein Miteinander geht es schlichtweg nicht auf Erden.“