Gemeinsam einsam lesen

Beim "Silent Reading Rave" lesen viele zusammen und doch jeder für sich

Schaut man auf die Hände, ist da ein Buch. Die rund 60 Teilnehmer des "Silent Reading Rave" im Gleis-Café in Zürich lesen. Romane, Comics, Zeitungen, alles, was man lesen kann. Sitzend, zum Teil auch stehend. Beim Silent Reading Rave, für alle frei zugänglich, treffen sich Leute dreimal im Monat, setzen sich zwei Stunden lang hin und lesen, in Ruhe, egal ob mit der Intention zu lesen oder mit dem Vorhaben, nach dem Rave zu quatschen und neue Freunde zu finden.

 

"An unseren Veranstaltungen haben Menschen die Möglichkeit, zusammen zu lesen. Es ist aber trotzdem eine singuläre Aktivität. Leute lesen in ihren eigenen Büchern und Texten. Gemeinsames einsames Lesen", sagt Fabian Weingartner, der den Nonprofit-Verein "Silent Reading Rave". gegründet hat. "Rave", weil man "spontan an einen Ort geht, Spaß hat und wieder geht, und natürlich klingt es auch toll", meint Weingartner.

 

Im Raum fällt die gemischte Dekoration auf. Da gibt es eine Sitznische mit Blättern und einer großen Muschel obendrauf. Von der Decke hängen zwei chinesische Sonnenschirme. Man sieht Discokugeln neben weiteren Zimmerpflanzen. In einem Regal finden sich Bilder von Models und groß aufgestellte Buchstaben, die teils Wörter bilden. "Wir sind jeden letzten Samstag des Monats im Gleis-Café", sagt Linda Hruza, die Ko-Präsidentin des Vereins. Es fanden schon Raves in Parkanlagen, Yoga-Räumen, Hotel-Lobbys, Buchhandlungen oder auf Festivals statt. Es ging schon in ein Museum, "ein Highlight wegen der Ruhe". Bald lesen sie auf einem Bauernhof.

 

Zu Beginn des heutigen Raves suchen alle einen Platz und packen ihre Sachen aus. Nach 20 Minuten hört man nur noch das Klirren von Gläsern und die gedämpften Stimmen der Serviererinnen. "Natürlich darf man auch früher gehen oder später kommen, die einzigen Regeln sind: Ruhig sein und lesen, egal ob Roman, Zeitung oder Sachbuch", erläutert Hruza. Angefangen habe alles vor fünf Jahren mit Fabian Weingartner. "Ich habe einen Instagram-Kanal, drei erste Posts gemacht und Freunde in meinem Umfeld gefragt, ob sie vorbeikommen wollen. Wir haben uns auf einer Wiese getroffen und für zwei Stunden gelesen. Es kamen sechs Leute, heute sind es mindestens 60", sagt er.

 

Die Gäste schauen konzentriert in ihre Bücher. Die Kaffeemaschine brummt. Ein etwa zwanzigjähriger Mann trägt ein schwarzbraun kariertes Jäckchen und liest "Greta & Valdin" von Rebecca K. Reilly. Eine andere Leserin nippt gerade angestrengt an ihrem Kaffee, während sie in das Buch "Orbital" von Samantha Harvey schaut.

 

"Die Idee stammt aus den USA. Dort war es verbreitet, dass Tickets für die Veranstaltung vorab gekauft wurden, für den Eintritt und ein Getränk an der Bar. Ich habe einen Beitrag dazu gesehen und schaute mich um, ob es das auch in der Schweiz gibt. Leider nicht, darum habe ich es dann selbst gemacht", berichtet Weingartner. Ihm sei von Anfang an wichtig gewesen, die Veranstaltung für alle zugänglich zu machen. "Mich hat gestört, dass so ein Event kapitalisiert werden muss. Lesen soll meines Erachtens möglichst zugänglich sein, darum ist unser Hauptangebot, die Raves, auch gratis." Natürlich bezahle man sein Getränk, aber noch eines zu bestellen sei kein Muss. Die meisten haben sich heute einen Kaffee gegönnt. Manche ein Bier oder ein Softdrink.

 

Hruza war anfangs skeptisch. Ihr erschien es komisch, mit fremden Leuten zusammenzusitzen und einfach still zu lesen. "Als ich vor eineinhalb Jahren auf den sozialen Medien einen Aufruf des Vereins gesehen habe, habe ich mich trotzdem gemeldet. Heute kann ich die Silent Reading Raves, bei denen ich dabei war, nicht mehr zählen." Der größte Teil der Gäste sei zwischen 18 und 30. "Jedoch wird die Altersgruppe inzwischen gut durchmischt", meint Hruza und deutet auf zwei ältere Damen, die das Café betreten. "Der Silent Reading Rave wuchs, trotz der Covid-19-Pandemie", erklärt Weingartner. "Wir lasen nämlich online weiter und zogen so auch neue Leute an. Irgendwann merkte ich, dass weiter ein Bedürfnis bestand, sich zu treffen. Wir loggten uns auf meet.jit.si, einem Gratis-Angebot, ein. Die Leute durften ihr Buch, das sie lasen, als Anzeigenamen angeben. Wenn sie wollten, konnten sie auch ihre Webcam einschalten." Es kamen bis zu 50 Leute. "Das war sehr schön, gerade in Lockdown-Zeiten. Auch war es erfrischend, in einem Online-call mal nichts sagen zu müssen, sondern einfach zu sein." So wie beim heutigen Rave, wo alle in Ruhe für sich sind.

 

"Vor einem Jahr hatten wir noch rund 40 Personen pro Rave, an der Sommerparty letzten Jahres zum fünfjährigen Jubiläum tauchten sogar über 100 Leute auf. Danach haben immer mehr Leute von uns gehört. Viele Zeitungen haben über uns geschrieben", erzählt Hruza stolz. Das Wachstum bringt auch Herausforderungen. Es sei schwerer geworden, Orte zu finden, an denen gelesen wird. "Wir müssen immer noch alle Gäste unterbringen, was etwa in einer kleinen Buchhandlung nicht mehr möglich ist." Zurzeit suchen sie nach Räumen, die eigentlich nicht für das Lesen gedacht sind, wie beispielsweise ein Nachtclub, natürlich tagsüber und ohne DJ und tanzende Leute.

 

Pläne für "Late Night Rave Editions" gebe es auch. Diese würden zwischen 22 Uhr und Mitternacht stattfinden. Die Raves tagsüber sind meist zwischen 14 und 16 Uhr. Momentan ist das After-Rave-Programm quatschen, sich gratis Sticker besorgen, mit kurzen Quotes wie "hot people read" oder andere "Merches" kaufen, wobei das Geld als Spende an den Verein geht. Man kann auch das eigene Buch mit einem "Silent Reading Rave"-Wappen stempeln lassen.

 

Durch die Raves haben sich neue Freundesgruppen gebildet, "die man öfters an Veranstaltungen wiedersieht", sagt Hruza. Weingartners Vision, eine "Lesegemeinschaft" zu bilden, hat sich erfüllt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 06.10.2025, Nr. 231, S. 26 - Denise Rehman, Kantonsschule Uetikon am See

zurück