Revierförster Sturm nimmt die Motorsäge in die Hand - und erschafft Skulpturen.
Der Geruch von Sägemehl und getrocknetem Harz liegt in der Luft. Sonnenstrahlen scheinen zwischen den dicken Baumstämmen, vereinzelt ist das Zwitschern von Vögeln zu hören. Abgeschieden ist die "Waldwerkstatt", der Arbeitsplatz von Pascal Sturm. Dort schnitzt er seine hölzernen Figuren, Tiere und Knoten. "Am hinteren Ende des Waldweges findet man mich." In einer Halle lagern seine Werke. Die Skulpturen liegen auf Paletten. Einige sind älter, und das Holz ist schon dunkel, andere sind neu und noch sehr hell. Die Holzspiralen sind bis zu zwei Meter lang und je nach Modell ein Meter hoch. Die Halle ist kalt. An der Wand steht eine rote Bank. Daneben stapelt sich eine Menge Holz. Die Fenster sind mit rotem Metall umrahmt.
Sturm ist Revierförster in Bäretswil, einem Schweizerdorf im Kanton Zürich. Seine Laufbahn begann mit einer Lehre als Forstwart. Dort lernte er den Umgang mit Motorsägen. "Schon als kleines Kind wollte ich in diesem Beruf tätig sein, ich war schon immer gern draußen", sagt der 47-Jährige. Er ist von einem harmonischen Zusammenleben mit der Natur überzeugt. Der Mensch sei verantwortlich für die Natur. "Ich will, dass die Welt lebenswert bleibt." Nach der Lehre bildete er sich in einer zweijährigen Fachschule zum Förster weiter.
Sturm ist mit dem Glauben an die Naturlehre aufgewachsen. Er organisierte bereits vor über zehn Jahren eine Outdoor-Woche zur Persönlichkeitsentwicklung, zur "Selbstheilung", wie er sagt. "Man muss ein Bewusstsein gegenüber der Natur haben, um respektvoll zusammenzuleben." Sturm trägt eine schwarze Fleecejacke und eine braune Arbeitshose, rutscht auf der roten Bank hin und her und verschränkt die Arme vor der Brust. "Die Lehre hört nicht beim Physischen auf, auch die geistige Ebene ist lebendig. Dazu braucht es eine gewisse Offenheit gegenüber dem Glauben. Dies alles ist Teil der Naturlehre." Man müsse dem Leben selbst vertrauen. Nur so komme man auf den richtigen Weg. Auch bei seinen Schnitzereien vertraut Sturm darauf, dass er immer zu einem Resultat kommt. "Ein wichtiger Punkt ist: Wenn man etwas wahrnimmt, dies auch für wahr zu nehmen." Er streicht eine Strähne seines braunblonden Haars, das seinem Zopf entwischt ist, zurück hinters Ohr. Seine blauen Augen leuchten jedes Mal auf, wenn er in die Sonne schaut.
Auf seinem Schnitzplatz im Wald sind Baumstammscheiben verteilt. Einige stehen aufrecht auf ihrer Kante, andere liegen mit der Fläche nach unten. Viele davon sind mit Laub bedeckt. "Ich war lange nicht mehr hier, da ich momentan viel in der Halle zu tun habe." Einige Scheiben wurden schon mit der Kettensäge bearbeitet, man sieht tiefe Furchen. Es sind angefangene oder abgebrochene Kunstwerke. Kein einziges hat Sturm von Hand geschnitzt. Egal wie genau es sein muss, er macht alles mit der Motorsäge. "Die Handschnitzerei war mir viel zu mühsam." Seit 25 Jahren schnitze er verschiedene Tiere, mittlerweile seien es bereits 50 Arten. Oft seien es Auftragsarbeiten, als Geburtstagsgeschenk, für Hochzeiten oder Privatpersonen, die eine Skulptur in ihrem Garten wollen. "Für mich ist es am einfachsten, wenn die Kunden schon eine genaue Vorstellung haben. So ist es leichter, meinen eigenen Stil mit den Wünschen zu kombinieren. Schnitzen ist für mich etwas Schöpferisches, man erweckt Holz zum Leben." Für eine solche Auftragsarbeit brauche er meistens vier bis acht Stunden. Die Preise liegen zwischen 500 und 1500 Franken. Seine Skulpturen würden so real wirken, dass sogar echte Tiere deutlich darauf reagieren würden, meint er.
Vor einiger Zeit habe er etwas Neues ausprobiert und damit begonnen, Skulpturen in Form von Knoten zu schnitzen. Durch eine Ausstellung in Untersiggenthal im Aargau sei er auf die Kunstschnitzerei gestoßen. "Jetzt ist es mein Traum, mit meinen Schnitzereien größere Ausstellungen zu besuchen." Die für ihn bisher größte war die openArt 2023 im Kanton Graubünden. "Auf der einen Seite sind es die figürlichen Arbeiten wie Tiere. Auf der anderen Seite faszinieren mich die künstlerischen Werke, die neuen Formen, die es zu entdecken gibt." Seine Kunstobjekte stellen oft ineinander geflochtene Schleifen und Schlingen dar, eigentliche "Knoten". Für ihn machen schöne Rundungen und ein symmetrisches Bild den künstlerischen Aspekt aus. Sie sehen aus wie Seilknoten, nur eben aus Holz. Für einen solchen Knoten brauche er etwa 30 bis 40 Stunden. Dabei legt er seinen Fokus auf die Details. Die Preise für die Kunstobjekte liegen zwischen 2000 und 4500 Franken. Das Holz dafür stamme aus seinem eigenen Wald oder er kaufe es.
"Mein Ziel ist es, dass der Sturmische Knoten ein allgemeiner Begriff wird." Er wolle direkt mit seinem Knoten assoziiert werden. Ursprünglich kam die Idee von einem Achter-Knoten, also einem Knoten in einem Seil, der ein Anfang und ein Ende hat. Doch genau das sei das Problem. "Er kann sein eigenes Gewicht nicht halten und fällt mit der Zeit in sich zusammen. Der Sturmische Knoten allerdings besteht aus einem Stück und kann sich ohne Probleme selbst halten." Eine aufgestellte Acht bildet die Grundlage, aber statt dass sie unten geschlossen sei, würden die Schlingen einen Bogen nach außen machen, bögen sich nach oben und träfen sich schließlich in der oberen Schleife der Acht. So entstehe eine harmonische Skulptur. "Meine Inspiration nehme ich aus der Herausforderung selbst. Ich probiere, um zu sehen, was möglich ist." Eine Skulptur müsse nicht kompliziert sein. Wichtiger sei, dass die Rundungen der Knoten gleichmäßig und schön seien. Dies bewerkstelligt Sturm mit der Motorsäge. Mit Basteldraht erstellt er manchmal kleine Muster. "Beim Prozess, neue Formen auszuprobieren, kommt man immer wieder an den Punkt, wo man denkt, es geht nicht mehr weiter. Doch man sollte weitermachen, und nach zwei oder drei Stunden Arbeit merkt man, dass es doch funktioniert." Allerdings habe er einige Skulpturen abbrechen müssen, da sie zu feingliedrig waren oder das Holz zu spröde war. Seine Kinder sind drei und sechs Jahre alt. "Die beiden Kleinen haben noch kein Interesse am Schnitzen. Basteln ist ihre oberste Priorität."